Das Ende des Tatorts: Goldbach (SWR-Redaktion: Katharina Dufner) ist ganz schön – ein relativ undramatischer Epilog, der auf das sogenannte Thema der Folge mit Routine reagiert. Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), die beiden Kommissare, kehren von einem Fall zurück, in dem es um Waffenbesitz ging, legalen wie illegalen, um ein totes Kind, das von einem anderen Kind erschossen wurde.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Und dann stehen beide Ermittler am Polizeischießstand, entsichern zwar schon auch im Bewusstsein der Folge ihre Waffen, die Kamera guckt also genau drauf, und erfüllen die Anforderungen, die der Dienst stellt. Tauglichkeitstest, stures Geknall, Abspann.

Das Beiläufige, das aus dieser Szene spricht, findet sich auch schon am Anfang: Bei der Einführung des neuen Teams des Schwarzwald-Tatorts, der nicht Tatort: Freiburg heißen darf (obwohl die beliebte Stadt im Breisgau als Dienstsitz offen ausgesprochen wird), weil es den als Einmalfolge mit Heike Makatsch 2016 schon mal gab und eine zweite Episode in Arbeit ist. Tobler und Berg fahren nämlich einfach zum Fall, kein Geplänkel vorweg, niemand, der zurückkehrt nach langer Zeit und unglaublich verrückte Skills aus der Fremde mitbringt, keine, die erst mal vorgestellt wird als Exzentrikerin. Nur zwei wenig amüsierte Menschen (die Nachricht vom toten Kind im Gepäck), die ihre Arbeit machen. 

Darin könnte die Qualität dieses neuen Tatort-Schauplatzes liegen: in seiner "Ruhe" (Angela Merkel), seiner oberflächlichen Gewöhnlichkeit. Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner sind jedenfalls die richtige Besetzung dafür, eine Schauspielerin und ein Schauspieler, die eine sehr spezifische Ausstrahlung haben, ohne dass man sie deswegen für Typen halten müsste (so wie Axel Prahl das auf eine sehr kernige, aber zumeist eben auch überschaubare Weise ist).

Tobler befragt im Schulflur Paul (Aaron Kissiov) zum wiederholten Mal, weil sie merkt, dass das Kind mehr weiß über die tote Frieda und den verschwundenen Linus (Oskar von Schönfels), als es sagt. Deshalb reißt sie ihm schließlich in einem Moment zweifelhafter Gewalt den Ranzen vom Rücken und dadurch wird kurz spürbar, wie prekär die Autorität dieser Frau ist.

Sehen konnte man das schon in der Rolle, die Löbau bekannt gemacht hat: die der idealistischen, aber übergriffigen Lehramtsanwärterin Melanie Pröschle in Maren Ades grandiosem Debütfilm Der Wald vor lauter Bäumen (2003), bei dem man dauernd vergessen wollte, dass man eigentlich einem Film zuschaut, etwas künstlich Hergestelltem. 

Respekt muss sich Tobler – anders als ihr Kollege – immer wieder erarbeiten. Genau dabei tun sich dann aber die darstellerischen "Räume" (Sasha Waltz) auf, in denen das Spiel von Löbau seine Schönheit entfalten kann. Wagner operiert äquivalent dazu hinter der Grenze seiner Wuchtigkeit. Man kann sich Berg gut als Anscheißer alter Manier vorstellen, als einen lauten, dröhnenden, welterklärenden Mann, der sich nie fragen musste, wo sein Platz im Miteinander ist, weil er den selbstverständlich besetzt hat.