Inder allerorten: am Schiefen Turm von Pisa und rund um den Berliner Reichstag, in der Altstadt von Brügge und auf der Alhambra in Granada. Indische Paare, Familien und Reisegruppen lieben Bildungsurlaub in Europa. Selbst das Bollywood-Kino folgte dem Trend, und jetzt lief Jab Harry met Sejal – Was du suchst, wird dich finden sogar im deutschen Kino an.

Der Film beginnt mit einem Zusammenschnitt aus dem Alltag des indischen Reiseführers Harinder, genannt "Harry" (gespielt von Shah Rukh Khan), der Touristengruppen von Amsterdam bis Rom begleitet mit vordergründig guter Laune und gut versteckter Verachtung für seine Kundschaft. Schließlich sieht man ihn am Abflug-Gate in Shiphol wehmütig winken und leise Sätze murmeln wie "Auf Nimmerwiedersehen". 

Doch gerade als Harry glücklich davonfahren will, kommt eine junge Frau aus seiner Reisegruppe aus dem Flughafengebäude zurückgerannt. Sejal (verkörpert vom aufstrebenden Starlet Anushka Sharma) hat ihren Verlobungsring verloren und will trotz Drängen von Harry auf keinen Fall zurück nach Indien fliegen, ohne ihn wiedergefunden zu haben. Der Liebeskomödien-erfahrene Zuschauer weiß, wie es weitergeht: Natürlich wird der Ring nicht an der Stelle gefunden, an der ihn Sejal zunächst vermutet. Stattdessen zwingt die temperamentvolle junge Frau den unwilligen Harry dazu, mit ihr von Amsterdam nach Prag, Budapest und später noch nach Lissabon zu fahren. Und ebenso natürlich entwickeln die beiden, die zunächst einander herzlich abgeneigt sind, gewisse Gefühle füreinander.

Der Plot mag nach einer aus Hollywood vertrauten Romcom klingen, aber Jab Harry met Sejal ist eine Bollywoodproduktion und das bedeutet zunächst: Der Film hat eine Laufzeit von fast zweieinhalb Stunden zuzüglich Pause und wird unterbrochen von mindestens sechs Song-and-dance-Nummern, in denen die Darsteller per Playback vor pittoreskem Hintergrund ihr tänzerisches Bestes geben. 

Weitere Ingredienzen der Bollywood-Rezeptur sehen neben den charismatischen und sehr schönen Hauptdarstellern einen hässlichen Bösewicht vor – im vorliegenden Fall einen in Prag agierenden russischen Mafioso –, die sorgfältig auf ein Happy End hin kuratierte Abfolge von Stimmungen von Wut bis Wunder, sowie Komik und erotische Aufgeladenheit (aber ohne explizite Sexszenen). Auch ein exotischer Hintergrund für die Tanznummern darf nicht fehlen, der ergibt sich in Jab Harry met Sejal gleichsam organisch aus der Handlung. Selten hat man den Prager Hradschin und das Budapester Burgviertel in vorteilhafterem Licht gesehen als hier, wenn Harry und Sejal ihren "Will they/won’t they?"-Plot betanzen. 

Masala-Film wird die in den Filmstudios von Mumbai perfektionierte Formel auch genannt. Und auf den zweiten Blick offenbart sie eine komplexere Struktur, als man zunächst wahrhaben will. Bei allem äußeren Kitsch muss man den Wagemut und auch die Eleganz bewundern, mit denen hier folkloristische Elemente mit Liebesarchetypen aus Hollywood und sentimentalen Verweisen auf indische Traditionen verbunden werden. When Harry met Sally, die berühmte Romcom mit Meg Ryan und Billy Crystal, auf die der indische Titel anspielt, hatte in dieser Hinsicht weit weniger zu bieten.