Hinweis der Redaktion: Dieser Text nimmt Bezug auf alle bisher veröffentlichten Folgen von Game of Thrones. (Hier sammeln wir alle Beiträge zur Serie.)


Die siebte Staffel von Game of Thrones macht ziemlich rigoros reinen Tisch. Ganze Familien werden ausgelöscht. Figuren, die keinen Zweck mehr haben, verschwinden mit einem knappen Auf Wiedersehen. Reisen, die sich vorher über eine ganze Staffel hinzogen, sind nun binnen Minuten vollbracht, als gehorchten Raum und Zeit plötzlich dem Diktat der Story. Jede Figur ist immer genau dort, wo sie die Geschichte am schnellsten vorantreibt – notfalls auch an zwei Orten gleichzeitig. Nennen wir das die Euron-Greyjoy-Unschärferelation.

Insbesondere zeigt sich diese Beschleunigung an den Hauptfiguren: Sechs Jahre gurkte Daenerys fernab der anderen in irgendwelchen Wüsten herum, jetzt begegnet sie plötzlich allen. Jon Snow und Davos, Jaime und Bronn, alle Publikumslieblinge treffen aufeinander, allerdings häufig als Gegner. Nirgendwo sonst zeigt sich dieses allgegenwärtige Wiedersehen so klar wie in den Familienzusammenführungen, die in der Serie so lange hinausgezögert wurden und die sie jetzt fast hypereffizient vorantreiben. Wobei: Familien sind es nicht, die sich nach langen Jahren wiedersehen. Von der Elterngeneration ist so gut wie niemand mehr übrig, und diejenigen, die davon übrig sind, gehören gerade zu keiner Familie, wie Varys und Petyr Baelish. Wer noch da ist, das sind die Kinder der Familien.

Die Eltern sind tot, ein Wiedersehen gönnt die Serie den Geschwistern. Jon Snow, Sansa, Arya und Bran Stark treffen in Winterfell wieder zusammen. Theon und Yara Greyjoy sahen sich schon letzte Staffel wieder. Tyrion stört einmal mehr mit seiner Rückkehr die inzestuöse Zweisamkeit seiner Geschwister Cersei und Jaime. Und anders als die langersehnte Begegnung von Jon Snow und Daenerys Targaryen, die unter Emilia Clarkes mittelprächtiger Schauspielkunst leidet, gehört das Wiedersehen der Geschwistergruppen zum psychologisch Beeindruckendsten, was Game of Thrones bisher geleistet hat.

Odysseus' Heimkehr nach Winterfell

Die langsame Zusammenführung insbesondere der Stark- und Lannister-Geschwister ist auch deshalb so beeindruckend, weil sie das Archetypische oder auch Klischeebelastete mit allerlei Überraschendem und genau Beobachtetem zu verbinden weiß. Die Macher der Serie haben Aryas seit sechs Staffeln ersehnte Rückkehr in ihre Stammburg Winterfell mit Odysseus' Heimkehr nach Ithaka verglichen. Aber weil Arya, sowohl in der Buchreihe als auch in der Serie, immer eine normale Halbwüchsige in immer abnormeren Situationen war, ist ihre Rückkehr weitaus facettenreicher und bewegender, als es der mythologische Vergleich nahelegen würde.

Tatsächlich ist George R. R. Martins Behandlung von Geschwisterpaaren und -gruppen bewusst unmythologisch gehalten. Seine Familiendynamiken erinnern eher an die Literatur des bürgerlichen Realismus als an griechische Mythologie oder germanische Sagen. Sie scheinen weniger der Welt des Mittelalters als dem 19. Jahrhundert zuzugehören. Das politische Verhältnis der drei Brüder Robert, Stannis und Renly Baratheon dürfte den drei überlebenden Brüdern von Heinrich V. von England nachempfunden sein, aber was sich von ihrer Familiendynamik erraten lässt, scheint eher einem Werk wie Thomas Manns Buddenbrooks entlehnt zu sein.

Mittelalterromantik, psychologisch genau gezeichnet: Der Einfluss des Historiendramas Der Löwe im Winter war schon spürbar, bevor die wunderbare Diana Rigg aus ihrer Darstellung von Olenna Tyrell eine scharfzüngige, sarkastische Hommage an Katharine Hepburns Eleonore von Aquitanien machte. Wenn in Game of Thrones mythologische Erklärungsmuster bemüht werden, dann von den Figuren selbst. Cersei und Jaime erklären sich ihren Inzest nach bester Wälsungenblut-Manier, aber sie sind weniger Siegmund und Sieglinde aus der Oper als Siegmund und Sieglinde Aarenhold aus Thomas Manns Novelle. 

Die Kinder zum Fraß vorwerfen

Das Opernhafte, Melodramatische entspringt häufig nicht der Situation, sondern der Selbstinszenierung der Figuren. Der Bastard Ramsay Bolton verkleidet sich als "Reek" (der "Stinker"), eine Analogie zu Fjodor Karamasows unehelichem Sohn Pawel Smerdjakow, und setzt schließlich seinen eben erst geborenen Halbbruder den Hunden zum Fraß vor. Arya setzt gleich zum Staffelanfang ihren Feinden deren eigene Kinder als Essen vor. Dabei zitieren die Serienschöpfer wohl griechische Mythologie. Aber auch Arya zitiert wiederum mit ihrem Mord: Sowohl in den Büchern als auch in der Sendung kommt eine entsprechende Legende vor, die die Amme den Stark-Geschwistern erzählt. Das bedeutet: Die Familien in Game of Thrones gehorchen zwar keiner mythischen Logik, werden aber sehr wohl von den Familienmitgliedern gemäß einer solchen verstanden.

Hinter der Mythologie stecken immer genau beobachtete Familiendynamiken. Das Wiedersehen der Starks in Winterfell erlaubt der Serie eine genaue Bestandsaufnahme: Sie kann zeigen, wie weit sich die Protagonisten von den Ausgangspositionen der ersten Staffel entfernt haben, und wie sehr sie doch ihren Ursprüngen verhaftet bleiben.