ZEIT ONLINE: Mr. Reeves, wie schafft man es, einen Film zu machen, in dem die Affen sehr viel menschlicher erscheinen als die Menschen?

Matt Reeves: Zum einen arbeiten wir mit dem Performance-Capture-Verfahren, das uns erlaubt, die Affen von menschlichen Darstellern spielen zu lassen. Zum anderen erzählen wir eine menschliche Geschichte. Im Gegensatz zu den Vorläuferfilmen in diesem Franchise nimmt der Film diesmal konsequent die Perspektive der Affen ein. Wie Alfred Hitchcock arbeiten wir mit einer Erzählweise, die uns visuell und emotional in eine vollkommen fremde Figur hineinversetzt. Dieses Kino der Empathie macht es möglich, dass wir uns mit einer Figur identifizieren, auch wenn diese Dinge tut, die wir nicht gutheißen. Letztlich verwandelt sich das Publikum für zwei Kinostunden in einen Affen und erkennt sich selbst in den Gesichtern und Gefühlen der Affen.

ZEIT ONLINE: Der Film erzählt nicht nur aus der Affenperspektive von menschlichen Emotionen, sondern auch von den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte. Die Bilder rufen Erinnerungen an den Holocaust, den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern und die Sklaverei in den Südstaaten wach. Warum erzählt man davon im Blockbusterformat?

Matt Reeves macht sich während einer Premierenfeier zu seinem jüngsten Film zum Affen. © 2017 Twentieth Century Fox

Reeves: Der allegorische Zugang gibt dem Publikum genug Distanz, um über solche ernsten Sujets in einem Entertainmentformat nachzudenken. Das Fantasysetting ist ein Schutzmantel, unter dem Ideen und Assoziationen zugänglicher gemacht werden. Es wäre sehr viel schwieriger, in einer realistischeren Erzählweise einen Film zu machen.

ZEIT ONLINE: Planet der Affen: Survival erinnert über weite Strecken an einen Western.

Reeves: Das stimmt. Die Western von John Ford und die revisionistischen Western der fünfziger und sechziger Jahre waren unsere wichtigsten Bezugspunkte. Wir wollten, dass sich das Publikum mit dem Führer der Affen, Caesar, innig verbündet, mit ihm die Sehnsucht nach Rache teilt und im Verlauf des Filmes die eigenen Gefühle wieder hinterfragt. Aber der Film hat nicht nur Westernelemente, sondern auch biblische Aspekte. Auf Figuren wie Caesar werden Religionen gegründet. Deshalb haben wir uns in der Vorbereitung neben zahlreichen Western auch biblische Dramen wie Die zehn Gebote oder Ben Hur angeschaut.

ZEIT ONLINE: Mit dem Affenführer Caesar zeigt der Film einen Helden, der zeitweise seine Empathiefähigkeit verliert und von seinen Rachegefühlen beherrscht wird. Ist das eine Allegorie?

Reeves: Die wichtigste Aufgabe der menschlichen Spezies besteht darin, das eigene Sein mit den Verbindungen zu anderen abzugleichen. Hass ist ein starkes Gefühl, das unsere Fähigkeit zur Empathie überlagern kann. Die große Herausforderung besteht darin, diejenigen, die wir als unsere Gegner ansehen, nicht zu Objekten zu machen. Wenn man das tut, ebnet das den Weg, andere zu erniedrigen und so zu behandeln, als wäre ihr Leben nichts wert. Insofern erzählt der Film nicht nur eine Story, sondern in gewisser Weise die Geschichte der Menschheit, die auch starke Bezüge zu unserer politischen Gegenwart aufweist. Wir bewegen uns gesellschaftlich gerade auf ein dunkles Zeitalter zu. Umso wichtiger ist es, einen bewussten Umgang in unseren Beziehungen zueinander und zu der Welt, in der wir leben, zu finden.

ZEIT ONLINE: Das Empathiekonzept des Filmes gilt auch für den menschlichen Bösewicht.

Reeves: Von außen betrachtet sieht dieser Colonel wie ein Monster aus, aber wenn Caesar ihn trifft, erkennt er sich in seinem Feind stärker wieder, als er zugeben will. Wir wollten die Figur des Colonel so menschlich wie möglich zeigen. Nichts von dem, was er sagt, ist falsch. Er argumentiert sehr rational. Gleichzeitig ist er zu dieser enormen Brutalität fähig. Er ist ein Mann von präziser, kalter Gewalt, der seine Entscheidungen aus einer großen Verzweiflung heraus trifft.

Kino - "Planet der Affen: Survival" (Trailer) © Foto: Twentieth Century Fox

ZEIT ONLINE: Hier treten Instinkt und Rationalität gegeneinander an. Richtet die Vernunft mehr Unheil an als das Gefühl?

Reeves: Wenn der Colonel Caesar wegen dessen Emotionalität angreift, hat er recht, weil Gefühle nun einmal in die Irre führen können. Denn wenn man sich zu sehr mit seinen eigenen seelischen Verletzungen beschäftigt, können die eigenen Gefühle einen übermannen und zu irrationalem Handeln mit fürchterlichen Konsequenzen führen. Aber das Gleiche gilt für die Rationalität, wenn sie einen zu sehr von den eigenen Gefühlen entfernt. Man kann keine Empathie für andere empfinden, wenn man zu seinen eigenen Gefühlen keinen Zugang hat. Die Balance zwischen Rationalität und Emotionalität zu finden – das ist für mich die wichtigste Herausforderung des menschlichen Daseins.

ZEIT ONLINE: Ist Empathie ein Instinkt oder muss sie mühsam erlernt werden?

Reeves: Beides. Mein Sohn kann sich zum Beispiel im Spiel ganz leicht in etwas oder in jemanden anderen hineinversetzen und emotional verschmelzen, was auf jeden Fall wie eine instinktive Reaktion aussieht. Auf der anderen Seite zeigt er in anderen Situationen nicht das geringste Mitgefühl für andere, so dass ich ihn fragen muss: "Wie würdest du dich fühlen, wenn dir das passieren würde?" Wir haben den Film auch einigen Primatenforschern gezeigt. Sie haben uns darauf hingewiesen, dass Rache ein rein menschliches Konzept ist, während zu Empathie nicht nur Affen, sondern auch andere Tiere fähig sind. Wir denken immer, Mitgefühl sei ein rein menschliches Konzept, aber das stimmt nicht. Empathie ist als Instinkt in der Natur angelegt. Wir müssen ihn allerdings kultivieren.