Auf jedem Filmfest fangen die Bilder irgendwann an, miteinander zu reden. So auch in Venedig. Das Mittelmeer in Ai Weiweis Flüchtlingsdoku Human Flow und im Familiendrama La villa, der Atlantik im Ostküsten-Roadmovie The Leisure Seeker, die Adria vorm Festivalgelände, sie alle verschwimmen zu einem einzigen Uferpanorama. Wenn Frances McDormand erzählt, dass sie für ihre wütende Heldin in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri den Gang von John Wayne imitierte, macht sie den Geschichtsraum des Western auf. Und wenn der Schriftsteller in La villa vom Abgrund spricht, an dem uns nichts bleibt als Gelächter, klingt das wie ein Reflex auf all die Filme am Lido, die Trumps Amerika mit beißender Satire begegnen.

Nach der Weltpremiere von Darren Aronofskys Horrorfilm Mother! ist es langsam genug mit all den mehr oder weniger gelungenen, an- und durchpolitisierten Genreproduktionen aus den USA, die weitgehend vor Trumps Wahl entstanden. Als hätten sie sich verabredet, zeigen Alexander Payne, Clooney, Aronofsky und Co. unter der hübsch getünchten Oberfläche der Zivilisation ebenjenen Abgrund: die Gier des Mittelstands, White Trash, Hass, Gewalt, die Apokalypse. Rassismus in Amerika?, wird das Team von Three Billboards in Venedig gefragt. Was ist mit dem Rassismus in Italien?, kontert Frances McDormand, in Europa, in Russland?

"Mother!" strotzt vor Stereotypen

Jennifer Lawrence, 27, und Aronofsky, 48, treten in der Lagunenstadt erstmals öffentlich als Paar auf. Sie haben einen an Rosemaries Baby erinnernden Psychothriller mitgebracht, der nur so strotzt vor Stereotypen. Ein abgelegenes Spukhaus, die Wände raunen, die Dielen bluten, ein Schriftsteller (Javier Bardem) leidet an einer Schreibblockade, seine schwangere Muse (Lawrence) tapst als Mater Dolorosa durch die viktorianische Villa, die erst von einem monströsen Ehepaar (Ed Harris, Michelle Pfeiffer) heimgesucht wird, dann von einer zerstörungswütigen Meute. Buhs in der Morgenvorstellung, nächste Woche startet Mother! in den deutschen Kinos.

Es gibt auch ein anderes Amerika, Frederick Wiseman zeigt es in EX LIBRIS, dem zweiten Dokumentarfilm im Wettbewerb. Eine dreistündige Hommage an die New York Public Library, Szenen einer Bibliothek als Stätte der Bildung, der Begegnung, der freien Rede, der sozialen Fürsorge. 92 Filialen hat die Library, ihre Gründer wollten, dass sie für jeden New Yorker zu Fuß erreichbar ist. Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler diskutieren bei "Books at Noon" an der Fifth Avenue, Arbeitslose kommen zur Jobbörse, Migranten lernen, wie man einen PC bedient, Obdachlose sitzen im Trockenen – und alles umsonst.

Die Bibliothek ist ein Gegengift zu Trumps darwinistischem Gesellschaftsbild, sagt der 87-jährige Altmeister Wiseman in Venedig, es ist sein 43. Film. Er kommentiert nicht, beobachtet nur. Vor Wisemans Kamera sind alle gleich prominent. Und sie weckt Respekt vor dem Bemühen des Vorstands, öffentliche und private Gelder für all die Programme einzuwerben, die Teilhabe ermöglichen. 60 bis 70 Millionen Amerikaner leben in der "digitalen Dunkelheit", allein drei Millionen New Yorker. Seit 2015 verleiht die Library auch WiFi-Hotspots. Ein Stück Wirklichkeit, ein Stück Utopie, mitten in all dem Horror.