Das hat es vermutlich auch noch nicht gegeben in der langen Geschichte des Tatort. Dass man zwei verschiedene und unabhängig voneinander entstandene, aber nacheinander gesendete Folgen zusammenkleben könnte, als wären sie genau dafür gemacht. Endete das schöne Stuttgart letzte Woche damit, dass der titelgebende Stau sich langsam auflöste, beginnt der Luzerner Tatort: Zwei Leben (SRF-Redaktion: Lilian Räber) mit dem Blick auf die nächtliche Landstraße, den unterbrochenen Mittelstreifen, die sogenannte Leitlinie, die von Scheinwerferkegeln fast halluzinativ erhellt wird.

Ein Bus ist unterwegs, am Steuer sitzt ein aufmerksamer Fahrer und auf einer Brücke steht ein Mann, der eine Stimme hört, die "Spring!" ruft. Und obwohl die Orientierung in der Dunkelheit nicht immer leicht fällt, die Zuschauerin also nicht zu jeder Zeit über den Abstand zwischen nahendem Bus und zögerndem Mann im Bilde ist – die ruhige, in der Action präzise wie knappe Inszenierung (Regie: Walter Weber) gelingt. Der Mann ist gesprungen, der Bus zum Halten gekommen. Der Fahrer fragt nach einem Arzt, vergeblich, und beim Aufstellen des Warndreiecks stresst der nachfolgende Verkehr.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

Weshalb man meinen könnte, es würde auch der "Spirit" (Karl-Heinz Rummenigge) von Stau in Zwei Leben einen Anschluss finden: durchdachtes Erzählen, schöne Nebensächlichkeiten, Genauigkeit. Wieder ist es ein Unfall, der die Ermittlung stiftende Leiche produziert. Und weil der Zuschauer ihn diesmal mit angesehen hat, kommt eine ganz eigene Spannung auf: Wie wird es der Tatort schaffen, den Toten mit einem Mord zu assoziieren? Denn nur der Mord, das ist ARD-Sonntagabendkrimi-Gesetzmäßigkeit, ruft die Protagonistinnen des jeweiligen Schauplatzes auf den Plan – hier die Kommissare Flücki Flückiger (Stefan Gubser) und Lizzie Ritschard (Delia Mayer).

All die schönen Hoffnungen sind allerdings schon im nächsten Bild dahin, in dem Moment, da Flücki zum ersten Mal auf dem Schirm erscheint. Turtelnd hockt er mit Affäre Eveline (Brigitte Beyeler) vom letzten Mal an Lagerufer und Seeufer, und das verheißt nichts Gutes. Man möchte von solch demonstrativ zugelegtem Privatleben im Tatort einfach nicht belästigt werden. Das Privatleben von Ermittlern stört fast immer, weil es für Fall und Auflösung nicht von Belang ist – auch wenn es ARD-Sonntagabendkrimi-Aficionados geben wird, die sich ihre wiederkehrenden Akteure gut durchwünschen, also ausstaffiert mit solch überflüssigem Quark.

Letztlich sitzen Flücki und Evi nämlich nur in dem toten Idyll, das man als Bild problemlos an einen der parallel laufenden ZDF-Herzschmerz-Filme ausleihen könnte, damit der Polizist telefonisch vom Dienst ereilt werden kann – was dann auf denkbar langweilige Weise geschieht. Außerdem muss dieses Privatleben immer so aufdringlich eine Verbindung zum Fall haben (und durch die neue Liaison von Liz mit einer Essensbotin noch einmal gedoppelt werden).

Wenn Flücki und Evi abends zusammen abhängen, sagt er etwa zu ihr: "Es ist schön, wenn man jemanden hat, der einen auf andere Gedanken bringt." Gemünzt ist der Satz aber auf den durch Traumatisierung vereinsamten Busfahrer Beni Gisler (Michael Neuenschwander), dem schon als Lokführer zwei Menschen vor den Zug gesprungen sind und der nun im neuen Beruf ein drittes Mal nicht davon verschont bleibt. Das braucht doch kein Mensch.