Wenn man manchmal nicht ganz sicher ist, wofür es das deutsche Kino braucht in seiner nicht so arg diversen, zumeist unspektakulären Breite, dann versteht man es zumindest am Sonntagabend: Der Tatort verpflichtet von dort immer mal wieder neue Regisseurinnen, auf dass diese Glanz in die Hütte bringen wie Weltklasse-Raúl vor ein paar Jahren bei Schalke 04. Auch wenn das erst am Ende seiner Großkarriere bei Real Madrid geschah.

Die deutschen Kinoleute, die mal Tatort machen, stehen eher so mittendrin oder am Anfang ihres Schaffens. Weshalb die jeweilige ARD-Sonntagabendkrimi-Folge durchaus noch einen Effekt auf ihre weitere Laufbahn haben kann: Dietrich Brüggemann empfiehlt sich mit seinem Stuttgarter Tatort-Debüt Stau (SWR-Redaktion: Brigitte Dithard) für mehr und wird in dieser Saison auch noch einen Murot-Fall inszenieren.

Offenbar vertragen sich die Ansprüche, die der Krimi stellt, mit den Spielereien, die der Regisseur will, ganz gut. Was bei Brüggemanns letztem Film Heil problematisch war – das ziellose Durcheinander von Geplapper, Anspielungen, Witzen zu irgendwas mit Neonazis und ihrer medialen Verwurstung –, erscheint in Stau durch die Zwänge des Formats geordnet.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Die Leiche kommt wie in der vergangenen Woche spät, und auch diesmal handelt es sich bei dem getöteten Mädchen nicht um einen kalkulierten Mord, sondern um einen Unfall, der erst zum Tod führt, weil Hilfeleistung unterlassen wird. Fürs Jonglieren mit den Verdächtigen ist das natürlich super, weil Unfälle viel mehr Leuten zuzutrauen sind als Morde. Für die Anhänger eines antiken Schuldbegriffs muss eine solche Flexibilisierung der großen Fragen ein bisschen merkwürdig anmuten. Würde Sophokles heute einen Tatort schreiben, wäre Antigone vermutlich tödlich ausgerutscht auf zu glatten Fliesen, und Teiresias würde als staatlich anerkannter Gutachter den ollen Kreon davon überzeugen, beim nächsten Mal konsequenter gegen Pfusch am Gefängnisbau vorzugehen.

Minidramen in der Autokolonne

Allerdings wahrt Stau wie die attische Tragödie die Einheit von Zeit, Raum und Handlung. Der Film spielt, im Studio gedreht, am Computer hineinmontiert, die meiste Zeit an der Stuttgarter Weinstiege, wo das Warten deshalb reizvoll ist, weil der Blick aufs Tal geht. Seine Ratlosigkeit über die Falllösung kann Lonely Lannert (Richy Müller) also vor pittoresk beleuchtetem Großstadtpanorama ausatmen. In der Autoschlange muss die Täterin stecken, und es gehört zu den hübschen, unmittelbar einleuchtenden Kleinigkeiten (Drehbuch: Brüggemann mit Daniel Bickermann), die Zeit vor und nach dem Unfall durch Zeugenaussagen so abzumessen, dass sich ein Abschnitt von Fahrzeugen definieren lässt, in dem die Schuld hinterm Lenkrad sitzen muss. Cluedo für den Feierabendverkehr, Agatha Christie in Stuggi.

Brüggemann kann auf diese Weise seine Vorliebe für Schauspielergewimmel pflegen: 25 Rollen listet allein das Presseheft neben der Standardbesetzung auf. Langweilig wird es nicht, die Minidramen haben Kontur, es geht um Seitensprünge, Kinder oder chefige Herablassung. Schon der unvermittelte Monolog der Kitaerzieherin zu Beginn ist eine hübsche Abschweifung. Die schönste Sequenz aber ist der Aufbruch ins Gefecht, also den Stau, wenn die Autofahrerinnen schnell hintereinander am Steuer zu ihrer jeweiligen Musik gezeigt werden und die Kamera sich mit ein paar Einstellungen vom intensivsten Detail ins gesellschaftliche Panorama entfernt. Elegante Ellipsen.