Es gibt psychologische und emotionale Ausnahmezustände, die von einem Schauspieler eigentlich nicht wirklich glaubwürdig dargestellt werden können. Zum Beispiel jene Gemütslage, in die man gerät, wenn man nach einer gesund durchschlafenen Nacht munter und nüchtern in einen Technoklub geht, in dem eine Horde komplett zugedröhnter, schwitzender, zuckender Menschen schon seit Stunden bei migräneerzeugendem Stroboskopgeflacker zu minimalistischer Bumsmusik tanzt. Das ist gleichermaßen großartig und beknackt, albern und euphorisierend. Die stumpfsinnige Drastik der Musik und der Lichter und die Zugedröhntheit der zuckenden Menschen wirken fraglos befremdlich, aber andererseits auch ziemlich geil. Und während man noch darüber nachdenkt, wie man das eigentlich finden soll, und die eigene Nüchternheit unter all den Fremdräuschen langsam schwindet, muss man auch schon damit beginnen, sich an die scheinbar chaotischen Bewegungsabläufe der Tänzerinnen und Tänzer anzupassen, deren innere Logik sich einem nur dann erschließt, wenn man selbst so druff wie die anderen ist. Denn falls man sich nicht anpasst, wird man schlicht niedergetanzt.

Ich kann mich an keinen Schauspieler erinnern und erst recht nicht an einen Schauspieler in einem deutschsprachigen Kinofilm, bei dem diese besondere Mischung aus Befremden und Geilfinden, Konzentration und Desorientierung, Nüchternheit und kontaktinduzierter Ekstase jemals befriedigend zu betrachten gewesen wäre. Charly Hübner gelingt es, in seiner Rolle als Karl Schmidt alias Charly in dem Film Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt. Darin spielt er einen DJ-Betreuer, der im Jahr 1994 mit einer Gruppe aufstrebender Berliner Techno-Stars auf Klubtournee geht. Gleich bei seinem ersten Einsatz muss er sich, frisch aus dem Hotelbett gekrochen, durch eine ebenso ausgerastete wie schon erschöpfte Dancefloor-Gesellschaft drängen, um die beiden sich seinem Anliegen selbstverständlich widersetzenden DJs unmissverständlich an das Ende ihrer Schicht zu erinnern. Und wie Charly Hübner das tut, mit seiner großäugigen Stoik und einer durch das unbewegte Gesicht von tief drinnen herausleuchtenden Euphorie, das ist so lustig, anrührend und weise, dass man diese Szene immer wieder sehen will. So, wie die Hamburger Sozialarbeiterin es im Film formuliert: "Immer wieder das Gleiche von vorn. Ihr seid doch so Technotypen. Ihr steht da doch drauf, wenn sich alles wiederholt." 

Karl Schmidt ist im Gewerbe des DJ-Betreuens neu. Am Beginn des Films sitzt er noch in einer betreuten WG ehemaliger Drogenabhängiger in Hamburg ein. In den Achtzigerjahren war er in Berlin-Kreuzberg als Bildhauer, Kneipier und Pionier elektronischer Musik tätig; seine Abenteuer jener Jahre wurden von Sven Regener in dem Buch Herr Lehmann sowie in dessen Verfilmung durch Leander Haußmann erzählt. Danach versank Karl Schmidt in Paranoia und Drogenwahn, von seiner Mutter wurde er nach Hamburg und in die Reha verfrachtet. Unterdessen sind einige seiner besten Berliner Freunde im anarchischen, aber äußerst profitablen Trubel der unmittelbaren Nachwendezeit zu Inhabern eines gut gehenden Techno-Labels (Bumm Bumm Records) aufgestiegen und wollen mit ihren beliebtesten DJs erstmals eine Tournee organisieren. Sie locken Karl Schmidt aus der Reha und heuern ihn als Betreuer und Fahrer an – weil sie seine Freunde sind, aber vor allem, weil er als abstinenter Ex-Junkie weit und breit der einzige Mensch ist, den sie kennen, der keine Drogen nimmt und auf den man sich also verlassen kann.

Kino - "Magical Mystery" (Trailer) © Foto: © DCM / Gordon Timpen

Auch das Buch zu diesem Film stammt von Sven Regener. In Arne Feldhusen hat er einen Regisseur gefunden, der seine Vorlage – anders als weiland Leander Haußmann bei Herr Lehmann – in ihrer lockeren Episodik ernst nimmt und nicht durch irgendeine narrative Dramaturgie oder gar Botschaft zu überformen versucht. Die Schauspieler sind vorzüglich, nicht nur Charly Hübner macht seine Sache sehr gut. Marc Hosemann und Detlev Buck (der in Herr Lehmann als Karl zu sehen war) spielen die Bumm-Bumm-Betreiber mit der richtigen Mischung aus verlottertem Größenwahn und leidenschaftlicher Verpeiltheit. Annika Meier als Rosa trifft die richtige Herbheit einer auch schon seit einigen Jahren durch das Nachtleben schlingernden DJ-Frau und lässt die Herbheit im Verlauf des Films langsam in Empathie übergehen.

Zudem gibt es drollige Kurzauftritte bekannter Musiker: Justus Köhncke ist als Kassierer in einem Kölner Kunstbuchladen zu sehen, WestBam als Döner-Wirt und Hans Nieswandt als er selbst, sein 20 Jahre alter und doch absolut unvergänglicher Whirlpool-Productions-Hit From: Disco to: Disco beschließt den Film. Die Musik ist auch ansonsten hervorragend zusammengestellt und komponiert. Die Dialoge leben von jener Lakonie, die einem auch an Sven Regeners Büchern gefallen kann. Die Welt der mittleren Neunzigerjahre ist mit Liebe zum Detail inszeniert. Das beginnt mit der Faszination für die ersten, noch beckenknochengroßen Funktelefone und reicht bis zu der kurz danach rasch aus der Mode geratenen Gewohnheit, selbst in Restaurants und natürlich auch in geschlossenen Autos eine Zigarette nach der anderen zu rauchen – heute findet man ja kaum noch einen Technoklub, in dem man sich nicht um den Nichtraucherschutz schert.