Schulmilch. Maracujasaft. Weinbrand. "Tigermilch" nennen Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche) die Mischung, die sie aus Plastikbechern mit dem Strohhalm in sich hineinschlürfen. Die Zutaten spiegeln den Daseinszustand der beiden vierzehnjährigen Mädchen wider. Die Milch steht für die Kindertage, die langsam zu Ende gehen. Der Alkohol für das Erwachsenendasein, in das sie hineinkatapultiert werden. Und der zuckersüße Fruchtsaft für die Vitalität, mit der sie ihr Teenagerleben auskosten.

Seit zehn Jahren sind Nini und Jameelah beste Freundinnen. Aufgewachsen in den Betonburgen des Berliner Sozialwohnungsbaus. Zwei gegenüberliegende Hausaufgänge. Dazwischen ein Spielplatz mit Rutsche und einer kleinen Hütte drauf zum Verstecken. Mittlerweile müssen sich die beiden Mädchen ganz schön zusammenkauern, wenn sie dort oben nicht gesehen werden wollen.

In anderen Filmen sähe ein solches Setting grau und öde aus und müsste als Marker für die marginalisierte Existenz der Figuren herhalten. In Ute Wielands Tigermilch wirkt die Neubausiedlung ganz normal und im Sonnenlicht sogar ganz nett, weil sie für Nini und Jameelah ihr ganzes Leben lang ganz normal und ganz nett ausgesehen hat. Schon darin erkennt man den Willen der Regisseurin, die Welt allein aus der Sicht der Mädchen zu zeigen und didaktische Draufsichten unbedingt zu vermeiden. Damit schließt sich der Film dem Geist der Romanvorlage von Stefanie de Velasco an, die ihre multikulturelle Coming-of-Age-Geschichte aus dem Berliner Westen demonstrativ auf Augenhöhe zu ihren jugendlichen Heldinnen erzählte.

Tigermilch ist ein Roman, der Helikopter-Eltern von heranwachsenden Mädchen in den Herzinfarkt treiben könnte. Neben dem regelmäßigen Verzehr des titelgebenden Alkoholmischgetränks turnen die beiden Vierzehnjährigen mit Ringelnylons über den Strich in der Kurfürstenstraße, feiern exzessiv auf einer Party im Grunewald und werden wenige Meter von ihrer Spielplatzrutsche entfernt Zeuginnen eines Mordes.

Das klingt nach einem vollkommen übersteuerten Jugenddrama, aber der wilde Plot fügt sich überraschend harmonisch in einen zärtlichen Realismus ein, mit dem Roman wie Film auf die innige Freundschaft der beiden Mädchen und deren soziales Umfeld blicken. Wie viele Filme dieses Genres fängt auch Tigermilch mit dem Beginn der Sommerferien an. Die Zeugnisse sind verteilt und sechs Wochen Freiheit breiten sich verlockend vor den Freundinnen aus. Die beiden kommen aus familiären Verhältnissen, in denen "in Urlaub fahren" kein gängiges Konzept ist. Ninis Mutter (Gisela Flake) liegt den ganzen Tag auf dem Sofa und ist auf ihrer Insel aus Depression und Trash-TV kaum ansprechbar. Der Vater ist über alle Berge, der neue Freund (Heiko Pinkowski) gibt sich ein bisschen Mühe, die kleine Halbschwester nippt heimlich am Eierlikör. Ganz andere Sorgen hat Jameelah, die mit ihrer Mutter (Narges Rashidi) vor zehn Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist, nachdem Vater und Bruder ermordet wurden. Jameelah lernt für den Einbürgerungstest, während verschiedenfarbige Briefe der Ausländerbehörde die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis infrage stellen.

Kino - "Tigermilch" (Trailer) © Foto: Constantin Filmverleih GmbH

Aber all das wollen die Mädchen wenigstens einen Sommer lang vergessen und gemeinsam endlich das Projekt Defloration angehen. Jameelah ist unsterblich in Lukas (August Carter) mit den Bambi-Augen verliebt, der aus einer Welt kommt, in der man im Sommer an den Gardasee fährt und in der Schule mit abgelutschten Pfirsichkernen rechnen lernt. Nini ist der Sprayer Nico (Emil Belton) lieber, den sie schon seit dem Kindergarten als verlässlichen Kumpel kennt. Was die beiden Mädchen an Familie zu wenig haben, hat ihr gemeinsamer Freund Amir (David Ali Rashed) zu viel. Dass seine große Schwester Jasna (Luna Zimić Mijović) sich mit einem serbischen Liebhaber herumtreibt, will die bosnische Verwandtschaft nicht akzeptieren, und ihr Bruder Tarik (Alexandru Cîrneală) ist entschlossen, die Familienehre mit allen Mitteln zu verteidigen.  

Erstaunlich mutige Schlusswendung

Die Qualität von Wielands Film liegt darin, dass sie von all dem ohne sozialkritische Ausrufezeichen erzählt, sich vom Exemplarischen fernhält und narrativ wie visuell in die Perspektive der Teenager eintaucht, für die die multikulturelle Gesellschaft längst Alltag, wenn auch sicherlich keine Idylle ist. Mit dem gemeinsam beobachteten Mord und der drohenden Abschiebung  sind es Ereignisse von außen, die die Freundschaft der beiden Mädchen auf eine harte Probe stellen und die beiden schneller als gewollt erwachsen werden lässt. Eine solche Coming-of-Age-Dramaturgie kann schnell hölzern wirken und in der stark dialogisch orientierten Romanvorlage gibt es einige Passagen, die sich dem Jugendsprachgebrauch allzu deutlich anbiedern. Aber auf der Leinwand wird das Konzept mit Leben gefüllt und das ist vor allem dem jungen Ensemble zu verdanken.

Wieland, die mit Freche Mädchen einschlägige Genre-Erfahrungen sammeln konnte, hat glücklicherweise darauf verzichtet, ältere Schauspielerinnen für die Teenagerrollen zu besetzen. Gäbe es einen Bundesfilmpreis für das beste Casting, so hätte Tigermilch ihn verdient. Das gilt nicht nur für die beiden Hauptdarstellerinnen Flora Li Thiemann und Emily Kusche, die überzeugend auf dem Grat zwischen Kindheit und Jugend entlangbalancieren, sondern auch für jede noch so kleine Nebenrolle.

David Ali Rashed etwa ist grandios als Amir, der viel zu klein ist für sein Alter, sich im Schwimmbad nicht traut, vom Zehner zu springen und am Ende zu tragischer Größe heranwächst. Oder Luna Zimić Mijović, die als Jasna in kurzen prägnanten Auftritten kraftvoll die ganze patriarchale Familienordnung durcheinanderwirbelt. Von erstaunlichem Mut ist auch die Schlusswendung, die auf Happy-End-Konventionen pfeift, den Freundinnen ein herzzerreißendes Finale beschert und gleichzeitig der bitteren politischen Realität direkt ins Auge schaut.