Um bei Verstand zu bleiben, machen wir unsere Erinnerungen erträglicher, als sie sind. Das Gedächtnis selektiert und verzerrt traumatische Ereignisse. Wir erzählen uns unser Leben als Fiktion unseres Nervensystems. Vergessen und Verdrängen sind Strategien, um zu überleben. Meistens jedenfalls. 

Nach der Loveparade in Duisburg hatte ich zwei Nächte lang Alpträume. Danach dachte ich, das sei verarbeitet. Ich wollte keine Belastung sein. Und hielt die Erinnerung an die erstickende Enge, die Menschenmassen und das Gefangensein dort für eine Art Pech. Oder Kollateralschaden. Als Journalistin hält man vieles für normal.

Als Journalistin war ich am 24. Juli 2010 nach Duisburg zum Mega-Rave gefahren, im Auftrag des Feuilletons der ZEIT, um hineinzuhorchen in die sogenannte Jugend. Bestandsaufnahme einer scheinbar sorglosen Generation, die im Feiern eine Exit-Strategie gefunden hat und ihre Selbstverwirklichung genügsam im Rausch auflöst. Ich geriet nach fünfstündiger zähfließender Wanderung an den Ort, wo gestorben wurde, in die Tunnel und auf die Rampe zum Festivalgelände. Hinter uns schloss die Polizei die Tore, vor uns auch. Als sich nach 40 Minuten Überlebenskampf mit einem Mal alles auflöste, sah ich einen Brezelverkäufer und die Toten. Der Brezelverkäufer, Typ Philosophiestudent, sagte blass: "Sie haben mir alle Brezeln geklaut!" Direkt neben ihm deckte ein Notarzt eine Leiche mit silberner Folie ab. 45.000 Menschen standen hier, sechs pro Quadratmeter. Es gab 21 Tote. Hunderte von Verletzten. Wir waren gefangen. Ich hatte wohl einfach Glück.   

Seitdem gehe ich nicht mehr auf Konzerte, meide Menschenmassen, stehe am Rand, bin gern allein. Ich hielt das lange Zeit für normal. 

Nun zeigt die ARD den Film Das Leben danach, der genau davon erzählt, vom Leben danach. Und wer noch nicht traumatisiert war, ist es auf gewisse Weise nach diesem Film. Denn das, was Traumaopfer für normal halten, nämlich einfach weiter zu funktionieren, ist eben nicht normal. Der Film ist drastisch und radikal. Ich habe ihn nicht ganz zu Ende geschaut, weil ich es nicht kann. Ich habe ihn aber soweit gesehen, dass ich mich bedanken kann. Bedanken, dass endlich jemand daran erinnert.

Sieben Jahre lang ist nichts passiert. Ein Strafverfahren gegen die Organisatoren und die Stadt Duisburg wurde abgelehnt. Erst nach Protesten der Hinterbliebenen erklärte das Oberlandesgericht Duisburg im April 2017, dass die Katastrophe nun doch vor Gericht verhandelt wird. Am 8. Dezember beginnt die Hauptverhandlung. Wir Überlebenden finden den ersten Schritt der Aufarbeitung nun schon vorher, in der Kunst.

"Die Überlebenden sind die Arschlöcher, die nichts auf die Reihe kriegen"

Jella Haase, die wir aus Fuck ju Göhte kennen, spielt einen Teenager oder junge Erwachsene (man weiß es bei ihr einfach nie), die von ihrer Erfahrung im Tunnel traumatisiert ist und sich selbst als kaputt beschreibt. Sie lebt bei ihren Eltern, die Musiker sind, und zerstört bei Nacht die Kerzen und Blumen zum Andenken an die Opfer der Loveparade unter den Tunneln in Duisburg. Sie sagt Sachen wie: "Ich habe einen an der Klatsche. Ich war bei der Loveparade." Oder: "Die Toten sind die Guten. Die Überlebenden sind die Arschlöcher, die nichts auf die Reihe kriegen."

Sie verliebt sich in einen Taxifahrer, der einst Mathematikprofessor war, aber nach den Ereignissen der Loveparade so schwer traumatisiert ist, dass er diesen Job nicht mehr machen kann. Was Menschen, die nicht dabei waren, als gnadenlose Übertreibung vorkommen muss, erscheint mir vollkommen nachvollziehbar. Schaut man sich die Bilder noch einmal auf YouTube an, wird klar, mit was man es hier zu tun hatte: mit einem Überlebenskampf. Manche vergessen, andere nicht.

Ein Gutschein für McFit

Einmal führt Antonia, also Jella Haase, ihren ahnungslosen Mathematikprofessor/Taxifahrer zu einer Geburtstagsfeier. Das Geburtstagskind ist allerdings tot. Traurige Mütter in einem traurigen Raum. Antonias Freund begreift die Situation nicht und versucht, der Mutter des Getöteten einen Gutschein für ein Fitnessstudio zu überreichen. Als Geschenk. 

Wer wie ich damals auf der Rampe stand, sieht hier sofort das Schreckliche. Denn wir konnten dort, eingepfercht zwischen Menschenkörpern, nur noch den blauen Himmel sehen – und die wehenden Fahnen von McFit, dem Fitnessstudio, dessen Geschäftsführer Rainer Schaller mit seiner Firma Lopavent eben auch die Loveparade organisiert hatte.

Das Leben danach zeigt, wie ohnmächtig wir vor diesem Verbrechen stehen, das sich Loveparade nannte, und wie vergeblich es scheint, gegen ein solches Verbrechen anzuleben. Der Film erzählt, wie Gewalt wirkt und was sie hinterlässt. Ich hatte irgendwann auf der Rampe die Augen geschlossen und nur noch ausgehalten. In einer stillen Alarmbereitschaft, die auch jetzt, sieben Jahre später, noch nicht ausgeschaltet ist.