Wie kann es eigentlich sein, dass Thomas de Maizière in seinem Besinnungsaufsatz darüber schrieb, was an Deutschland deutsch sei (Goethe, keine Burka) und mit keinem Wort den Dachboden erwähnte? Es dürfte wohl kaum einen deutscheren Ort geben als den, an dem die Leute ihren ganzen Plunder aufbewahren und keinen, der verlässlicher von deutscher Alltagskulturgeschichte kündet.

Bei der ZDF-Sendung Bares für Rares wird der ganze Dachboden-Plunder von Kandidaten angeschleppt, von Experten geschätzt und anschließend Händlern feilgeboten. Da bringen Leute das Goldgeschmeide mit, das der Vater der Mutter schenkte, als die ihn in Peru besuchte, wo er damals auf Montage war. Da ist die alte Porzellanfigur von 1930, die im Keller stand. Taschenuhren, Salamander-Schuh-Lurchi-Figuren, eine Messingguss-Salonlampe. Bei Bares für Rares gibt es einfach alles.

Und die Leute wollen das sehen. Die Sendung, die 2013 startete, läuft mittlerweile täglich und so gut, dass schon von einem "Trödelhype" die Rede ist. Mehr als zwei Millionen Zuschauer verfolgten 2016 laut ZDF jede Sendung im Schnitt, in diesem Jahr sind es mehr als zweieinhalb Millionen. Nachmittags. Nun hat es die Sendung sogar in die Primetime geschafft, zwei Spezialausgaben laufen im Juni und Juli donnerstags um 20.15 Uhr. Man kann sich diesen Erfolg eigentlich nur damit erklären, dass die Zuschauer auch alle einen Speicher voller Gerümpel haben und langsam nicht mehr wissen, wohin damit.

Die Frage ist nur, warum gerade dieses Format so steil geht, wo es Vergleichbares in Deutschland doch seit mehr als 30 Jahren gab und gibt. Kitsch oder Kunst? etwa lief beim Hessischen Rundfunk, echt antik?! beim SWR, wo als Kunstsachverständiger derselbe Albert Maier auftauchte, der nun mit rotgerandeter Brille im ZDF herumexpertet. Im WDR gab es den etwas anders konzipierten Trödel-King, der messiegefährdeten Menschen beim Aufräumen half, beim NDR läuft Lieb und Teuer und im Bayerischen Fernsehen seit 1985 Kunst und Krempel. Auch die Privaten wie RTL2 und Kabel1 haben ähnliche Sendungen.

"Ist das nicht ein Träumchen?"

Horst Lichter, der die Sendung präsentiert und mit seinem Kaiser-und-Künstler-Zwirbelbart fast schon eines ihrer Artefakte sein könnte, sagte in einem ZDF-PR-Interview: "Die Menschen möchten wieder ein Format haben, das ehrlich ist, das echt ist." Mit dieser formelhaften Allerweltsexegese allein kann es freilich nicht getan sein. Der Witz an Bares für Rares besteht im Vergleich zu den anderen Sendungen in der gerade nicht stattfindenden Musealisierung. Im Gegensatz zu Kunst und Krempel etwa, das aus wechselnden Schlössern und Klöstern sendet und als eine Art Antiquitätenberatung mit anschließender Expertise fungiert, geht es in Bares für Rares um den gefühlten Wert der Dinge.

Die – hauptsächlich älteren – Kandidaten möchten vor allem etwas über die Geschichte des Stücks erfahren, das seit Jahrzehnten ihren Emotionshaushalt bereichert. Drei Experten und eine Expertin sind dafür zuständig. Allerdings plappert Horst Lichter – da spielt das ZDF seine ganze Kompetenz bei der Herstellung von Quengelware aus – jede alte Sitzgelegenheit in den Rang eines wunderhübschen Stückchens. "Schönes Väschen." – "Nee, wat schnuckelich." – "Ist das nicht ein Träumchen?"

Die soziale Frage des Entrümpelns

Wertvoll ist, was für die Besitzer von Wert ist, das ist es, was Lichter mit jeder Versüßlichung ausdrückt. Wo Kunst und Krempel vom Kunsthandel erzählt – einmal wurde da sogar ein Gemälde präsentiert, das sich als Raubkunst herausstellte  –, entspricht Bares für Rares der populären Variante des Handels: dem Flohmarkt.

Der indonesische Ethnosoziologe Damsar hat bei seiner Forschung über deutsche Flohmärkte einmal festgestellt, dass der bloße Verkaufsakt zumindest für die meisten nicht professionellen Händler nachrangig ist. Er sieht den – wohlgemerkt: deutschen – Flohmarkt als postmateriellen Werteraum, weil es vielen Beteiligten vorrangig um eine sinnvolle Sekundärverwertung ihrer Güter zu gehen scheint.

Bei dieser Erkenntnis schließt Bares für Rares an: Es geht um soziale Fragen des Entrümpelns. Um die Frage, ob die Vase wirklich wertvoller wird, wenn sie nach Omas Tod zu Hause im Schrank stehenbleibt, nur weil sie da halt jetzt schon ein halbes Jahrhundert stand. Und darum, was man mit dem womöglich erlösten Geld machen dürfte, wenn man sie nun tatsächlich verkaufen würde.