Dieser Text enthält die Beschreibung von Szenen der ersten sechs Staffeln von Game of Thrones.

"Ich hätte der Erbe sein können, den er wollte," sagt Cersei Lannister in der Romanvorlage von Game of Thrones über ihren Vater. "Aber mir fehlte der Schwanz." Zu Beginn der siebten und vorletzten Staffel der Serie steht Cersei nun auf einer riesigen gemalten Landkarte ihrer sieben Königreiche. Von allen Seiten ist sie von Feinden umringt. Als ihr Bruder Jaime vorsichtig anmerkt, ohne Verbündete werde sie nie einen Krieg gewinnen, zischt sie ihn an: "Glaubst du, ich habe Vater vier Jahrzehnte lang zugehört, ohne etwas zu lernen?" Auch Sansa Stark, die in den vergangenen Staffeln vor allem als gequälte Ehefrau diverser Sadisten herhalten musste, lässt ihren ehemaligen Beistand, den Ränkeschmied Lord Baelish, einfach stehen. "Ihr müsst nicht jedes Mal das letzte Wort haben."

Die Frauen in Game of Thrones lassen sich nichts mehr sagen, und man muss ganz an den Anfang dieser unglaublich erfolgreichen Serie zurückschauen, um zu erkennen, welcher Paradigmenwechsel hier stattgefunden hat. Kein Stichwort verdeutlicht die anfängliche Kritik an der Serie so gut wie die Wortschöpfung sexposition. Zusammengesetzt aus den Worten sex und exposition (Erklärung) benannte der Begriff gleich drei Probleme der Sendung: Sie musste zu viele komplexe Familienfehden erklären und biederte sich aus Angst, dass dem Zuschauer dabei langweilig werden könnte, mit nackten Frauen und überflüssigen Sexszenen an.

Als Game of Thrones anlief, war die Serie eine der teuersten überhaupt; und teuer bedeutete damals in der Logik Hollywoods, dass die Serie vor allem Männer ansprechen musste. Weil Frauen ohnehin Männerkram anschauten, Männer aber angeblich testosteronarmer Unterhaltung fernblieben. Diesem Muster mussten auch die Produzenten anfangs folgen. Es gab überdurchschnittlich viele Bordellszenen und die Kamera frönte dem von der Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey monierten "männlichen Blick". Die Frauen waren Objekte visueller Lust und die Macher schienen stillschweigend anzunehmen, dass der Zuschauer sich das so wünschte. Mehrere Regisseure zeigten sich irritiert über die Vorgaben, die Produzenten und Sender ihnen bei der Inszenierung von Sex und nackter Haut machten.

Das hat sich grundlegend geändert: Die große Nacktszene der fünften Staffel, Cersei Lannisters langer Marterweg durch die Hauptstadt King's Landing, ist an Antierotik kaum zu überbieten – viele Zuschauer werden eher weg- statt hingeschaut haben. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Geschlechterpolitik der Serie immer stärker an der Romanvorlage von George R. R. Martin orientiert. Dessen anti-tolkienscher Realismus imaginiert äußerst präzise, wie Frauen in einer Welt, in der sie a priori entmachtet sind, dennoch Macht entfalten.

Von der intriganten "Dornenkönigin" Olenna Tyrell über die rachsüchtige Cersei Lannister, die religiöse Eifererin Melisandre bis zu den mörderischen "Sandschlangen": ob als Witwe, als Lustobjekt, als Kriegerin, sei es durch religiöse Autorität, reale oder fingierte Sehergabe, durchs Kinderkriegen oder dessen Verweigerung: Martins Frauen spielen sämtliche Register mächtiger Machtlosigkeit durch.

Es ist also durchaus eine von ihm angelegte Ironie, dass die Krisen, die von übertriebenem Machogehabe losgetreten worden sind, am Ende die Frauen an die Macht bringen. Cersei Lannister sitzt auf dem Eisernen Thron, und gefährlich werden ihr vor allem andere Frauen. Die kriegsmüden Männer sind höchstens noch als Berater unterstützend tätig: der entmannte Theon Greyjoy als Schatten seiner Schwester, Jaime Lannister als Cerseis Gewissen, und Tyrion Lannister als Stratege der Drachenkönigin Daenerys.