Deutschlands Umgang mit der Einwanderung bietet eigentlich genug Stoff für eine anspruchsvolle Fernsehunterhaltung. Doch wenn es darum geht, die Vielgestaltigkeit des Landes abzubilden und zu thematisieren, geben die Fußballnationalmannschaft und der deutsche Hip-Hop ein wesentlich besseres Bild ab als das Fernsehen. Mehr als zehn Jahre nach dem Erfolg der Familiensitcom Türkisch für Anfänger beginnen die öffentlich-rechtlichen Sender langsam, Programme mit migrantischen Themen zu produzieren. Inzwischen sind sie damit auf YouTube angekommen.

Vor wenigen Wochen wurden zwei der Onlineformate von funk, dem neuen Jugendkanal von ARD und ZDF, mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Mit einem jährlichen Budget von über 45 Millionen Euro soll der Kanal funk nicht nur das wählerische Zuschauersegment "Jugendliche" ansprechen (nur fünf Prozent der Zuschauer von ARD und ZDF sind unter 30), sondern auch Deutschlands wachsende Diversität abbilden. In der Sendung Germania reden Prominente und Entertainer über ihre Erfahrungen als Teil mehr oder weniger sichtbarer Minderheiten. In Datteltäter wird der Alltag solcher Minderheiten zum Comedy-Stoff. In beiden Formaten sprechen junge Menschen mit Migrationshintergrund für und über sich selbst, um Klischees zu bekämpfen. Aber können kurze YouTube-Clips das leisten?

Die für Germania verantwortliche Firma Hyperbole hat schon die beliebte Reihe Disslike produziert, die Kopie einer Rubrik aus der amerikanischen Late Night Show von Jimmy Kimmel. Germania hingegen möchte "ein aktuelles Bild von Deutschland aus neuer Perspektive (...) durch die Augen von Menschen mit Migrationshintergrund" zeigen, und das in kurzen, stilbewussten Videos, die auf die Aufmerksamkeitsspanne von Millennials zugeschnitten sind. Die Protagonisten verhandeln ihre geteilten Identitäten, ihre Erinnerungen an Ankunft und Einleben in Deutschland, welche Eigenschaften sie übernommen haben und was eigentlich "typisch deutsch" ist. Viele der Interviewten kommen aus dem Deutschrap, Germania zeigt sie in ihren farbenfrohen authentischen Heimatkiezen in Berlin-Neukölln und Kreuzberg, oder, dem Kontrast zuliebe, in traditionell deutschen Umgebungen wie auf einem Weihnachtsmarkt oder Domplatz.

Obwohl die Ankündigung des Formats neue Stimmen und neue Geschichten verspricht, schließt es doch mühelos an deutsche Selbstbilder an. Viele der Teilnehmer loben deutsche Tugenden: Pünktlichkeit steht auf der Liste ganz oben, gefolgt von Struktur und Fleiß. Einige beklagen die anfängliche Kälte der einheimischen Deutschen, fügen dann aber oft begütigende Bemerkungen hinzu, wie "wenn man ihr Herz kennt, ist es ein toller Ort aufzuwachsen". Bis auf den Rapper AK Ausserkontrolle ("zu viele Scheidungen hier!") und die Kabarettistin Idil Baydar ("ich bin ständig wütend, dass ich immer den Kanaken hier spielen muss") scheint das erklärte Ziel der meisten Beiträge zu sein, einem deutschen Publikum ein gutes Gefühl zu geben. Mehrdimensionale Persönlichkeiten werden so zu YouTube-Integrationsbeauftragten.

Immerhin, so ließe sich für das Format argumentieren, haben die Fernsehanstalten eine Plattform geschaffen, auf der Deutsche unterschiedlichster Herkunft aus ihrer Lebensrealität erzählen können, auch wenn die Beiträge dann wiederum von Biodeutschen geschnitten werden. Vielleicht liegt es an der redaktionellen Bearbeitung, vielleicht an den überwiegend drögen Beobachtungen, aber die Protagonisten von Germania sagen oft Dinge, die als peinlich platter Patriotismus in der Schublade verschwände, würde ein Biodeutscher sie aussprechen. Das Format zeigt Lobeshymnen an die Heimat, mit der Behauptung, dass sie kritisch seien, weil sie von Menschen mit Migrationshintergrund stammen. 

Ermutigende Alltagsgeschichten deutscher Muslime

Die "muslimische Comedy-Serie" Datteltäter ist das ambitioniertere, auch das frechere Format. Der 32-jährige Younes Amayra aus Berlin, dessen Eltern aus Syrien und Palästina kommen, führt eine Sketch-Truppe an, die aus drei muslimischen Frauen, einem zum Islam konvertierten und einem selbst erklärten Christen besteht. Sie produzieren leicht überdrehte Videos gegen islamophobe Vorurteile, häufig in Listenform: 15 Dinge, die Muslime in Deutschland kennen, Fünf Dinge, die jeder Konvertit schon gehört hat oder Vorurteil vs. Realität. Datteltäter möchte Glaubensgenossen mit Geschichten aus dem Alltag Mut und Trost spenden und der Mehrheitsgesellschaft beweisen, dass Muslime Humor haben.

Dieser erste Punkt gelingt dem Format auf bewundernswerte Weise. Viele Folgen zeigen Erfahrungen, die gerade muslimische Frauen mit Hidschab (Kopftuch) gemacht haben: Der Kampf, Kopfhörer aufzusetzen, ist ein Thema ebenso wie das heimliche Benutzen des Hidschabs als Serviette, aufdringliches Händeschütteln von ahnungslosen Männern oder dumme Fragen wie der, ob man eigentlich auch verhüllt duschen muss. Younes al-Amayra berichtet, dass die Videos zu 70 Prozent von Frauen geschaut werden, und dass es Zufall ist, dass alle Frauen der Gruppe Hidschab tragen.

Im Gegensatz zu älteren Fernsehzuschauern ist das jüngere Publikum sehr wohl mit der Tatsache vertraut, dass 2017 "deutsch" nicht gleichbedeutend mit "biodeutsch" ist. Die selbstbewussten Frauen mit Hidschab in den Videos zeigen, wie Minderheiten online zu neuen Formen der Selbstdarstellung finden. Sie sind Mipster, eine Mischung aus Moslem und Hipster.