Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und linearen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne "Hildegard von Binge" besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"The Deuce"

Heute, da der Times Square zum Disney-Spielplatz verkommen ist, sehnen sich viele New Yorker nach den Zeiten, als er noch wirklich verkommen war. Die 42. Straße, im Jargon "The Deuce" genannt, mit ihren Prostituierten, Zuhältern, Junkies und Glückssuchern ist Thema der gleichnamigen Serie von David Simon. Der Autor von The Wire versucht auch diesmal, allen Genre-Klischees kritisch zu begegnen und sein Thema – den Siegeszug der Pornografie Anfang der siebziger Jahre – als zeitlos gültiges Gesellschaftspanorama aufzuziehen.

Das gelingt ihm auf seine ganz spezielle David-Simon-Weise: Sechs Episoden lang lullt er den Zuschauer in Tresen- und Straßengespräche seiner Protagonisten und zeigt dann in den letzten beiden Folgen rasant und brutal, was in diesem Themenkomplex alles noch verhandelt werden kann: die Privatisierung der käuflichen Lust, die Eventisierung der Pornobranche und natürlich auch die Entwicklung einer Milliardenbranche im gleichermaßen prüden wie erfolgssüchtigen Amerika der Siebzigerjahre.

James Franco und Maggie Gyllenhaal spielen die beiden Hauptrollen – einen Barkeeper mit einem Zwillings-Ego und eine Prostituierte mit Ambitionen. Ansehen sollte man sich die Serie aber vor allem wegen ihrer interessanten Nebenrollen, den zahllosen kulturellen Referenzen und dem psychedelischen Soul-Soundtrack. (Carolin Ströbele)

Eine ausführliche Besprechung von "The Deuce" finden Sie hier.

Die acht Folgen laufen immer montags um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic HD oder wahlweise auf Deutsch oder im Original auf Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand. Außerdem abrufbar auf Amazon, Deutsche Telekom, Google Play, iTunes, Maxdome, Sony Playstation und Xbox.


"Unerwünscht" ("Fatale-Station")

Ein Neo-Western mit einer Mittvierzigerin als lonely rider. Das ist die ungewöhnliche Konstellation der arte-Produktion Unerwünscht. Der Originaltitel Fatale-Station bezieht sich auf den verlassenen Bahnhof des verlassenen kanadischen Örtchens, an dem kaum jemand ankommt. Sarah (Macha Limonchik) will unbedingt in Fatale bleiben: Sie ist Mitte 40, Opfer eines gewalttätigen Mannes, auf der Flucht vor ihm und nun auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben.

Das will man der Fremden aber in der hierarchisch strukturierten Dorfgemeinschaft nicht gewähren. Aus dem Zimmer im einzigen Hotel muss sie ausziehen, ein Haus darf sie nicht anmieten. Das hat das Oberhaupt des Dorfes verfügt – charmanterweise ist hier auch der Patriarch des Dorfs eine Matriarchin. Jean O'Gallagher hat das Geld und das Sagen hier und will die Unbekannte auf keinen Fall in ihrem Einzugsbereich dulden. Aus guten Gründen, wie sich später zeigen wird.

Der frankokanadische Regisseur Rafaël Ouellet und sein mehrfach prämierter Drehbuchautor Stéphane Bourguignon haben ihren fiktiven Ort mit interessanten Charakteren bevölkert. Neben der Patin O'Gallagher gibt es noch einen populistischen Politiker, der gegen die Ureinwohner hetzt, einen übergriffigen Hotel- und Barbesitzer, einen unglücklich verliebten Metzger und eine Friseurin mit elektronischer Fußfessel. Und eine Hauptfigur, die womöglich gar nicht auf der Flucht ist, sondern eine ganz eigene, grausame Agenda hat. (Carolin Ströbele)

Die zehn Episoden von "Unerwünscht" laufen jeweils donnerstags als Doppelfolge auf arte bzw. sind in der Mediathek abrufbar.