"Mama, kann ich ein Abenteurer werden?", fragt der kleine Adrian seine Mutter beim Spazierengehen in den Auen der Salzach. Die kniet sich zu ihm herunter, packt ihn mit den Händen an und schaut ihm in die Augen, so wie Mütter das eben tun, wenn sie etwas Wichtiges vermitteln wollen: "Du musst einfach das machen, was du unbedingt werden willst!" Der kleine Junge wurde später Filmregisseur, was natürlich allemal ein großes Abenteuer ist. Den Mut, das Selbstvertrauen und die Fantasie, die dafür notwendig sind, hat Helga Wachter ihrem Sohn gegen alle Wahrscheinlichkeit auf den Weg mitgegeben. Sie war schwer heroinsüchtig. Ihre kleine Wohnung war ein Sammelbecken der Salzburger Drogenszene und wenn Adrian malte oder Hausaufgaben machte, dann dämmerten um ihn herum, in der mit Tüchern und Decken verdunkelten, verrauchten und vermüllten Wohnhöhle überall die Süchtigen herum.

Nun hat Adrian Goiginger einen Film über diese Kindheit gemacht, Die beste aller Welten, und erstaunlicherweise wurde es keine Abrechnung, sondern eine Liebeserklärung. "Ich werde oft gefragt, ob ich meiner Mutter nicht böse bin oder ihr Vorwürfe mache", sagt Goiginger am Tag nachdem ihm der First Steps Award verliehen wurde, der deutsche Nachwuchspreis für Filmemacher. "Aber ganz im Gegenteil. Ich bin ihr dankbar, dass sie mich mit so viel Fantasie und so viel Liebe in die Welt eingeführt hat. Jeder Mensch hat Probleme, bei meiner Mutter war es leider eine schwere Krankheit."

Am Morgen nachdem er den Preis für seinen Film entgegengenommen hat, macht der Salzburger Pressearbeit, ein bisschen improvisiert in einem belebten Café in der Nähe des Bahnhof Zoo. Das passt eigentlich ganz gut zu einem Film, der in der Drogenszene spielt, denn nebenan wurde vor bald vierzig Jahren Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo gedreht. Aber ein Drogenfilm ist Die beste aller Welten für Goiginger im Grunde gar nicht: "Filme wie Trainspotting, Requiem for a Dream oder auch Christiane F. haben mich sehr berührt. Aber Die beste aller Welten ist für mich vor allem ein Film über die liebevolle Beziehung zwischen Sohn und Mutter. Darum habe ich mich auch eher an Filmen über tolle Eltern-Kind-Beziehungen orientiert wie Das Leben ist schön von Roberto Benigni, Charlie Chaplins The Kid oder Lenny Abrahamsons Room." Auch darin gelingt es einer Mutter, ihrem kleinen Sohn in Gefangenschaft auf engstem Raum einen Rest unschuldiger Kindheit zu erhalten.

Die wichtigste Referenz aber war Beasts of the Southern Wild, der Film über ein sechsjähriges Mädchen, das sich weitgehend allein in der untergehenden Welt der Südstaaten-Bayous durchschlagen muss. Es ist typisch für die anpackende Art dieses jungen Filmemachers, dass er sich die Kontaktdaten des für vier Oscars nominierten amerikanischen Regisseurs Benh Zeitlin besorgte und ihn kurzerhand anrief: "Ich hatte einfach Angst, es nicht zu schaffen, mit einem Kind richtig gut zu arbeiten. Als ich Beast of the Southern Wild gesehen habe, war das für mich mit Abstand die beste Kinderleistung, die ich je in einem Film gesehen hatte. Ich wollte unbedingt wissen, wie er das gemacht hat." Nach ein paar Telefonaten kam schnell das Angebot, zu skypen. Es wurden zwei Stunden, in denen Goiginger mehr gelernt hat als in zwei Jahren Filmschule. Der wichtigste Rat von Benh Zeitlin war der, den siebenjährigen Kinderdarsteller nicht in ein festes Drehbuchgerüst zu zwingen, ihn stattdessen immer wieder ganz unmittelbar auf überraschende Situationen reagieren zu lassen.

Kino - Die Beste Aller Welten (Trailer) © Foto: Filmperlen

Dass der siebenjährige Jeremy Miliker im Film so hinreißend unbefangen und natürlich wirkt, hat aber auch sehr viel damit zu tun, dass sich der junge Regisseur den Luxus von sieben Monaten Probenzeit nahm, in denen der Junge mit Verena Altenberger so lange Mutter und Kind spielen durfte, bis die beiden tatsächlich beinahe zur Familie geworden waren. "Das ist auch der Grund, warum das im deutschen Fernsehen und Kino so oft nicht gut funktioniert. Niemand nimmt sich da die Zeit, eine wirkliche Beziehung zwischen dem Kind und den anderen Schauspielern aufzubauen."

Im grauen Kapuzenshirt, das er sich tief ins Gesicht gezogen hat, mit Stoppelbart und einem scheuen Lächeln wirkt der 26-jährige Goiginger noch ausgesprochen jungenhaft, doch wenn er spricht, merkt man schnell, dass er früh erwachsen werden musste: "Ich bin nie wie ein Kind behandelt worden, diese Kindersprache kenne ich gar nicht. Mir haben die Leute schon früh von Schlägereien und dem Knast erzählt. Mit elf Jahren hatte ich schon etliche Menschen sterben gesehen und auch schon eine Leiche gefunden. Als Kind habe ich mich da nicht mehr gefühlt, fand das aber auch nicht schlecht." Obwohl er an diesem Morgen schwer angeschlagen ist, nicht vom Feiern, sondern von einer Erkältung , sprüht er nur so vor Ansichten, Überzeugungen und Ideen. Man kann sich vorstellen, dass es nicht ganz leicht ist, eine Schauspielerin für die Rolle der eigenen Mutter zu besetzen, die mit 39 Jahren nicht an der Sucht, sondern an Krebs gestorben ist. Verena Altenberger entsprach schließlich seinen präzisen Vorstellungen: "Mir war ganz wichtig, dass es eine Salzburger Schauspielerin ist und dass sie noch unbekannt ist." Über den Rest des Casts sagt er: "Ich finde es großartig, wenn die Leute mich fragen, ob das Schauspieler waren oder echte Junkies. Wenn jemand wie Tobias Moretti einen Junkie spielt, passiert das sicherlich nicht."