ZEIT ONLINE: Als Sie das erste Mal über einen Spielfilm über den Aufstieg des Front National nachgedacht haben: Hätten Sie geahnt, dass das Thema 2017 eine solch brennende Relevanz bekommt?

Lucas Belvaux © Getty Images

Lucas Belvaux: Die erste Idee zum Film hatte ich lange vor der französischen Präsidentschaftswahl, denn schon bei den Regionalwahlen im Dezember 2015 hatte der Front National erschreckend hohe Ergebnisse. Mir war klar, dass das ein wichtiges Thema werden würde. Deshalb wollte ich den Film auch unbedingt vor den Präsidentschaftswahlen in die französischen Kinos bringen. Seit Marine Le Pen 2011 die Führung des FN übernommen hat, veränderte sie das Bild der Partei stark. Man nimmt sie in Frankreich nicht mehr unbedingt als rechtsextremsitische Partei wahr. Ich wollte aber zeigen, dass der FN noch immer eine rechtsextremistische, populistische Partei ist. Und warum.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Belvaux: Das ist kompliziert, weil sich rechter Populismus je nach Zeit und Ort immer wieder wandelt. Sein zentrales Merkmal ist jedoch der Umgang mit dem Begriff "Volk", ohne dass genau definiert würde, was das eigentlich ist. Der Slogan des modernen Populismus lautet, dass man weder rechts noch links sei, sondern "die Stimme des Volkes" verkörpere. Dabei zielt die Strategie darauf ab, "das Volk" von bestimmten Teilen der Gesellschaft abzuspalten und ein Feindbild zu schaffen. Das können "die Fremden", "die Experten", "die Intellektuellen" oder "die Europäische Union" sein. Das Ziel ist es in jedem Fall, sich über Ab- und Ausgrenzung zu definieren.

ZEIT ONLINE: Wie nah an der Realität ist die Geschichte der Krankenschwester Pauline in Ihrem Film? Sie ist eine eher unpolitische Frau, die von den Rechtspopulisten als Kandidatin vor den Karren der Partei gespannt wird.

Belvaux: Im Kern besteht der Front National sehr wohl aus Funktionären und einigen militanten Rechten. Aber um im Wahlkampf in die Breite gehen zu können, suchen sie gezielt nach Kandidaten vor Ort, die bisher nicht in Verbindung zur Partei standen. Es gibt Berichte aus dem Kommunalwahlkampf, nach denen Parteigänger bei Leuten geklingelt und sie ad hoc an der Haustür für die Kandidatur rekrutiert haben. Allerdings werden diese Kandidaten nur als Aushängeschild benutzt. In der Öffentlichkeit werden sie daran gehindert, zu sprechen, weil sie keinerlei Partei-Vorbildung haben.

ZEIT ONLINE: Warum hat es so lange gedauert, bis das französische Kino sich des Themas annimmt, obwohl es seit Jahren eines der relevantesten im Land ist?

Belvaux: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es erstaunt mich selbst. Diese Zurückhaltung betrifft nicht nur den Front National, sondern generell politische Fragestellungen. Politisches Kino hat in Frankreich einen relativ schlechten Ruf. Es gibt kaum noch Filme, die sich ins politische Geschehen einmischen wollen.

ZEIT ONLINE: Befindet sich das französische Kino in einer Lustspiel-Erstarrung? Zumindest in Deutschland kommt eine französische Komödie nach der anderen ins Kino.

Belvaux: Es gibt ein französisches Exportkino, das zur Zeit vornehmlich aus Komödien besteht. Aber in Frankreich werden etwa 200 Filme im Jahr produziert, von denen etwa 50 bis 80 nach Deutschland exportiert werden. Es existiert in Frankreich auch weiterhin eine lebendiges Autorenkino, das sehr viel interessanter ist, als die Filme, die das Land verlassen.