Da sitzt sie in ihrem langen dunklen Abendkleid, die Beine überschlagen, im Gesicht ein kamerareifes Lächeln. Doch heute will Maria Furtwängler den Beweis dafür antreten, dass die Situation der Frauen auf dem Bildschirm und der Leinwand alles andere als glamourös ist. "Wie präsent sind Frauen und Männer auf deutschen Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden, wie alt sind sie und in welchen Rollen sind sie zu sehen?", so lauteten die Fragen, die die Forschungsgruppe der Universität Rostock auf Initiative der Schauspielerin beantworten sollte. "Wir hatten alle dieses diffuse Gefühl, dass es mit steigendem Alter weniger Rollen für Schauspielerinnen gibt, aber wir hatten keine Fakten", sagt Furtwängler, die unter anderem als Tatort-Kommissarin bekannt ist.

Tatsächlich gibt es in Deutschland nur vereinzelte und veraltete Untersuchungen zum Thema Geschlechtervielfalt in Film und Fernsehen. Die erste und bekannteste stammt aus den Siebzigern von Erich Küchenhoff. Sein ernüchterndes Fazit: "Männer handeln, Frauen kommen vor." Frauen agierten damals vorwiegend als hübsche Nebenfiguren oder Assistentinnen. Als Monika Weiderer 1993 eine ähnlichumfangreiche Untersuchung des deutschen Fernsehensdurchführte, stellte sie kaum Fortschritte fest.

Danach wurde die Forschung kleinteiliger, die Vielfalt an Sendern und Formaten wuchs, ebenso die theoretischen Ansprüche der Geschlechterforschung. Es wurde anspruchsvoller, Frauen und Männer im Fernsehen methodisch sauber zu zählen. Ein größeres institutionelles Interesse, es trotzdem zu tun, gab es nicht. Doch ohne belastbare Daten gibt es entweder keine politischen Forderungen oder die Forderungen laufen mangels Datengrundlagen ins Leere. Die Studie der Uni Rostock könnte man daher zunächst einmal als Erfolg werten: Neben Furtwänglers Stiftung Malisa haben sich immerhin die vier großen Sendergruppen ARD, ZDF, ProSiebenSat.1 und RTL an der Förderung beteiligt, außerdem mehrere Film- und Fernsehförderanstalten.

Die Ergebnisse sind jedoch ernüchternd. Es gibt zwar Fortschritte gegenüber den Siebzigern und Neunzigern, von einer ausgeglichenen Repräsentation der Geschlechter ist man aber noch weit entfernt. Zu Küchenhoffs Zeiten betrug das Geschlechterverhältnis noch 1:3, heute 1:2. Zwei Drittel aller zentralen Personen auf Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden sind also Männer. Die Frauen, die abgebildet werden, sind meist jung (unter 30) und das einzige Genre, in dem sie die Männer zahlenmäßig übertreffen, sind die Daily Soaps.

Immer noch besser als in "Downton Abbey"

Die Verantwortlichen auf dem Podium geben sich angesichts der Schieflage betroffen, aber nicht verantwortlich. "Ich weiß nicht, woran es liegt, aber es ist ein unbefriedigender Zustand", sagt der ZDF-Intendant Thomas Bellut. Den Geschäftsführer der ProSiebenSat.1-Gruppe, Wolfgang Link, macht es "traurig", die Studie nicht selbst erhoben zu haben. Und Frank Hoffmann, der Programmgeschäftsführer von RTL, sagt: "Ich glaube nicht, dass da ein Prinzip dahintersteht." Für seinen Geschmack gehe die Gleichberechtigung auf dem Bildschirmzu langsam voran. Sehe man sich aber die britische Serie Downton Abbey an, sagt Hoffmann, dann gebe es doch deutliche Unterschiede zur Lebenswelt der Frauen heute.

Ernsthaft? Den Fortschritt der Gleichberechtigung durch einen Vergleich mit einer fiktiven Adelsfamilie Anfang des 20. Jahrhunderts zu begründen, ist an Zynismus kaum zu überbieten. In genau solchen Aussagen steckt ein grundsätzliches Problem. Wer immer nur die Gesellschaft, den Zufall oder sonstige unerklärliche Umstände als Erklärung heranzieht, weist das Problem von sich.

