Selten schien ein Ausrufezeichen angebrachter als jenes im Titel von Darren Aronofskys Mother!. Seit seiner Premiere auf dem Festival von Venedig vergangene Woche hat der Film eine Vielzahl an unterschiedlichen Reaktionen hervorgerufen und alle waren sie laut, im Negativen genauso wie im Positiven. Besonders häufig ist in den bislang veröffentlichten Filmkritiken das Wort Ärger zu lesen. Auch wenn sich das nach billigem Kontramanöver anhören mag: Ärger gehört zu den interessantesten Reaktionen, die ein Film auslösen kann. Beschreibt er doch eine Intensität, die jenseits des fürs Kino so eingeschliffenen Daumen-hoch-Daumen-runter-Paradigmas liegt. 

Das Interessante an diesem Ärger zeigt sich darin, dass er nicht die eine, sondern viele, sich widersprechende Ursachen hat. Da beklagen manche, dass es dem Film an Geheimnis, an einer zweiten Ebene fehle, während andere sich von der Überfülle an gelehrten Anspielungen und Metaphern provoziert fühlen. Den einen erscheint der Film zu platt feministisch, andere wollen einen Ausbund an Misogynie erkannt haben. Den dritten hat sowieso noch kein Film von Aronofsky gefallen und sie sehen ihre Vorurteile bestätigt, während für erklärte Fans des Regisseurs von Requiem for a Dream, Black Swan und Noah dieser Film völlig aus der Art schlägt. Und nicht wenige bringt schon das Detail in Rage, dass die Figuren keine Namen tragen, sondern prototypisch "Him" (Javier Bardem), "Mother" (Jennifer Lawrence), "Man" (Ed Harris) oder "Woman" (Michelle Pfeiffer) genannt werden. Prätentiös, oder?

Das nette Heim als Zweisamkeitsgefängnis

Jennifer Lawrence also spielt die "Mutter" und dass dies eher eine allegorische denn eine konkrete Benennung ist, wird bald klar: Die junge Frau lebt kinderlos mit ihrem um einige Jahre älteren Mann, eben dem von Bardem gespielten "Him", in einem abgelegenen Haus. Er, ein Schriftsteller und Poet, der seine besten Zeiten offenbar hinter sich hat, kämpft mit Schreibblockaden. Sie renoviert unterdessen mit viel Liebe zum Detail das prächtige Haus, das nicht etwa wie andere Land- und Geisterhäuser eine klare Vorderfront hat, sondern einem eigenartig runden Grundriss folgt mit Zugängen von allen Seiten. Später erfährt man, dass es sein Haus ist, das komplett abbrannte und dann von Lawrence wieder rekonstruiert wurde. Es ist mithin ein Liebesdienst für und eine Liebeserklärung an ihn, aber damit auch eine Art Zweisamkeitsgefängnis, in das die verliebte junge Frau ihren abgelenkten Gatten einsperren möchte. Seine ständigen Fluchtbewegungen – immer wieder geht sie durch das Haus auf der Suche nach ihm, er kommt zurück und berichtet von langen, inspirierenden Spaziergängen und Begegnungen mit Fremden – deuten zumindest an, dass es so ist.  

Eines Tages steht der "Mann" (Ed Harris) vor der Tür und behauptet, er hätte die Adresse mit dem einer Bed-and-Breakfast-Pension verwechselt. Man teilt als Zuschauer sofort das Misstrauen, von dem Lawrence erfasst wird, schließlich haben ein paar Luftaufnahmen bereits gezeigt, dass ihr Heim geradezu unheimlich weit ab von zu verwechselnden Adressen liegt. Aber fast gierig lässt "Er" den Fremden ins Haus, bietet ihm ein Zimmer zum Übernachten an und als der Mann sich als Fan des Dichters vorstellt, ist der Männerfreundschaft kein Halten mehr gesetzt.

Seltsame Dinge beobachtet eine empörte Lawrence in der Nacht, aber damit nicht genug steht am nächsten Morgen auch noch die "Frau" (Michelle Pfeiffer) vor der Tür. Im Gegensatz zu ihr verhielt sich ihr Mann geradezu schüchtern. Pfeiffer jedenfalls tritt ins Haus ein, als nehme sie es in Besitz. Der jungen Hausherrin setzt sie mit aufdringlichen Fragen zu, mixt sich ungefragt Drinks und geht frech über alle ausgesprochenen Verbote hinweg. Kein Gegenstand ist vor ihrem Zugriff und kein Raum vor ihrem Zutritt sicher. Es macht Lawrence sichtlich wahnsinnig. Und als sich auf ihrem Gesicht schon das Gefühl des Kontrollverlustes spiegelt, kommen auch die beiden Söhne des fremden Paares zu Besuch, gespielt von den Brüdern Domhnall und Brian Gleeson. Kaum dass Lawrence ihre Anwesenheit erfassen kann, hat auch schon der eine den anderen erschlagen. Nun bricht erst recht Chaos aus: Lawrence entdeckt Wunden, die im Haus aufbrechen, sieht Erscheinungen, Blut, Wasser und weitere Eindringlinge fallen über das Haus her und formen eine Art nicht mehr aufzuhaltenden Strudel der Vernichtung mit dem entsetzten Gesicht von Lawrence immer als Zentrum. Es ist ziemlich wild.