Sam Shepard war ein echter Amerikaner. Das heißt: einer, der nie den Widerspruch zwischen Prairie Home und Big City, zwischen Verwurzelung und Flugtraum, Heimat und Welt überwinden kann. Einer, der sein Leben lang Probleme mit dem Amerikanersein hat und versucht, irgendwas daraus zu machen. Irgendwas, das waren bei Sam Shepard über vierzig Theaterstücke, Sammlungen von Kurzgeschichten und Essays. So viel zur Literatur. Und es waren 55 Kinofilme und ein Dutzend Fernsehrollen als Schauspieler, 13 Kinofilme als Co-Autor oder Autor, dazu Drehbücher für etliche Fernsehfilme und Serienepisoden und zwei Filme als Regisseur in den achtziger Jahren, die Sam Shepards große Zeit waren. Filme, für die ihn die Kritiker massakrierten. 

Viele von seinen Stücken und Filmen haben etwas mit der Suche nach Amerika zu tun, nach dem Amerika im Kopf, in der Seele, vor Augen: "I feel like I've never had a home, you know? I feel related to the country, to this country, and yet I don't know exactly where I fit in... There's always this kind of nostalgia for a place, a place where you can reckon with yourself." Man kann diese Suche nach Heimat fast nicht in eine andere Sprache übersetzen, ohne dass es nach viel zu viel Philosophie und Politik und Pathos klingt und viel zu wenig nach Empfindung und Verzweiflung und einem verborgenen bitteren Lachen darin. Leichter ist es, das in Erzählungen und Bilder zu übersetzen.

Sein Leben war dieses nomadische Ding. Geboren mitten im Krieg, 1943, auf einer Ranch im Westen. Weites Land und Paranoia. Der Vater ein alkoholkranker Offizier, hilflos gegenüber der erzwungenen Entwurzelung. Unfriedlicher Abschied. Theater als Lebensform. Rockmusik. Mit der Bishop Company kam er von der Westküste nach New York, wo der Geist von Beat und Hippies umging (auch so Versuche, aus dem amerikanischen Urwiderspruch etwas zu machen, wo der Stadt-Land-Gegensatz nie nur soziale, sondern immer auch ganz persönliche Krankheiten auslöst). Dort hatte er schon früh Erfolg mit Off-Broadway-Stücken. An american dream.

In seiner Rock’n’Roll-Zeit war Sam Shepard Schlagzeuger. The Holy Modal Rounders war eine der Vorläuferbands der Fugs um Tuli Kupferberg und Ed Sanders, aber die Gruppe ging auch sehr eigene Wege dabei, graswurzelnden Folk mit urbanen Drogenerfahrungen zu verbinden: Catch me auf dem Album Bird Song (1971) stammt von Sam Shepard. Der Titeltrack wiederum begleitet ein Jack-Nicholson-Extempore in dem Film Easy Rider. So liefen damals die popkulturellen Flechtarbeiten. Shepard blieb in allem, was er machte, dieser Rhythmiker. Manche seiner Dialoge erscheinen, als wären sie mit dem Schlagzeug geschrieben.

Der Kerl, der "Zabriskie Point" geschrieben hat

Die Flucht von Fort Sheridan, Lake County, Illinois, hatte Shepard auch nach London geführt. Da war Sam Shepard schon der Kerl, der das Drehbuch für Michelangelo Antonionis Zabriskie Point geschrieben hatte. Hippie-Traum und Abschied vom Hippie-Traum. Fremdheit. Bei einem Projekt, das Mick Jagger neben den Rolling Stones auf die Beine stellte, setzte er sich wieder einmal hinters Schlagzeug. In London entstanden die ersten größeren Bühnenarbeiten. Es hätte eine europäische Karriere werden können. Aber Sam Shepard musste zurück. Gefangen in einer Kultur, die die seine war und nicht war.

Mit Theaterpreisen bedacht zu werden ist das eine. Wirklich werden konnte man nur mit dem Film etwas. Amerika ist kinematografisch. Sam Shepard war mit Bob Dylan auf der Rolling-Thunder-Tournee unterwegs. Dabei sollte ein Film entstehen, Renaldo und Clara. Ein Konzertfilm mit narrativer Traumbeigabe. Weiß der Himmel, wer da genau was beisteuerte. Jedenfalls schrieb Sam Shepard nicht nur am Drehbuch mit, sondern war zum ersten Mal auch als Schauspieler zu sehen. Les enfants du paradis als Rock’n’Roll-Roadmovie. Ein kommerzielles und kritisches Desaster. Rock’n’Roll und Film und Literatur haben sich in dieser Zeit nie wirklich auf Augenhöhe unterhalten, immer musste das eine das andere ausbeuten und dominieren. Und auch für Sam Shepard war dieser Traum, Rock, Literatur und Film zu einem nomadisch-schönen Art Life verbinden zu können, nicht zu verwirklichen.

Am besten harmonierte Sam Shepard mit Filmemachern, die ein untrügliches Gespür für innere Rhythmen haben, mit Wim Wenders oder Robert Altman zum Beispiel, die etwas Drittes neben plot und character verfolgen, etwas, das eher aus der Musik kommt, einen drive vielleicht, wo sich die Rollen des Treibenden und des Getriebenen abwechseln können. Woody Allen drehte 1986 mit Sam Shepard als Hauptdarsteller September, Maureen O’Sullivan und Charles Durning waren auch dabei. Aber Allen hasste, was er sah, und drehte den Film mit einem anderen Cast noch einmal. Er wurde übrigens trotzdem ein Fiasko. Sam Shepards Karriere, das ist eine Erfolgsgeschichte mit Einschusslöchern.

Welche Filme konnte er selbst inszenieren, wenn nicht Familiendramen mit  Western- und Road-Movie-Elementen: Far North (1988), die Geschichte einer Familie und einer Rache (an einem Pferd). Der Verfall wird lose um ein Symbol entwickelt. Nicht Dramaturgie, eher Sound. Sechs Jahre später entstand Silent Tongue, eigentlich ein Gespensterwestern um die abwesende Frau. Dieses Land da draußen ist immer noch voller Geheimnisse, seine Schönheit ist, wie Shepard es sieht, von einer unbekannten Kraft vergiftet, Schicksal. Verstörte Americana. Es ist der letzte Film mit River Phoenix, ein Portrait des Künstlers als junger Mann. Far North entstand in dem Jahr, als Ronald Reagan von George Bush als Präsident abgelöst wurde. Silent Tongue im Jahr, als Bill Clinton auf Bush folgte. Sam Shepards beide Filme müssten dringend wieder gesehen werden, denn in ihnen stellt sich nicht nur die Frage nach Wurzeln und Freiheit, sondern auf eine indirekte Art immer auch nach der Demokratie, nicht bloß in der Kunst. Leonard Maltin nannte die Filme damals "zwecklos", Roger Ebert "undiszipliniert", so als wäre es ausgemacht, dass Filme auf den Punkt kommen und straff organisiert sein müssten. Nein, das war Shepards Arbeit genau nicht. Er war ein Autor, der die Sachen weniger zusammenführte, als vielmehr ausfransen ließ. Sigmund Freud zieht durchs Ranchland: Shepard war ein Cowboy, der die Gnade der Prärie verloren hat, der Halt in den Storys sucht. Aber die Storys funktionieren nicht mehr.