Der Streit um die Antisemitismus-Doku des Filmemachers Joachim Schröder geht weiter. Der Produzent erhebt schwere Vorwürfe gegen die öffentlich-rechtlichen Sender Arte und WDR, die seinen Film nicht ausstrahlen wollen. Die Programmverantwortlichen hätten nie mit ihm oder der zuständigen WDR-Redakteurin Sabine Rollberg darüber gesprochen, warum sie den Film nicht senden wollen, sagt Schröder der ZEIT: "Man ist kein einziges Mal direkt an uns herangetreten. Man müsste sich doch zusammensetzen, wenn ein Problem besteht."

Es habe nur Gerüchte gegeben, seine Dokumentation sei nicht multiperspektivisch, objektiv und neutral genug. Gegen diesen Vorwurf wehrt sich der Filmemacher: "Wie kann man einen Film über europäischen Antisemitismus machen, der nicht vom Verstand, von der Haltung und vom Herzen her projüdisch ist?" Auch gegen den journalistisch schwerwiegendsten Einwand, den der WDR in einer offiziellen Erklärung erhob, verwahrt sich Schröder. In seinem Film wird verschiedenen Nichtregierungsorganisationen vorgeworfen, antiisraelische Propaganda zu betreiben. Mit diesem Vorwurf habe Schröder die NGOs entgegen journalistischen Standards nicht konfrontiert, argumentiert der WDR. Schröder sagt dazu: "Die Zahlen sind korrekt, die Vorwürfe sind korrekt, aber ich habe nicht erwartet, dass diese Organisationen mir etwas Originelles dazu sagen können."

Inzwischen ist die Dokumentation mit dem Titel Auserwählt und ausgegrenzt auf der Website der Bild-Zeitung zu sehen. Die Seite will ihren Lesern den Film bis Mitternacht zeigen. Die Zeitung mutmaßt in einem eigenen Vorspann, dass die Dokumentation deswegen nicht von Arte und WDR gezeigt werde, "weil sie ein antisemitisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft belegt, das erschreckend ist". Es sei die verpflichtende historische Verantwortung, "den Unsäglichkeiten, die in der Dokumentation belegt werden, entschieden entgegenzutreten", heißt es auf bild.de.

In einem am Dienstag veröffentlichten Statement hat der deutsch-französische Sender Arte auf den Leak der Dokumentation reagiert. "Arte hat zur Kenntnis genommen, dass Bild.de die Dokumentation 'Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa' in eigener Verantwortung online gestellt hat. Auch wenn diese Vorgehensweise befremdlich ist, hat Arte keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann", schreibt Arte.

Dem Vorwurf, der Film passe aus politischen Gründen nicht ins Programm, hat Arte widersprochen. Das sei "schlichtweg absurd". Der ursprünglich von der Programmkonferenz genehmigte Programmvorschlag habe ausdrücklich das Thema des unter dem Deckmantel der Israel-Kritik versteckten Antisemitismus vorgesehen. Im Fokus sollte entsprechend der editorialen Linie von Arte als europäischem Sender aber nicht der Nahe Osten, sondern Europa sein. Der Sender könne und wolle den Film nicht durch eine eigene Ausstrahlung nachträglich legitimieren. Denn Schröder soll dem Sender zufolge, ohne "dass Arte darüber informiert wurde, gravierend vom verabredeten Sendungskonzept" abgewichen sein. Eine solche Vorgehensweise könne Arte in diesem wie in jedem anderen Fall nicht akzeptieren.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte zuvor schon die Sender Arte, WDR und ZDF aufgefordert, den unter Verschluss gehaltenen Film über Antisemitismus freizugeben. Zentralratspräsident Josef Schuster hatte an den Arte-Präsidenten und SWR-Intendanten Peter Boudgoust geschrieben, er maße sich nicht an, die Dokumentation der Autoren Joachim Schröder und Sophie Hafner journalistisch zu beurteilen. Warum formale Gründe aber die Ausstrahlung verhinderten, erschließe sich ihm nicht. Schuster bat die Sender darum, die Entscheidung zu überdenken.