"Danke, Frau Bundeskanzlerin, das war's nämlich schon wieder ­– unser Sommerinterview mit Angela Merkel", sagte die ARD-Journalistin Tina Hassel am Sonntagabend nach 19 Minuten Gespräch. In dieser Zeit hatte Hassel zusammen mit ihrem Kollegen Thomas Baumann 20 Fragen an die Bundeskanzlerin gestellt, die Angela Merkel nicht in größere Erklärungsnöte brachten. "Das war's nämlich schon wieder" fasst die Angelegenheit also gut zusammen: Das Interview ging relativ fix über die Bühne und ziemlich routiniert.

Dabei lebt der als Sommerinterview titulierte Anlass von einer gewissen Exklusivität, auf die etwa Texte wie dieser reagieren: Die Bundeskanzlerin ist – auch als Zeichen ihrer Bedeutung – medial nicht so leicht zu haben wie Wolfgang Bosbach, ein Gespräch mit ihr ist etwas Besonderes. Das merkt man der Anspannung sowohl der Kanzlerin als auch der beiden Interviewer an. Und das führt zu einer verschärften Beobachtung: Die kleinste Abweichung von Routine, das minimalste Indiz für einen Skandal ist geeignet, alarmistisch in die Welt posaunt zu werden.

Auch deshalb redet Angela Merkel, wie sie redet – zelebriert sie ihre Vorsichtigkeitsrhetorik, die wie eine verbale Milchglasscheibe funktioniert, hinter der die Gegenstände, um die es geht, so unscharf werden, dass man als Zuschauerin das Interesse verliert. Der mediale und politische Aufreger der vergangenen Woche – die Gewalt des G20-Gipfels – verschwindet bei Merkel hinter der Formulierung: "Dabei sind Dinge passiert, die absolut nicht akzeptabel sind." Klingt wie Nachrichten in einfachster Sprache: Es ist etwas geschehen, und das war nicht gut.

Wenn die Grammatik verunfallt

Man kann im ARD-Interview dem Merkel'schen Nichts-Falsches-sagen-Wollen im Augenblick seiner Entstehung zuschauen. Das sind die Momente, in denen die Grammatik verunfallt, die Wortwahl fehlgeht: "Dann ist die Wahl auf Hamburg … getroffen worden." Oder wenn sie über das "Bayern-Plan" genannte Wahlprogramm der CSU spricht: "Deshalb hat's in jedem Regierungsprogramm einen bayrischen – ich weiß nicht, ob's jedes Mal Bayern-Plan hieß, aber ein bayrisches … Programm gegeben." Zur Schlussfrage, ob sie im Falle eines Wahlsiegs die Legislaturperiode vollständig absolvieren würde: "Nun haben wir alle über unser Leben nur bedingt … Verfügungsgewalt."

Wo die Punkte stehen, eine kurze Pause im Redefluss sich ergibt, da entscheidet sich Angela Merkel immer für die Bremse, nie fürs Gaspedal – es wird an Stellen, an denen ihr auf Unangreifbarkeit bedachtes Reden ins Zögern kommt, jedes Mal die defensivere, unklarere Beschreibung gewählt und nie einer rausgehauen. Und sei es aus Spaß an der gelungenen Formulierung. Angela Merkel ist auch rhetorisch Protestantin.

Zugleich ist sie kaum gefordert, weil Hassel und Baumann zetteltreu ihren fantasielosen Zack-Zack-Hauptstadtjournalismus abarbeiten. Die Idee von Politikvermittlung, die dieses Gespräch hat, ist genauso durchformatiert wie die Tagesschau: Es geht von einem Thema zum nächsten (Hamburg, Türkei, Klimaschutz, Ehe für alle, Onlinezugangsverbesserungsgesetz, Investitionen und Steuerentlastung, CSU, Karriereplanung). Das Ziel ist, Aussagen zu bekommen, die ihr im nächsten Interview vorgehalten werden könnten, der Ausweis journalistischer Fähigkeit ist das Nachfragen. Aber eigentlich versteht man nichts.

Wie beim Pingpong

Denn was diese Form des Gesprächs an Antworten produziert, sind die allgemeinsten Begriffe von Politik: Man muss "Gespräche abwarten", "Hürden abbauen", "mit den Regionen sprechen", "Alternativen für Beschäftigung herausarbeiten", "den Ausstieg ins Auge fassen". Aussagen wie Schnittbilder, in denen Staatskarossen vor Parlamenten vorfahren oder Politikerinnen einen Flur entlanglaufen. Wobei staatliches Handeln im richtigen Leben einer Demokratie vermutlich auch aus nichts anderem besteht.

Dem ARD-Sommerinterview in seiner politikjournalistischen Selbstergriffenheit entgeht, wie interessant es sein könnte, die 19 Minuten mit der Bundeskanzlerin für ein freieres Gespräch zu benutzen und mit offenen, grundsätzlicheren Fragen ein tatsächliches Nachdenken über Politik zu entwickeln: "Warum gibt es G20-Gipfel?" Stattdessen machen Hassel und Baumann in der Mitte den Fehler, Angela Merkel das vorzuhalten, was im Grundkurs Politbeobachter-Checkertum über sie gelehrt wird: dass sie "Gegner ins Leere laufen" lasse oder – wie bei der Ehe für alle – ein "Thema abräumt". Denn was soll Merkel darauf sagen? Ja, das ist meine Masche, und weil die so gut funktioniert, sitze ich hier und niemand von der SPD?

Bloß keine Pausen

Zu zeigen, wie langweilig es ist, Leute nach den Klischees zu fragen, die über sie kursieren – darauf hat der Medienkritiker Klaus Kinski in Talkshows einst viel Energie verwendet. Wie Hassel und Baumann glauben konnten, mit diesem Fragenkomplex irgendetwas Bemerkenswertes zu erfahren, ist schon deshalb rätselhaft, weil das Nach-dem-Gipfel-Gepolter vom doch selbst beteiligten Außenminister Sigmar Gabriel ("Sie hat versucht, sich zu inszenieren.") als Wahlkampfmanöver so durchschaubar ist, dass Merkel sich natürlich nicht ärgern muss, sondern freuen kann, solch krampfhaftes Gelärm mit Freundlichkeit ignorieren zu können.

"Frau Merkel sagt, dass sie auf die Fragen, die ihr gestellt werden, antwortet", ist der andere Satz, der das ARD-Interview charakterisiert. Geäußert hat ihn Merkel selbst, als Hassel ihr die "Methode Merkel" zum Vorwurf machen wollte. Die formale Begründung der Bundeskanzlerin lenkt das Augenmerk auf die merkwürdige, dynamisierte Gesprächsanordnung, die in permanente Kamerabewegungen übersetzt wird: Immer muss was los sein, denn eigentlich geht es bei dem Interview nur darum, dass keine Pausen entstehen, dass auf eine Frage eine Antwort folgt und auf eine Antwort die nächste Frage. Schön abwechselnd, immer gleichmäßig, wie beim Pingpong.

Dabei würde es doch überhaupt erst spannend werden, wenn der Ball mal im Netz hängen bliebe, wenn irgendwas das gut geölte Hin und Her unterbrechen würde. Wenn man in einer statischen Einstellung einem Gespräch zuschaute. Und sei es nur, damit man am Ende nicht sagen kann: "Das war's nämlich schon wieder."