Um es zum Start der neuen ARD-Sonntagabendkrimi-Saison gleich wieder so zu sagen: Bayerns Niklas Süle war mit dem ersten Treffer der Fußball-Bundesliga-Spielzeit in der Partie München gegen Leverkusen (9. Minute) schneller als der österreichische Tatort mit der Präsentation seiner Leiche. Virus (ORF-Redaktion: Alexander Vedernjak, Bernhard Natschläger, Andrea Zulehner) lässt sich mehr als zehn Minuten Zeit, was bemerkenswert ist: Auf den Privatfernsehschock der neunziger Jahre hatte das stolze öffentlich-rechtliche Fernsehen in seiner Verunsicherung dereinst mit Standardisierung reagiert. Für den Tatort bedeutete das den Leichenfund in den ersten Minuten, damit die tendenziell aufmerksamkeitsgestörte Zuschauerin sicher sein konnte, in einem Krimi der Aufklärung zu harren.

Bemerkenswert ist allerdings auch, dass Virus mit der gewonnenen Zeit kaum was anzufangen zu weiß. Die ersten Bilder kommen aus einer schlecht beleuchteten Krankenstation in "Guinea, Westafrika", auf der gestorben wird – darüber hinaus sind sie aber deutlich illustrativer als informativer. Was auch daran liegen könnte, dass es offenbar niemand von den Filmverantwortlichen für nötig hielt, nicht-deutsche Dialoge, von denen es in Virus einige gibt, zu untertiteln.

Das ist rüde gegenüber den Schauspielern, weil die halt irgendetwas reden können. Es ist vor allem aber ästhetisch fragwürdig: Einem Film, der Text aufsagen lässt, für den er sich selbst nicht interessiert (Drehbuch: Rupert Henning, Regie: Barbara Eder), ist so sehr zu trauen wie den sogenannten deutschen Autobauern, die von Wettbewerb und Marktwirtschaft faseln. Nämlich niente.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

In krassem Gegensatz zu diesem Desinteresse steht die Lust, das Gekabbel zwischen den europäischen Kommissaren zu neuen Höhen zu treiben. Und so sehen wir die Bibi (Adele Neuhauser) und den Eisner (Harald Krassnitzer) zuerst tatsächlich ringend beim Polizeisport. Sehr schön. Die Bereitschaft, die Figuren und ihre Beziehung zueinander (im Spiel) zu quälen, ist unter allen ARD-Sonntagabendkrimis in keinem so ausgeprägt wie hier – das muss man den Europäern auf jeden Fall hoch anrechnen. Humor wird aber auch gebraucht in dem Umfeld (Drehbuchautor Henning ist ein Freund des temporären Running Gags), durch das sich die Bibi und der Eisner diesmal bewegen: Man hat es mit einem Infektionsschocker zu tun, der am großen Rad globaler Gegenwartsbewegungen und düsterer Zukunftsaussichten drehen will.

Aus zwei einst idealistischen, bruderähnlich befreundeten Ärzten (Andreas Kiendl als Albert Reuss und David Wurawa als Dr. Kamil Douada Maka) sind Gegenspieler geworden, weil der eine (Maka) dem anderen (Reuss) Verrat beim Kampf gegen Ebola vorwirft. Und einen Rache-, oder doch eher PR-Feldzug ersonnen hat, der wieder einmal die unter philosophierfreudigen Zeitgenossen beliebten Fragen des Utilitarismus berührt. Also: Darf der Tod weniger in Kauf genommen werden für die Rettung vieler? Muss erst, wie von Maka geplant, eine bestimmte Zahl an Europäern vom Ebola-Virus hingerafft werden, damit der weiße Westen seine Super-duper-Spitzenforschung auf die Bekämpfung eines Erregers richtet, der bislang eher an Orten wie dem Krankenhaus in Guinea Verheerung anrichtet? 

Mord durch Auswurf

Es wäre über solche Themen sicherlich noch einmal schöner zu disputieren, wenn Virus für seinen zentralen Konflikt eine andere Form gefunden hätte als die seminaristische Rückblende, in der der olle Reuss die Auflösung darlegt. Das muss sich die Bibi alles gefesselt anhören, damit sie auch nicht am Ende die Geschichte durch Verhaftungen unterbricht. Ästhetisch ist das nicht so avanciert, weil man in der letzten halben Stunde das Gefühl nicht loswird, im Moment des Guckens einen Film erzählt zu kriegen, der schon lange gelaufen ist.

Immerhin dürfte die Tötung Reussens durch den halb geniesten, halb gespuckten Auswurf Makas einzigartig sein als Mordvariante in der langen Geschichte des Tatort. Makas Tod dagegen, der die Ermittlung erst ausgelöst hat, stellt sich am Ende als verunglückter Schubser raus. Persönliche Schuld macht sich in Virus einen schlanken Fuß, aber es geht ja auch um die großen Fragen zwischen Europa und Guinea.

So richtig schlimm kann es um die Zukunft nicht stehen, wenn am Ende des Tatort die Bibi und der Eisner zwecks Kontaminationsverdacht auf schicken Plastik-"Schneewittchen"-Tragen feixend abtransportiert werden. Regisseurin Eder hat einiges an Komparserie mobilisiert, um den Krisenfall in der europäischen Provinz zu simulieren. Bei alldem arbeitet sich Virus am freudigsten aber an den verschiedenen Führungsfiguren ab: dem der Bibi und dem Eisner vorgesetzte Ernstl (Hubert Kramar), dem forensischen Fachmann Kreindl (Günter Franzmeier) und vor allem dem penibel-cholerischen Oberkrisenmeister Rottensteiner (Markus Schleinzer). Da ist der Tatort ganz bei sich: Balsam für die Angestelltenseele, die am nächsten morgen im Büro wieder von den Unfähigkeiten des eigenen Chefs genervt wird.