Wasser, wohin das Auge schaut. In den frühen Morgenstunden am Freitag wurde die Lagune von einem Monstergewitter heimgesucht, tropfnass sind die Besucher der Frühvorstellungen auf dem 74. Filmfest in Venedig. Heute ist Ai-Weiwei-Tag am Lido. Das erste Bild seiner 140-minütigen Flüchtlingsdokumentation Human Flow zeigt das Mittelmeer: Ein Boot schiebt sich durch glitzernde Wellen, eine strahlend blaue Wasserwelt, verboten schön, die Hölle des 21. Jahrhunderts.

Länger als ein Jahr hat der in Berlin lebende chinesische Konzeptkünstler und Regimekritiker mit zwei Dutzend Teams überall in der Welt gedreht, in halb Europa, im Libanon, in Bangladesch, Afghanistan, Afrika, in Idomeni, in Calais, am Flughafen Berlin Tempelhof. Human Flow, der als einer von zwei Dokumentarfilmen im Wettbewerb um den Löwen läuft, will das ganz große Bild entwerfen, mit Expeditionen bis in die Subsahara, mit horrenden Zahlen, Fakten und Versen arabischer Lyriker – und immer wieder mit Drohnenflügen, etwa über die gigantischen UN-Camps an der syrischen Grenze.

65 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht. Es ist die größte Völkerwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg. 1,3 Millionen sind alleine in Jordanien gestrandet, über eine Million jeweils in Italien und Griechenland – hilft da die Vogelperspektive? Ai Weiwei zoomt auch nahe heran, bringt sich selbst ins Bild, reicht Tee, will Namen und Herkunft wissen, filmt mit dem Smartphone. Man fragt sich: Warum?

Wegen der Ehrlichkeit, sagt er auf der Pressekonferenz in Venedig. Er sei "hineingestolpert" in das Projekt, während des Lesbos-Urlaubs mit seinem Sohn, als sie zufällig ein Flüchtlingsboot stranden sahen. Er habe es persönlich halten wollen, auch als der Film zu einem immer größeren, internationalen Unternehmen wurde. Er wisse und begreife wenig, sagt er, bis heute; er sei selbst ein Zuschauer. Als solchem könne das Publikum ihm im Film zuschauen.

Menschlichkeit betonen

Auch wenn der Regisseur und das halbe Dutzend Produzenten auf dem Pressepodium die Mission der Menschlichkeit betonen, die verwegene Hoffnung, dass sich die Welt wegen der Flüchtlinge nicht immer mehr spaltet, sondern zusammenrauft: Das ethische Dilemma von uns Europäern, die wir Empathie entwickeln und wieder nach Hause fahren, thematisiert der Film nicht.

Wenigstens zeigt Ai Weiwei, wie effizient Europa die Flüchtlingsfrage an die Außengrenzen entsorgt und Zigtausende im Stich lässt, an Stacheldrahtzäunen, in Elendszelten im Schlamm. Er zeigt, als Folge des Türkei-Abkommens, die Rechtlosigkeit der dorthin zurückgeführten Heimatlosen. Mütter, die sich mitten in Europa um ein bisschen Säuglingsmilch balgen müssen. Die Hoffnungslosigkeit am Gazastreifen. Die Gefahren der Radikalisierung der ihrer Identität beraubten Jugend. Die aus Pakistan zurück in ihre Heimat abgeschobenen Langzeitflüchtlinge aus Afghanistan, Flüchtlinge im eigenen Land. Immer schneller wechselt Human Flow die Schauplätze, bis sich eben jene Immunisierung einstellt, die Ai Weiwei eigentlich aushebeln will.

Oder entwickelt man mit solchen Bedenken nur einen Schutzmechanismus gegen den moralischen Appell, der in jeder einzelnen seiner Aufnahmen steckt?