ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich ausgerechnet ein Schlachthaus als Kulisse für eine Liebesgeschichte ausgesucht?

Ildikó Enyedi: In einem Schlachthof sind Körper und Seele auf sehr dramatische Weise präsent. Damit meine ich nicht nur den Prozess des Tötens der Tiere, der hier maschinell betrieben wird, sondern vor allem die Atmosphäre in den Gattern, in denen die Tiere warten. Sie stehen dort 24 Stunden, bevor sie geschlachtet werden, in aller Stille zusammen. Ich war mir sicher, dass die Tiere wissen, was auf sie zukommt. Man sieht es in ihren Augen und an ihrer Körpersprache. Wir haben dort viele Stunden verbracht und mit der Zeit erkennt man die Persönlichkeit der Tiere.

ZEIT ONLINE: Ist der Schlachthof in Ihrem Film auch ein metaphorischer Ort?

Enyedi: Zunächst einmal ist ein Schlachthof ein ganz normaler Arbeitsplatz. Gäbe es keine Schlachthöfe, wären die Metzgereien und die Fleischtheken in den Supermärkten leer. Es ist also ein ganz realer Ort, der jedoch die kaum auszuhaltenden Extreme veranschaulicht, auf denen unser Leben aufbaut. Um diese Extreme aushalten zu können, spalten wir Situationen wie das Schlachten von uns ab, lagern sie aus der Gesellschaft aus und professionalisieren den Umgang mit etwas, das wir eigentlich durchleben und an unsere Seele heranlassen sollten. Deshalb haben wir auch genau dieses Schlachthaus ausgesucht, das sehr modern und bestens ausgestattet ist: Ich wollte die Grausamkeit in der gut geölten Funktionalität, den Horror in der Routine zeigen.

ZEIT ONLINE: "Ohne Bereuen geht es bei uns nicht", sagt in Ihrem Film der Leiter des Schlachthofs während eines Einstellungsgesprächs. Wie gehen die Menschen, die dort tatsächlich arbeiten, mit diesem Horror der Routine um?

Enyedi: Der Betreiber des Schlachthofs, in dem wir gedreht haben, war ein wunderbarer, sehr umsichtiger Mann. Er sucht seine Mitarbeiter sehr genau aus und behält sie die ersten Monate über im Auge, um zu sehen, ob sie dieser Arbeit psychisch gewachsen sind. Wenn man sich in einer Situation befindet, die größer als man selbst und eigentlich nicht auszuhalten ist, hat die Seele zwei Möglichkeiten damit umzugehen: Die eine Möglichkeit ist, grausam und sadistisch zu werden. Das kann man in Kriegen oder Konzentrationslagern beobachten, wo Menschen innerhalb weniger Monate in der Lage sind, die schrecklichsten Dinge zu tun. Dafür muss der Feind oder der Gefangene entmenschlicht werden. Im KZ wurden die Deportierten in "Stück" und nicht in "Personen" gezählt. Wenn ein Mensch zum Objekt geworden ist, kann ich mit ihm alles machen. Dieses Objektifizieren geschieht, wenn man eine Aufgabe erfüllen muss, die einfach zu viel für die eigene Seele ist. Die andere Möglichkeit ist, echtes Mitgefühl zu entwickeln. Es war wirklich erstaunlich zu sehen, wie die Mitarbeiter unseres Schlachthofs sich von dem Moment an, in dem die Rinder dort ankommen, um die Tiere kümmern, sie streicheln, mit ihnen sprechen, sie mit Respekt und einer gewissen Brüderlichkeit behandeln. Wir haben sehr viel von diesen Menschen gelernt, die ganz instinktiv auf die Tiere reagiert haben.

ZEIT ONLINE: Ihr Film zeichnet sich durch einen sehr zärtlichen Umgang mit seinen Figuren aus. Wie erschafft man diese Zärtlichkeit in diesem Ambiente und während eines so technisierten Prozesses wie dem des Filmemachens?

Enyedi: Das ist das Ergebnis von Teamwork. Meine Hauptaufgabe als Regisseurin besteht darin, alle Mitglieder der Crew ins selbe Universum zu versetzen. Wenn alle im Gleichklang mit dem Film sind, bringen sie ihr professionelles Wissen wie von selbst in die richtige Richtung und treffen die richtigen technischen und praktischen Entscheidungen. Deswegen wähle ich die Mitglieder des Teams nicht nur nach ihren professionellen Fähigkeiten, sondern auch nach ihrer Persönlichkeit aus. "Körper und Seele" ist ein sehr feinsinniger Film. Wenn nicht alle mit dem Herzen dabei gewesen wären, hätte die Sache schnell aus dem Ruder laufen können. Schon ein anderer Schatten auf Márias Gesicht hätte eine Szene und letztlich den ganzen Film anders aussehen lassen.

ZEIT ONLINE: Im Film finden Endre und Mária zueinander, als sie feststellen, dass sie Nacht für Nacht das Gleiche träumen. Woher kam diese Idee?