Das Kino feierte gerade die Sexsymbole Sophia Loren, Marilyn Monroe und Brigitte Bardot, als Jeanne Moreau mit dem Glamour gefälliger Weiblichkeit und großen Dekolletés Schluss machte. Die grazile Pariserin bewegte sich zwar elegant wie eine Diva auf Stöckelschuhen, hantierte souverän mit mondänem Rauchbesteck und setzte ihr im Theater geschultes, näselnd-kratziges Timbre ein, doch naive Koketterie, wie sie der Zeitgeist der 1950er Jahre den Stars abverlangte, hätte ihre Intelligenz unterfordert. Lieber faszinierte Jeanne Moreau mit dunkel durchtriebenen Blicken und einer gewissen Unnahbarkeit. Ihren Typ der modernen Femme fatale beschrieb sie selbst gerne als Sphinx, jene Rätselfigur, die sie in Jean Cocteaus Stück Die Höllenmaschine verkörpert hatte.

Jeanne Moreau war längst Mitglied der Comédie-Française und hatte sich das Handwerk der Filmschauspielerin in Krimis angeeignet, als sie 1958 in Louis Malles Debütfilm Fahrstuhl zum Schafott zum Gesicht der Nouvelle Vague avancierte und ihre ungewöhnlich vielseitige Leinwandkarriere im internationalen Autorenkino begann.

In dem Kriminalfilm driftet Moreau als Mordanstifterin aus Liebe über die nächtlichen Champs-Élysées, das Scheitern ihres Coups vor Augen. Anders als sonst zeigte sie sich in Fahrstuhl zum Schafott ungeschminkt und im eigenen Kleid. Zeitgenossen fanden die schattigen, von Miles Davis' unsterblichem Trompetensound untermalten Aufnahmen der 30-jährigen Schauspielerin "hässlich", heute gelten sie als Inbegriff legendärer filmischer Paris-Szenen.

Die Liebenden, ihr zweiter Film mit Louis Malle, erzählte nur ein Jahr später für damalige Verhältnisse spektakulär freizügig vom Ausbruch einer frustrierten Gattin aus ihrer Wohlstandsehe – ein Motiv, das Jeanne Moreau immer wieder beschäftigte, so auch in Moderato cantabile, Peter Brooks Adaption des Romans von Marguerite Duras. Die Rolle brachte Moreau 1961 die erste Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes ein und war zugleich der Beginn einer lebenslangen kreativen Freundschaft mit der Schriftstellerin Duras.

In La notte, Michelangelo Antonionis sachlicher Elegie auf die Ehe, verwandelte Jeanne Moreau den Trennungsschmerz in feinen Stolz, in François Truffauts Jules und Jim, ihrem vielleicht größten Erfolg, genoss sie eine scheinbar glückliche Ménage à trois und setzte ihr dennoch ein radikales Ende. Das Chanson Le Tourbillon de la vie über den Wirbelwind, der Liebende auseinandertreibt, machte sie weit über diesen Film hinaus auch als Diseuse populär.

Kühl unterspielt

Unvergesslich auch die ironisch frivolen Couplets in Louis Malles mexikanischer Revolutionsoperette Viva Maria!, in der sie neben Brigitte Bardot agierte. Halb hedonistische Burleske um die Erfindung des Striptease, halb pulverdampfverrauchte Anarchoromanze wurde Viva Maria! zum Kultfilm der 68er-Bewegung.

Geboren 1928 in Paris als Tochter eines bodenständigen Restaurantbesitzers und einer britischen Revue-Tänzerin, die als Tiller Girl nach Frankreich gekommen war, erlebte Jeanne Moreau früh familiäre Spannungen. Nur während der Ferien in Brighton durfte Jeanne Moreau mit ihrer Großmutter ins Kino, wo die Damen Tee und Gin tranken und die Leinwand genüsslich mit Zigarettenrauch vernebelten. Später brach sie aus den strengen Verhältnissen aus, setzte ihren Kopf gegen den Vater durch und studierte Schauspiel am noblen Pariser Konservatorium. Bald schon feierte sie Theatererfolge an der Comédie-Française und später am experimentellen Théâtre national populaire, bevor sie begann auch als Filmschauspielerin zu arbeiten.

In siebzig Jahren stand sie in rund 150 Filmen vor der Kamera und gastierte in zahllosen Theaterinszenierungen, auch am Broadway, darunter in Stücken von Jean Cocteau, George Bernard Shaw und Tennessee Williams. 1973 brillierte sie in Peter Handkes Ritt über den Bodensee, 1986 in Hans Michael Grübers Inszenierung des Monodramas Bericht der Magd Zerline nach Hermann Broch.

Dabei setzte Jeanne Moreau ihren asymmetrischen Lippenschwung und die disziplinierte Anmut ihrer Erscheinung nie als Spiegel einer "schönen Seele" ein. Sie gehörte zu den Schauspielerinnen, die das Rätsel komplexer Gefühle und Sehnsüchte kühl zu unterspielen wussten, so beispielsweise in Orson Welles Kafka-Adaption Der Prozess oder in John Schlesingers Eva. Auch François Truffauts Thriller Die Braut trug schwarz, in dem sie zielstrebig die Mörder ihres Geliebten verfolgt, provozierte viele Kritiker dazu, einen weiblichen Vampir in ihr zu sehen. Selbst Luis Buñuel bekannte Unbehagen vor ihrem Zauber, als er anlässlich der Dreharbeiten zu Tagebuch einer Kammerzofe notierte: "Wenn sie geht, zittert ihr Fuß leicht auf dem Absatz des Schuhs, ein Mangel an Stabilität, der beunruhigt."

Die Grande Dame selbst stand mit ihrem ganzen Leben zu ihrer Unabhängigkeit. Arbeit ist Leidenschaft, war ihr Credo. Am Beginn ihrer Laufbahn zwei Jahre mit dem Regisseur Jean Richard, dem Vater ihres Sohnes Jérôme, verheiratet, mit Tony Richardson, Peter Handke, dem Modedesigner Pierre Cardin liiert, führte sie von 1977 bis 1979 noch eine zweite stürmische Ehe mit dem amerikanischen Regisseur William Friedkin. Nie sparte sie mit sarkastischen Kommentaren auf die Unmöglichkeit, braves monogames Eheleben mit der Passion für die schönen Künste und deren Schöpfer zu verbinden. 1989 gründete sie das Filmfestival von Angers mit, das Erstproduktionen europäischer Filmemacher präsentiert und engagierte sich dort bis ins hohe Alter, ebenso für neues Theater. Zweimal war sie Präsidentin der Jury der Filmfestspiele in Cannes, erhielt zahlreiche Preise und internationalen Auszeichnungen für ihr Lebenswerk und wurde 2001 als erste Frau überhaupt in die von König Ludwig XIV. gegründete Académie des Beaux-Arts aufgenommen. Am 31. Juli starb Jeanne Moreau im Alter von 89 Jahren in Paris.