Ehe ist ein Stoff, der sich fantastisch zerhacken lässt. Herrlichste Ingredienzen! Da wäre der Groll, der sich über die Jahre angesammelt hat wie scharfkantiges Kleingeröll zwischen Zehen; Gesten, die man gelernt hat zu hassen; Sätze, endlos wiederholt; Verrat, begangen oder vermutet. Ein, zwei Gin Tonic, wahlweise seichter Chardonnay, und es gibt kein Halten mehr. Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Alle immer gerne! Weshalb das Ehedrama ein Klassiker in Literatur, Theater und Film ist und The Party dessen Steigerung. Es ist ein Film, der einem Tränen des Vergnügens, des Mitleids, der Häme, eventuell der Selbsterkenntnis in die Augen treibt.

Gleich vier Paare stauen sich auf der engen Bühne, die ein stilvoll möbliertes Londoner Reihenhaus ist. Ein Kammerstück, dieser Film von Sally Potter, in klassischer Einheit von Zeit und Raum, in klassischem Schwarz-Weiß gedreht. Es wird hier ein Abend gegeben, in dem alles verhandelt und abgeräumt wird, was wir geneigt sind, als unsere liberalen Zivilisationsgewinne zu verbuchen. Gefeiert wird in The Party die Ernennung von Janet zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett. Endlich! Eine Frau! Ganz oben! Also fast. Natürlich nur, weil ihr Mann, der Professor, weil Bill ihr, unter Aufgabe seiner Professur, den Rücken freigehalten hat. Der feuchte Traum der Emanzipation! Von diesem Gipfel des liberalen Feminismus ist eine maximale Fallhöhe gewährleistet und die wird von Sally Potters eigenem Drehbuch gnadenlos und pointenreich ausgenutzt.

Kristin Scott Thomas gibt eine feinnervige, vor selbst verordneter Demut und doch ein wenig Stolz vibrierende Janet, moralisch hochgetunt, leider ein bisschen ehebrechend. Ihr Gegenpart ist ihre beste Freundin, April mit Namen, April wie der launige Monat, schnittig gegeben von Patricia Clarkson, blond und sehr böse, mit einem Feuerwerk an akkuraten Bemerkungen. Die beiden geben das zentrale Paar unter anderem schon deshalb, weil Janet ihren Mann Bill schon vor langer Zeit aus den Augen verloren hat. Der sitzt als Wrack in einem dänischen Design-Sessel im Zentrum des geschmackvollen Ambientes, schon bald wird er als Notfall umsorgt von Aprils Ehemann, einem Achtsamkeitsyogi namens Gottfried, den Bruno Ganz in einer aus Biohanf genähten Weste zur Perfektion bringt. Gottfrieds nicht nur stilistischer Kontrahent ist Cillian Murphy. Der kokst sich als best dressed banker (in der Prada-Version) so abgedreht durch das Geschehen, dass neben Romanze und Schurkenstück auch das Genre Slapstick glänzend bedient wird. Bliebe noch das Lesbenpaar, die Professorin Martha und ihre Studentin, frisch verheiratet und befruchtet, ups, mit Drillingen. Der männliche Fötus als Überraschungsgast!

Alle Darsteller, also mit Ausnahme der Föten, waren auf Wunsch der Regisseurin beim Dreh immer gleichzeitig am Set. In dieser Enge wurde der Film dann mit Handkamera gedreht, und alles zusammen ergibt eine so klaustrophobische Zusammenballung von Energie und Komik, dass man als Zuschauer den politischen Gehalt fast vergessen könnte. Denn als Hintergrund gibt es natürlich einen schaurig dunklen Fond: Großbritannien an der Kante zum Brexit, todesbereit wie die Lemminge bei Monty Python. Alle Ideale sind abgefrühstückt, alle Illusion ist dahingeschrumpelt wie ein Zirkusballon, der vom Zeitgeist angepikst wurde. Alles ist zum Kreischen komisch, allein schon, damit man nicht weinen muss. Ein sinistres Vergnügen, dieser Film, den man sich in einem Endlos-Loop ansehen sollte, um nicht wieder bei den tristen Nachrichten aus London zu landen.