Es gibt ja so Tage, an denen einem alles misslingt. Eigentlich wollte sich Joe (Mathis Landwehr) nach einer anstrengenden Abteilungsleiterschicht im Büro lediglich bei ein wenig Kampfsport entspannen; auch hatte er sich auf ein Wiedersehen mit seinem Bruder gefreut, mit dem ihm seit Längerem schon ein schwieriges Verhältnis verbindet und der nun Versöhnungsbereitschaft signalisiert. Beide treffen sich im Martial-Arts-Studio, um geschwisterlich ein wenig zu rangeln. Dann nervt ihn der Bruder – seien wir ehrlich, wer kennt das nicht aus der jüngeren Vergangenheit aus seiner eigenen Verwandtschaft? – jedoch mit lästigen Pegida-Parolen; er schwadroniert über die Flüchtlinge, die "unsere Frauen" bedrohen und gegen die man doch etwas tun muss. Schnell kommt heraus, dass er sich für den Kampfsport neuerdings nur interessiert, weil er Flüchtlinge verprügeln und töten will.

Gut für ihn und seine Interessen: In dem Deutschland der näheren Zukunft, in dem der Film Immigration Game spielt, ist das Verprügeln und Töten von Flüchtlingen ausdrücklich erlaubt und erwünscht. Die Festung Europa hat ihre Tore verriegelt, die Grenzen sind geschlossen, Asylbewerber erhalten keine Aufenthaltsgenehmigung mehr. Nur in Berlin werden noch Ausnahmen gemacht, und zwar dann, wenn die Kandidatinnen und Kandidaten sich an dem titelgebenden "Immigration Game" beteiligen. Sie müssen sich vor den Toren der Stadt absetzen lassen und dann zum Fernsehturm am Alexanderplatz durchschlagen. Unterwegs werden sie von kampfeslustigen maskierten Schlägergruppen verfolgt, die mit Fäusten, Stichwaffen und Ketten jeden Kandidaten töten dürfen, der ihnen in die Quere kommt. Das Ganze wird mit Kameradrohnen begleitet und in einer Livefernsehshow ausgestrahlt. Wer wider Erwarten die Hatz überlebt, erhält ein unbefristetes Bleiberecht.

Auch für Biodeutsche kann dieser Deal riskante Auswirkungen haben, wie Joe nach dem Kampfsportfeierabend erfährt. Denn auf dem Heimweg zu seiner ihn liebenden Frau ("ich mach dann mal Abendessen, Schatz") kommt er in einer finsteren Seitengasse an einem Flüchtling vorbei, der gerade von einer Straßenkämpfergang totgeprügelt werden soll. Bei dem Versuch, ihm zu helfen, tötet er seinerseits einen der Angreifer. Nunmehr gibt für ihn zwei Optionen: Entweder geht er zwanzig Jahre lang ins Gefängnis, oder er lässt sich seinerseits darauf ein, wie ein Flüchtling am "Immigration Game" teilzunehmen. Am nächsten Tag wird Joe mit einer Gruppe von verschüchterten dunkelhäutigen Menschen an den Stadtrand gefahren und muss nun, als Verfemter in einer plötzlich brutal gegen ihn gestellten Welt, zurück nach Berlin-Mitte fliehen. Und das live im Fernsehen und auf den großen Werbedisplays der Stadt: Joe ist jetzt ein Vogelfreier in einer kalt gewordenen Welt.

Immigration Game ist eine Low-Budget-Produktion, der Regisseur Krystof Zlatnik hat gerade erst sein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg abgeschlossen und legt damit sein Debüt im abendfüllenden Format vor. Daran gemessen, ist der Film hervorragend geworden: Er ist kurzweilig, flott geschnitten und schön brutal. Auch die Choreographien der Martial-Arts-, Faust-, Ketten- und Stichwaffenkämpfe erwecken einen durchweg kompetenten Eindruck. Überdies brilliert Zlatnik in der einerseits genregerechten sowie andererseits gesellschaftspolitisch zeitgemäßen Erzeugung von Paranoia: Nach wenigen Erlebnissen und Begegnungen mit nur scheinbar wohlmeinenden Zeitgenossen weiß unser aufrechter Held bald schon nicht mehr, wem er trauen kann und wer auf der Seite der sadistischen Schlechtmenschen steht, die die generelle gesellschaftliche Verrohung dazu nutzen, um ihre sadistischen Triebe an den neuen Untermenschen, den Flüchtlingen, auszulassen.

Die Rohheit der rassistischen Hetzer ist monströs, Frauen und Männer werden gleichermaßen gefühllos zerprügelt, Mütter von ihren Kindern getrennt, auch sexueller Sadismus spielt eine Rolle. Das hat seine Wirkung: Wie in klassischen Filmen aus dem Revenge-Horror-Genre (sagen wir mal: Die Braut trug schwarz von Truffaut oder Oldboy von Park Chan Wook) überträgt sich die moralische Verrohung der Umwelt in invertierter Form auf das Publikum: Weil die Bösen ihre Opfer so extrem gewalttätig und unmenschlich behandeln, wird beim Betrachter wiederum der moralische Vorbehalt gegenüber der rächenden Gewalt ausgeschaltet. Je stärker er sich auf der Seite der Guten wähnt, desto legitimer erscheint ihm die brutale Misshandlung der Bösen.