In einem schmucklosen Büro sitzen sich zwei Frauen gegenüber. Sie mögen sich nicht, ganz und gar nicht. Die eine, Vittoria (Valeria Solarino), ist Staatsanwältin. Sie knallt Fotos auf den Tisch: Pasquale, 17 Jahre alt, tot aufgefunden mit einem Sack Kokain im Mund. Giovanni, 18 Jahre alt, mit einem Kopfschuss getötet, als er gerade Tischfußball spielte. Gino, 19 Jahre alt, erwürgt. "Das könnte Ihr Sohn sein", sagt die Staatsanwältin zu Assunta (Daniela Marra). Die kämpft dafür, ihren Mann aus dem Gefängnis herauszubringen. Obwohl sie ihren Mann auch nicht mag, fragt sie die Staatsanwältin zurück: "Haben Sie Kinder? Nein? Dann kümmern Sie sich um Ihren eigenen Dreck."

Wir kennen Mafia-Filme als opulente, episch breite Hollywoodproduktionen, in denen der Pate am langen Ende des Tisches der ehrenwerten Gesellschaft vorsitzt und seine zahlreichen Marionetten tanzen lässt. Fernando Muracas Das Land der Heiligen ist das sparsame, stille Gegenprogramm: Zum einen ist der Film gerade einmal gut 80 Minuten lang, zum anderen prägt ihn nicht eine verschwenderisch-luxuriöse Bilderwelt, sondern eine in Grau- und Blautöne getauchte Tristesse.

Vor allem aber, und das ist der perspektivische Kniff des Films, spielen Männer in Das Land der Heiligen nur eine untergeordnete Rolle. Sie tauchen auf als bedrohliche Schatten, als finstere Gesellen, die in Kellern Aufnahmerituale abhalten. Sie sind abgetaucht ins Gebirge und bestimmen das Geschehen aus dem Hintergrund. Der Fokus liegt auf den Frauen, vor allem auf jenen, die in den mafiösen Strukturen zu dienen, zu gehorchen, Kinder zu gebären und ansonsten am besten keine Fragen zu stellen haben. Mit diesem Stereotyp bricht Das Land der Heiligen konsequent: Die Frauen sind ambivalente Figuren. Opfer, auch das, selbstverständlich, aber auch Mittäterinnen, die in ihrer Duldsamkeit oder Bequemlichkeit ein System der Gewalt stützen.

Kino - "Das Land der Heiligen" (Trailer) © Foto: Kairos Filmverleih

Das Land der Heiligen, das ist Kalabrien, die südlichste Region auf dem italienischen Festland, Spitze des Stiefels sozusagen. Die kalabrische Mafia, die ’Ndrangheta, gilt als die mächtigste Organisation ihrer Art in Europa, Jahresumsatz: geschätzte 54 Milliarden Euro. Seit 1991 hat die italienische Regierung landesweit 82 Gemeinderäte aufgelöst, weil sie nachweislich im Griff der Mafia waren – 76 davon in Kalabrien. Hierher also ist Vittoria, die Staatsanwältin, gekommen. Aus dem Norden Italiens noch dazu. Eine Fremde, der man zur Begrüßung erst einmal einen Schweinekopf vor die Haustür legt. Dass sie keine Ahnung davon hat, wie es in Kalabrien zugeht und wie sie sich in diesem Geflecht aus Angst, Gewalt und Schweigen zu verhalten hat, wird ihr schnell zu verstehen gegeben. Sie geht dennoch jeden Morgen am Strand joggen, bewacht vom Polizisten Domenico (Ninni Bruschetta).

Ihre Gegenspielerin ist die Kalabrierin Assunta. Sie ist jung und schön, die Mutter zweier Söhne im Alter von siebzehn und sieben Jahren und bereits Witwe. Ihr Mann ist ein Opfer des Bandenkrieges geworden. Als der Film einsetzt, steht eine zweite Hochzeit an: Assuntas ältere Schwester Caterina (höchst diabolisch: Lorenza Indovina) ist mit einem ’Ndrangheta-Boss verheiratet, dessen Befehlsgewalt  sich auf die gesamte Familie erstreckt. Er zwingt Assunta dazu, ihren Schwager Nando (Francesco Colella) zu heiraten. Auch er ist ein zwiespältiger Charakter, je nach Blickwinkel ein Weichei, dem allein die schützende Hand seines Clans Unangreifbarkeit verleiht. Oder einer, der vielleicht ein ganz klein wenig anders ist? Womöglich reflektierter, skrupulöser? Die Hochzeitsnacht jedenfalls gehört zu den beklemmendsten Szenen des Films, weil sich in Assuntas Gesicht diese Mischung aus Hilflosigkeit und kalter Wut widerspiegelt: Da ist eine kluge Frau, die eine Abwägung getroffen hat und einsehen musste, dass Widerstand zwecklos ist.

Das Land der Heiligen ist im Kern ein intimes Duell dieser beiden gleichstarken und nicht unähnlich strukturierten Frauen, die zufällig auf unterschiedlichen Seiten stehen. Die Fragen, die Vittoria Assunta entgegenschleudert, sind Hiebe, die zunehmend Wirkung zeigen: "Für wen führen Sie dieses Leben?" Oder: "Warum schicken Sie Ihre Kinder zum Sterben, wenn sie 15 sind?" Die Staatsanwältin packt ihre Kontrahentin schmerzhaft genau an jener Stelle, an der diese sich für unverwundbar hält: Ist sie denn nicht eine Mutter, die ihre Kinder liebt? Hat jemand wie Vittoria, die keine Kinder hat und die Gepflogenheiten des Landes nicht kennt, das Recht, über sie, Assunta, zu urteilen? Assunta reagiert zunächst aggressiv auf die ständigen Attacken ihres Gegenübers. Bis dann tatsächlich eine Katastrophe geschieht.

In seinem düsteren Film öffnet Fernando Muraca zum Schluss eine Tür, durch die ein Lichtspalt fällt. Wenn es überhaupt eine Hoffnung auf Veränderung geben kann, dann ist die Wurzel dieser Hoffnung der Schmerz der Frauen.