Hollywood - Jerry Lewis gestorben Der US-amerikanische Schauspieler und Comedian starb am Sonntag im Alter von 91 Jahren in Las Vegas, wie seine Familie bekannt gab. © Foto: Rich Fury/Invision/AP/dpa

"Es sieht so einfach aus für den Zuschauer zu Hause", sagt Jerry Langford. Doch was so leichthändig wirke, so entspannt, beinahe wie Einatmen, brauche in Wahrheit viele Jahre Feinschliff. Vom Handwerk der Komik spricht diese Figur in The King of Comedy, einem der wenigen erfolglosen Filme, die Martin Scorsese je gedreht hat. Jerry Langford ist ein schlechtgelaunter, von den Zudringlichkeiten des Ruhms genervter alter Komiker: Jerry Lewis spielte diesen Late-Show-Moderator exakt so, wie man sich Jerry Lewis privat vorstellen konnte. Doch diese vermeintliche Selbstenthüllung war eben genau nicht das, was irgendwer sehen wollte im Jahr 1983. Obwohl es so eine schöne Geschichte hätte sein können: Einer der größten Regisseure von New Hollywood verneigt sich vor dem größten Komiker des alten Hollywood. Vielleicht war es einfach zu viel, Lewis in einer unlustigen Rolle sehen zu müssen (und Robert De Niro in so was Ähnlichem wie einer lustigen).

Wie viel Handwerk nötig ist, um Komik zu erzeugen auf der Kinoleinwand oder im Fernsehen, ist im Zweifel jedem klar (Komiker reden ja auch gern drüber). Und doch wird es oft übersehen. Jerry Lewis, der im Jahr 1926 in Newark geboren wurde als Joseph oder Jerome Levitch, da sind sich die Biografen nicht ganz sicher, hat das Handwerk schon als Kind gelernt. Er war Sohn eines Vaudeville-Künstlers und einer Klavierspielerin, die vor allem über die Bühnen von Hotelresorts tingelten. Jerry hatte mit 15 seinen ersten Auftritt beisammen, er ließ Musik laufen und tat so, als singe er. Den Part übernahm bald ein anderer, der wirklich singen konnte: Dean Martin. Die beiden lernten sich 1945 in einem New Yorker Nachtclub kennen, als Bühnenkünstler, Lewis war 19 und ohne Highschool-Abschluss, Martin 28, als sie sich zusammentaten. Binnen weniger Jahre wurden sie das erfolgreichste Komikerduo Amerikas, sie spielten sich rasend schnell hoch, von der Bühne ins Radio ins Fernsehen und auf die Kinoleinwand.

Stets blieb die Rollenverteilung dieselbe: Dean Martin war der Lebemann, der Crooner, der Coole, der (im Rahmen seiner Möglichkeiten) aber auch Vernünftige, Erwachsene; Jerry Lewis war der Ungeschickte, der Kindskopf, der Uncoole, der Grimassen schneidende, über seine eigenen Gliedmaßen Stolpernde. Ja, irgendwie ein Clown, aber doch viel mehr. Jerry Lewis gab eigentlich einen misfit, einen nerd (lange bevor der Begriff erfunden wurde), er war die Personifizierung des Außenseiters in Gestalt des oft auch Lächerlichen, doch letztlich war er der Bedeutsamere in dem Duo. Martin war ja vor allem der von Lewis Angespielte, der reaktive Part, der erste Vertreter des Publikums, aber im Spiel. Diese Nebenrolle behagte Martin auf Dauer offenbar nicht, ebenso wenig wie Lewis' zunehmendes Kontrollbedürfnis – doch wer, wenn nicht der wirklich Komische, sollte fürs Timing zuständig sein, das in diesem Genre doch alles ist? Dean Martin fand dann ja bald andere Bühnenpartner, als Teil des Rat Pack von Frank Sinatra. An die 16 gemeinsamen Filme des Duos zuvor erinnerten sich die Leute später im Zweifel eher als Jerry-Lewis-Filme.

Von Bugs Bunny zum Lewis der 1950er Jahre war es nicht weit

Bei vielen von denen – genauso wie bei einigen der ersten Solofilme von Lewis – hat der erstaunlich wenig berühmte Frank Tashlin Regie geführt. Dessen Bedeutung für die Entwicklung von Lewis’ spezifischen Stil, der physical comedy, muss jedoch erheblich gewesen sein: Tashlin, das war der Witz, hatte eine berufliche Vergangenheit unter anderem als Zeichentrickfilmregisseur bei den Looney Tunes von Warner Bros., und von Bugs Bunny, Daffy Duck und Porky Pig war es ja gar nicht so weit bis zum Jerry Lewis der 1950er Jahre, rein humorhandwerklich.

Bei den wohl besten Jerry-Lewis-Solofilmen aber übernahm dann schließlich der Hauptdarsteller selbst die Regie, das war ab Anfang der 1960er Jahre, bei Hallo, Page!, Der Frauenhasser und vor allem Der verrückte Professor. Letzterer bewies, dass Jerry Lewis eigentlich gar keinen ausgleichenden Widerpart brauchte wie Dean Martin, denn in dieser Jekyll-und-Hyde-Variation übernahm Lewis 1963 einfach beide Funktionen. Außerdem schrieb er das Drehbuch selbst und produzierte den Film auch noch: Jerry Lewis war vielleicht der erste moderne Autorenfilmer unter den Komödianten.

Der verrückte Professor war wohl zugleich der Höhe- und Endpunkt von Lewis' Komik-Kunsthandwerk, danach wurden die Filme eher schlechter – vor allem aber veränderten sich die Zuschauererwartungen. Dass Lewis-Filme im Kern immer schon Nummernrevuen gewesen waren, die von einer Bühne auf die Leinwand gehievt worden waren, wurde ihnen jetzt angekreidet. Nach 20 brüllerfolgreichen Jahren beschritt Jerry Lewis den Weg ins relativ Obskure, und in den 1970er Jahren, der Zeit des New Hollywood, drehte er gar nicht mehr: Einer der größten Komiker des 20. Jahrhunderts war nicht mehr vermittelbar, die Leute lachten jetzt über andere, wenn sie denn überhaupt lachten. Die 1970er Jahre waren im amerikanischen Kino (und auch außerhalb des Kinos) eine ziemlich düstere Zeit.