Filme und Fernsehsendungen sind gerade keine Zufallsprodukte der Gesellschaft. Sie werden in Auftrag gegeben von Menschen oder Institutionen, die Geld haben und damit über Drehkonzepte und die Teams vor und hinter der Kamera bestimmen. Sie bestimmen, wer die Spiegelbilder unserer Erinnerungen, Erlebnisse und Träume schafft, wie dies getan wird und an welches Publikum sich diese Bilder am Ende richten werden. Das war schon in den Siebzigern eine politische Entscheidung und ist es auch heute noch.

Eine Quote lehnen alle ab

Politische oder inhaltliche Entscheidungen, die über eine weitere interne Diskussion der Zahlen hinausgehen, will keine der Anwesenden auf dieser Podiumsdiskussion treffen.Eine Quote lehnen die Gäste ab. Sie sei "das allerletzte Mittel", sagt etwa die ARD-Vorsitzende Karola Wille. Entscheidender sei, dass es ein Bewusstsein dafür gebe. Auch Petra Müller, die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung in Nordrhein-Westfalen und weiteren Filmförderanstalten, schrecke vor einer Quote zurück. "Es geht um einen Bewusstseinsprozess", sagt auch sie.

Es wäre schön, wenn irgendjemand definieren würde, was genau unter diesem Bewusstsein zu verstehen ist und ob es wirklich fehlt. Die Moderatorin Petra Gerster versucht mehrfach, die Podiumsgäste aufzurütteln, spricht auch die Situation in ihrer eigenen heute-Redaktion an. Dort sei das Geschlechterverhältnis  zwar ausgewogen, in den Ebenen darüber gebe es aber nur noch Männer. Der ZDF-Intendant Bellut bestätigt das kleinlaut.

Am Ende verlässt man die einstündige Veranstaltung mit dem Gefühl, gerade eine Zeitreise unternommen zu haben. Hätte die Präsentation der Studie anders ausgesehen, wenn sie in den Siebzigern stattgefunden hätte? Auf dem Podium wären wohl weniger Frauen und ältere Männer gewesen. Die Debatte wäre aber vermutlich kaum anders verlaufen.

Anstatt über Bewusstsein zu fabulieren, hätten die Verantwortlichen gezielt Strukturen ankündigen können, wie man Frauen fördern und in neuen Rollen präsentieren kann – als Expertinnen oder auch einfach nur als komplexe Figuren. Mehr noch: Wenn es um eine generelle Abbildung von Gesellschaft in Film und Fernsehen gehen soll, um Vorbilder für alle, dann kann es nicht das Ziel sein, einfach mehr schöne, junge, weiße Frauen vor die Kamera zu bringen. Dann muss es konsequenterweise auch dicke Frauen, hässliche Frauen, alte Frauen, böse Frauen oder Frauen mit ganz unterschiedlichen soziokulturellen Hintergründen geben, als Heldinnen und Antiheldinnen. Und nicht nur die: Auf der Bildfläche fehlen bislang völlig Menschen, die sich der binären Geschlechtervorstellung entziehen. Auch das anzuerkennen und abzubilden gehört zu Geschlechterdiversität. Von all dem ist man im Fernsehen und im Film 2017 aber noch weit entfernt.

So muss man sich vermutlich schon freuen, dass es überhaupt wieder eine Studie gab, die das Thema auf den Tisch gebracht hat. Dass es überhaupt um Frauen ging. Man muss hoffend applaudieren, dass diesmal vielleicht wirklich alles anders wird und das Bewusstsein in Handlungen mündet. Mit einer Flucht in andere Medienangebote jenseits der verkrusteten Strukturen macht man es den Sendern nämlich zu einfach. Am Ende, das darf man bei all dem nicht vergessen, wird das alles zu großen Teilen mit öffentlichen Mitteln finanziert.