So ist Die beste aller Welten ein erschütternd realistischer Film über eine Kindheit im Drogenmilieu geworden, ein Film, der höllisch intim, herzzerreißend traurig und ergreifend liebevoll ist, genau die Mischung, die Goiginger als Elfjähriger selbst im Kino entdeckte: "Mir war sehr früh klar, dass ich Filmemacher werden will, schon als ich zum ersten Mal Forrest Gump sah, der immer noch einer meiner Lieblingsfilme ist, weil er die schönen und die nicht so schönen Seiten des Lebens zeigt. Oder wie Charlie Chaplin es am Anfang von The Kid schreibt: A film to laugh, and maybe to shed a tear."

Danach dauerte es nicht mehr lange bis Adrian Goiginger Kurzgeschichten schrieb und kleine Filme drehte, nach dem Vorbild anderer großer Autodidakten des Kinos wie Martin Scorsese oder Quentin Tarantino: Nicht warten, sondern einfach machen. Im Zusammenhang mit dem Schulabschluss produzierte er dann zusammen mit zwei Freunden den ersten abendfüllenden Spielfilm, ein ehrgeiziges Projekt, so richtig mit Produktionsbüro, Storyboards und Casting bis hin zur Pressearbeit: "Dieser Film war meine eigentliche Filmschule. Natürlich ist er nichts geworden. Mit 17, 18 ist es normal, dass man einen Film macht, der amateurhaft ist. Aber dabei habe ich in einem Jahr alles gelernt, was mit Film zu tun hat. Das war großartig".

Ähnlich wie Ridley Scott oder Adrian Lyne hat auch Adrian Goiginger sein Handwerk als Regisseur von Werbefilmen erprobt, wo er lernte, die Visionen anderer umzusetzen und pünktlich zu liefern. Als immer mehr Aufträge für Werbe- und Imagefilme kamen,  verabschiedete sich Goiginger dann aber schnell wieder aus dem lukrativen Geschäft – aus Angst, der Verlockung des Geldes zu erliegen und seinen großen Traum, Spielfilme zu drehen, aus den Augen zu verlieren. Er begann an der Filmakademie Baden-Württemberg zu studieren. 2012 starb die Mutter. "Retrospektiv wurde mir klar, was für eine enorme Leistung es von ihr war, mir trotz ihrer Heroinsucht eine so liebevolle Kindheit zu ermöglichen. Da habe ich mich entschlossen, das zu verfilmen." Der Film entstand parallel zum Studium, außerhalb der Filmakademie. 

Mit dem Speer auf der Jagd nach dem Dämon

Die beste aller Welten ist mit Elementen von Horror und Fantasy durchsetzt, die bereits eine Ahnung eines ganz anderen, weniger persönlichen und eher genreorientierten Kinos aufschimmern lassen: Immer wenn der kleine Adrian die Welt nicht versteht, wird der zarte Bub zum großen, wilden Ronan, der mit einer steinernen Speerspitze auf die Jagd nach dem bösen Dämon geht, der die Menschen in seinem Umfeld zu Untoten macht. Es ist ein schwarzes Monster, das sich in einer düsteren Höhle von seinen Ketten löst und entfernt an den Fauno aus Pans Labyrinth erinnert. "Wenn man sich entscheidet, diese Drogenwelt aus der Sicht eines Siebenjährigen zu zeigen, dann liegt es natürlich nahe, Schlupflöcher in die Fantasie einzubauen", erklärt Goiginger. "Mir war früh klar, dass ich auf diese Weise Farbe in dieses sonst sehr düstere Junkiemilieu bringen wollte. Das zeigt auch, wie stark und wichtig die Fantasie ist, denn im Endeffekt besiegt das Kind damit den Dämon der Mutter."

Der nächste Film von Adrian Goiginger wird zwar nicht autobiografisch, aber doch biografisch werden. Es ist die Geschichte seines Urgroßvaters, der zwischen den Kriegen mit acht Geschwistern in den Bergen aufwuchs und später die fehlende Liebe seiner Kindheit in einer engen Beziehung zu einem Fuchs nachholt: "Kein Vergleich also mit Die beste aller Welten, die ich persönlich erlebt habe. Wenn ich einen Film über die Christenverfolgung in Nordkorea machen würde, wäre mir das Thema nicht weniger fremd. In diese Welt muss ich mich erst einarbeiten." Da schillert sie wieder: Goigingers Lust, etwas Neues zu entdecken.