Woche für Woche erreichen sie uns: Meldungen gesunkener Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer, Zahlen Ertrunkener – mehr als 2.400 allein in diesem Jahr – und Bilder der Überlebenden, wie sie in Wärmedecken gehüllt von den Schiffen der Seenotrettung geführt werden. Von den Gesichtern, die flüchtig über die Bildschirme flimmern, ist völlige Entkräftung abzulesen oder aber Entsetzen über das Erlebte. Dennoch bleibt der Schrecken meist abstrakt, das Geschehen fern.

Nicht so für den Dokumentarfilmer und Grimme-Preisträger Jakob Preuss (The Other Chelsea). Im Dezember 2014 sieht er ein solches Video, aufgenommen an der spanischen Küste. Ein Schlauchboot ist geborgen worden, nach 50 Stunden auf offener See, nur die Hälfte der Besatzung hat überlebt. Preuss entdeckt unter den Geretteten ein vertrautes Gesicht: das von Paul.

Wenige Wochen zuvor war Preuss auf einer Recherchereise dem jungen Mann aus Kamerun in einem Flüchtlingscamp im Norden Marokkos begegnet, höflich, reflektiert und voller Gottvertrauen. In seinem Film Als Paul über das Meer kam spricht Regisseur Preuss aus dem Off über dieses erste Aufeinandertreffen. "Ich werde wohl nie sagen können, ob er mich ausgesucht hat oder ich ihn." In jedem Fall wird die Begegnung schicksalhaft, für Paul wie für Preuss.

Ursprünglich wollte der Filmemacher eine Dokumentation über die EU-Außengrenzen drehen, sagt er im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Ihn faszinierte der Mikrokosmos der spanischen Exklave Melilla, gelegen an der marokkanischen Mittelmeerküste. Ein sechs Meter hoher Zaun trennt hier Europa von Afrika. Ihn zu überwinden, ist das Ziel vieler Flüchtlinge. Paul hatte andere Pläne: Preuss traf ihn in den Wäldern bei Nador, der nächstgelegenen marokkanischen Stadt. Dort wartete er schon seit Jahren auf seine Chance, mithilfe von Schleusern übers Meer zu gelangen.

Als Preuss zurückkehrte nach Europa, konnte er Paul tagelang nicht erreichen und stieß schließlich online auf das Video der dramatischen Rettung. Sofort begibt er sich auf die Suche, sein Filmprojekt bekommt eine neue Wendung. Es wird jetzt zur Geschichte einer Flucht, zeigt ein individuelles Schicksal, wo uns sonst meist nur anonyme Statistiken erreichen.

Kino - "Als Paul über das Meer kam" (Trailer) © Foto: Weydemann Bros.

Preuss findet Paul und begleitet ihn fortan: von der Abschiebehaft auf einer spanischen Gefängnisinsel ins Rote-Kreuz-Heim für Migranten, über Bilbao und Paris bis nach Berlin und schließlich Eisenhüttenstadt. "Wer wie Paul aus Kamerun stammt, dessen Chancen auf Asyl stehen denkbar schlecht", sagt Preuss. Im ersten Halbjahr 2017 lag die Anerkennungsquote bei 0,1 Prozent. "Die Frage wird sein: Was machen wir mit all jenen, die aus guten Gründen geflohen sind, aber bei uns kein Asyl bekommen? Da hat Deutschland nichts anzubieten."

Im Laufe des Drehs freunden sich der Regisseur und Paul an. Doch diese Freundschaft ist speziell, auch von ihr handelt der Film. Auf der einen Seite der Deutsche, den kaum Grenzen am Reisen hindern, auf der anderen Seite der illegale Einwanderer, der mittellose Asylsuchende. Zwangsläufig entstehen Abhängigkeiten – und Erwartungen.

"Paul würde wohl die Grenzen dichtmachen"

Selten spricht Paul sie offen aus, doch er lässt sie Preuss spüren. Eine Frau könnte der Deutsche ihm schon verschaffen, klingt heraus. Gegen Ende des Films, nach 150 Tagen in Europa, auf Pauls Fahrt vom Berliner Lageso zur Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Eisenhüttenstadt, zieht sich der Regisseur bewusst zurück und beschränkt sich auf die Beobachterrolle. Das sorgt für starke Filmmomente: Pauls Verlorenheit an einer brandenburgischen Bushaltestelle rührt an. Doch der Alleingelassene nimmt Preuss die unterlassene Hilfe übel. Ist das Gelingen des Films wichtiger als das Wohl seines Protagonisten?

In der ungewöhnlichen Nähe des Regisseurs zu seinem Helden liegt der Reiz, zugleich aber auch die Gefahr des Films. Durch Preuss' Gegenwart, zumal mit der Kamera, erwachsen Paul Vorteile, die ein anderer Migrant nicht gehabt hätte. Dass der Film dieses Dilemma thematisiert, gehört zu seinen Stärken. Genauso wie der offenkundige Wille, auch anderen Beteiligten des alltäglichen Flüchtlingsdramas eine Stimme zu geben: Preuss spricht in Melilla mit der Guardia Civil, begleitet den Einsatz eines Frontex-Patrouillenbootes sowie zwei Bundespolizisten während ihrer Schleierfahndung an der deutschen Grenze. Für den Zuschauer ist das stets erhellend, mitunter desillusionierend.

Eine Obergrenze für Migranten?

Sein Tagebuchformat erhielt der Film erst im Schnitt, sagt Preuss. Auch diese Idee geht auf, weil sie subjektive Kommentare aus dem Off ermöglicht, die der Regisseur häufig in Form von Fragen formuliert. Als etwa Paul, kaum in Deutschland angekommen, selbst Obergrenzen für Migranten fordert, befallen den Filmemacher Zweifel: "Pauls Antworten ärgern mich. Er würde wohl die Grenzen dichtmachen, womöglich konservativ wählen. Wenn selbst er eine Selektion vorschlägt, sind offene Grenzen dann eine Utopie?"

Als man sich schon am Ende des Films wähnt, Paul in Brandenburg auf sein Asylverfahren wartet, da überrascht Jakob Preuss mit einem letzten Kniff. Er wirft die Distanz des Dokumentarfilmers endgültig über Bord und tut, was er für wichtiger hält: Hilfe leisten. Paul zieht bei Preuss' Eltern ein, der Vater zahlt ihm einen Deutschkurs.

So versöhnlich dieser Schluss zunächst scheint, so schmerzlich ist er in Wahrheit. Denn er macht noch einmal deutlich, dass über Wohl oder Übel oft nur das Glück entscheidet. "Paul wird häufig gefragt, was er ohne mich getan hätte", sagt Preuss. "Er antwortet dann: 'Ich hätte jemand anders getroffen.'"