"Die Chinesinnen hatten recht", spricht Fernando irgendwann in sein Diktiergerät, "hier geht etwas Seltsames vor sich." Da ist der Vogelkundler, der dem neuen Film des portugiesischen Regisseurs João Pedro Rodrigues seinen Titel gibt, längst vom Weg abgekommen und hat sich im Wald verlaufen. Der Kontakt zur zivilisierten Welt ist abgebrochen, Fernandos Smartphone kriegt keine Verbindung zum Netz, zeigt aber immerhin auch nach einigen Tagen in der Natur noch einen erstaunlichen Akkustand von 48 Prozent. Doch es nützt ja nichts; der Mann ist allein mit sich, seinen Ängsten und Sehnsüchten in der freien Wildbahn, und das geht ja selten gut aus. Die Waldgeister jedenfalls, welche die beiden chinesischen Pilgerinnen beschworen haben, die Fernando zuvor traf, setzen ihm zu. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass Fernando auf dem Weg eine Dose voller Pillen verloren hat, die zu nehmen ihn sein Freund beim letzten Telefonat noch so mütterlich ermahnt hatte. Wogegen die Tabletten helfen sollen, erfährt man als Zuschauer nicht.

Und so könnte all das Seltsame, was vor sich geht in diesem Film, auch einfach darin begründet sein, dass dessen Held ohne die Einnahme von vielleicht Psychopharmaka Dinge sieht, die außer in seiner Vorstellung gar nicht existieren. Weil das nur eine von mehreren Deutungsmöglichkeiten ist, deshalb ist Der Ornithologe ein interessanter Film. Auf den man sich einlassen muss – was ja als Aufforderung an den Zuschauer eigentlich eher eine Drohung ist. Einlassen: puh, total furchtbar, üblicherweise.

Rodrigues aber lockt einen, wie es sich für einen Filmemacher gehört, mit sagenhaft schönen Bildern hinein in diese Abenteuergeschichte, die für Fernando als berufliche Exkursion beginnt: Im Breitwandformat sieht man, wie er in einer einsamen nordportugiesischen Gegend mit dem Kanu auf einem Fluss unterwegs ist, auf der Suche nach Schwarzstörchen, die er beobachten will. Allerhand andere Vögel kommen ihm jedoch ebenfalls vor seinen Feldstecher, und weil Fernando einen Moment zu lange fasziniert ist vom Anblick des eleganten Flugs eines Greifvogels, gerät er hinterrücks in Stromschnellen. Das chinesische Pilgerinnenpaar Lin und Fei, offenbar auf dem portugiesischen Jakobsweg von Lissabon herkommend, findet den bewusstlosen Fernando angeschwemmt im seichten Uferwasser liegend und reanimiert ihn fachgerecht. Nur um ihn bald danach mit fiesem Tee zu betäuben und ihn halbnackt an einen Baum zu fesseln. Da steht er dann im Unterhöschen wie der Heilige Sebastian auf dem Gemälde von Antonello da Messina und muss lauschen, was Lin und Fei im Outdoorzelt ein paar Meter weiter planen – nämlich ihn am nächsten Morgen seiner Männlichkeit zu berauben. Die panische Kastrationsangst hilft dann dabei, dass Fernando sich von seinen Fesseln lösen und tiefer in den Wald fliehen kann.

Damit beginnt das Seltsame in einer Abfolge von Szenen, die entlang des namenlosen Flusses spielen. Dessen gedachten Lauf zu folgen, benutzt Rodrigues als Dramaturgie seines Filmes, ganz ähnlich wie das andere Regisseure zuvor getan haben, Francis Ford Coppola etwa in Apocalypse Now und Werner Herzog in Fitzcarraldo. Nur ist in Der Ornithologe das Ziel der Reise kein konkretes, abgesehen davon, der Wildnis zu entkommen. Fernando muss keinen irre gewordenen Colonel Kurtz ausfindig machen wie Captain Willard (trifft aber unter anderem auf drei Amazonen, die wie ein komisch verdrehtes Zitat der Playboy-Bunnys aus Apocalypse Now wirken); er will auch nicht im Dschungel ein Opernhaus errichten wie Brian Sweeneys Fitzcarraldo. Fernando begibt sich aber wie diese filmischen Vorbilder, einmal konfrontiert mit der bedrohlichen Natur und deren geheimnisvollen Bewohnern, unfreiwillig auf die Suche nach sich selbst. Oder nach einem Neubeginn.

Dem Film ist ein Zitat des Antonius von Padua vorangestellt, und spätestens als Fernando am Flussufer auf einen taubstummen Ziegenhirten namens Jesus trifft, gibt sich Der Ornithologe endgültig als Allegorie zu erkennen – als neuzeitliche Erzählung entlang einiger Legenden über Antonius, den portugiesischen Nationalheiligen. Auch Fernando wird wie einst Antonius zu Fischen predigen, und in seiner Rede spiegelt sich zugleich die Vogelpredigt des Zeitgenossen von Antonius, Franz von Assisi: Der eine sprach die Fische als Brüder an, der andere die Vögel, mit sehr unterschiedlichem Erfolg und sehr unterschiedlicher Intention indes – Fische sind als Zuhörer ja per se total untauglich. "Wieso sucht ihr nicht nach reinen und klaren Gewässern, damit ihr erkennt, welchen Weg ihr einschlagt und welche Kost ihr euch einverleibt?", fragt Fernando sie und redet eigentlich nur zu sich selbst.