Hinweis der Redaktion: Dieser Text nimmt Bezug auf alle bisher veröffentlichten Folgen von Game of Thrones. (Hier sammeln wir alle Beiträge zur Serie.)

Klar, ein bisschen Enttäuschung gehört für den Game of Thrones-Fan dazu in dieser siebten Staffel. Mit der kompletten Ablösung von George R. R. Martins Romanvorlagen ist ein bisschen die Bodenhaftung weg. Blaues Feuer spuckende Zombiedrachen, Figuren, die genau da auftauchen, wo der Plot sie gerade braucht, 20-Sekunden-Wiedersehen, weil’s den Fans eine Freude bereitet: Das alles scheint weit entfernt vom Westeros der Bücher, einer Fantasywelt, die bei aller Fremdartigkeit immer Wiedererkennungswert hatte. In der die Probleme, Lösungen, Familien und Politik ein Stück weit an unsere erinnerten.

Ein Kritikpunkt, der immer wieder laut wird, ist, dass sich die Serie immer weiter von Realpolitik und psychologischer Genauigkeit entfernt, und immer tolkienesker wird. "Die Adler kommen," witzelten viele auf Twitter, als Daenerys’ Drachen plötzlich Jon Snow und Konsorten retteten, eine Anspielung auf die Riesenvögel, die bei Tolkien scheinbar ständig in der Reserve stehen, um Bilbo, Frodo und Gandalf aus irgendwelchen kniffligen Situationen zu retten.

Wir schätzen Westeros, gerade weil es nicht Mittelerde ist. Wir schätzen, dass es sich nicht zu sehr mit dem Mythischen aufhält. Deshalb nervt der neue Jargon der Eigentlichkeit viele Zuschauer: der eigentliche Feind, der eigentliche Krieg, die eigentliche Story ist der mythische Showdown zwischen Azor Ahai und Night King, Drachenfeuer gegen Eiszombies. Ein Ser Bronn of the Blackwater, der einfach versucht, am Ende ein wenig reicher und besser abgesichert zu sein, wirkt immer mehr wie ein Anachronismus. Sollte alles, was uns sechs Jahre lang im Bann gehalten hat, nur Ablenkung vom Ach-so-Eigentlichen gewesen sein?

Aber in Wahrheit machen wir es uns zu einfach. Game of Thrones bestand nie nur aus den Seifenopern in King’s Landing und Winterfell. Schon in der allerersten Szene der ersten Folge tauchen die Untoten auf, die White Walkers. Es war also von Anfang an klar, dass die Geschichte eine mythische Komponente haben würde. Und das Spezifische an Westeros war nicht Realismus, sondern Realismus und Mythos in einem. Wie reagieren Realpolitiker, wenn sie mit existentieller Bedrohung konfrontiert werden? Wie reagiert ein ganz normaler Mensch (Catelyn Stark in den Büchern, Jon Snow in der Fernsehserie), wenn er stirbt und dann wiedererweckt wird?

Wie holt man ein Mythengeschöpf in die stinknormale Politik herab?

So spielen in Game of Thrones das Immanente und das Transzendente immer miteinander, weder das eine noch das andere räumt dem Gegenspieler je ganz das Feld. Ja, man kann sogar sagen: Das eine destabilisiert das andere. Tyrion ist ein zynischer Machtpolitiker, der zu seinem eigenen Erstaunen merkt, dass er an eine Königin glaubt, die auf Drachen herumreitet – und sich dann der Frage stellen muss, wie man so ein Mythengeschöpf in die Welt der stinknormalen Politik herabholt. Umgekehrt muss man an Petyr Baelish (Littlefinger) beobachten, was passiert, wenn einer nie aufhört ein Spiel zu spielen, während um ihn herum ein mythischer Konflikt dräut. Dass er sich als die beinahe tragische Figur dieser Staffel entpuppt hat, zeigt wohl, dass die Serie für seine Position sehr wohl Verständnis aufbringt. 

Auch deshalb wurde die Familie zum Thema dieser Staffel: Denn die Familie ist ja der Punkt, an dem Psychologie und Mythologie kollidieren und sogar eins werden. Die Familie, das waren in dieser Staffel der Serie einerseits die ganz konkreten Menschen, die man vermisst, um die man sich sorgt, die man liebt, aber am liebsten umbringen würde. Und Familie war der Inbegriff von Zukunft, für das, für das es sich zu kämpfen lohnt. Ihr "einziger Gedanke" sagt Cersei im Finale, sei "wie ich diese knirschenden Zähne von denen fernhalte, die ich liebe". Sicherheit, Leben, Zukunft, das alles ist abstrakt, es sei denn, sie sind Sicherheit, Leben, Zukunft für jemanden.

So sehr Jon und Daenerys in dieser Staffel manchmal nach den traditionellen Redenschwingern in Fantasyfilmen klingen können, die über "Freiheit", "das Gute" und "Gerechtigkeit" dozieren: die Sendung betont, wie Cersei auch, dass solche Begriffe nie unabhängig von bestimmten Situationen und Personen existieren. Dass sie verschiedentlich verstanden werden, dass sie in Konflikt geraten können. Am Ende stellt sich Cersei, wenn sie an die von Norden drohenden Geschöpfe denkt, nicht ihre Untertanen vor, sondern ihre Familie.