Als der Soundtrack einsetzt, Curtis Mayfields Sirenenstimme sich über die Leuchtreklamen des Times Square legt, ist es sofort da, das Nostalgie-Feeling. Heckflossen-Limousinen, Schlaghosen, die schäbige Coolness des New York der Siebziger ergießt sich über den Bildschirm. Es ist 1971, das Jahr, in dem Shaft in die Kinos kommt, ein Höhepunkt der schwarzen Blacksploitation-Bewegung. Schwule und Lesben marschieren in diesem Sommer auf der Gay Pride. Es ist aber auch die Zeit, in der New York vor dem finanziellen Kollaps steht, in der die Straßen nach Müll und Pisse stinken, in der ein Taxi Driver namens Travis Bickle Amok laufen wird. All diese Assoziationen weckt David Simon schon in den ersten Minuten seiner neuen Serie The Deuce, die jetzt auf HBO (und in Deutschland auf Sky) anläuft. Vor unglaublichen 15 Jahren hatte Simon bei dem Sender mit The Wire Geschichte geschrieben. Seine Saga um das Drogenmilieu in Baltimore läutete das Goldene Zeitalter der Serien ein.

Inzwischen macht die Konkurrenz von Amazon und Netflix dem einstigen Premiumkanal HBO das Leben schwer. Nachdem Game of Thrones seinem sicheren Ende entgegenfliegt, braucht der Sender dringend ein zweites The Wire. Zumindest einen veritablen Kritikererfolg. The Deuce soll es nun also reißen. Wieder ein Stück über die amerikanische Geschichte, über die Auswüchse des Kapitalismus. Eine Geschichte über Sex, Prostitution, Pornografie, Kriminalität, die Mafia, die Frauenbewegung, die Black-Power-Bewegung. Alles gepackt in acht Episoden.

Simon und George Pelecanos, sein Co-Autor bei The Wire, seien zu Beginn nicht so recht überzeugt gewesen von der Idee, den Siegeszug der Pornografie zum Serien-Thema zu machen, schreibt Dan Barry in der New York Times. Es habe an charismatischen Figuren gefehlt, an historischen Vorbildern. Doch dann seien sie auf einen Mann gestoßen, der gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder eine Schlüsselfigur im Rotlichtmilieu dieser Zeit war und – yes! – die Story nahm ihren Lauf.

James Franco verkörpert diese Zwillingsbrüder in der Serie: den good guy Vincent Martino, Familienvater und Clubmanager mit einem Händchen für die Sehnsüchte der Menschen; und als Gegenpart den spielsüchtigen, nichtsnutzigen Frank. Um dessen Spielschulden zu begleichen, lässt sich Vincent auf Geschäfte mit dem Mafioso Rudy Pipilo (Michael Rispoli) ein, der ihn zunächst zum Manager einer neuen Bar, dann zum Hintermann eines als Massageclub getarnten Bordells macht. Es ist der Beginn einer neuen, "saubereren" Art der Prostitution. Gleichzeitig entstehen in den Hinterzimmern der Stadt die ersten Pornofilme, die in den "Erwachsenenbuchhandlungen" unter dem Tresen gehandelt werden.

The Deuce, wie die 42. Straße im Straßenjargon heißt, ist 1971 ein verrufener Straßenstrich, bevölkert von Prostituierten, die sich für 30 Dollar verkaufen, skrupellosen Zuhältern, die ihre Einnahmen kassieren, Polizisten, die auch noch die Hand aufhalten, Obdachlosen und Junkies.

Aus dieser Gesellschaft sticht eine Frau heraus: Eileen, genannt Candy (Maggie Gyllenhaal). Sie arbeitet als einzige "ohne Mann", selbstbestimmt und selbstbewusst. Als eine der wenigen kommt sie aus bürgerlichen Verhältnissen, ihre Mutter zieht ihren kleinen Sohn in der Vorstadt auf.

Glamour eines Leinwand-Epos

Um Eileen und Vincent/Frank rankt sich weiteres Personal aus Prostituierten, Zuhältern, Barfrauen, Polizisten, Bauunternehmern und Studenten, die einen umfassenden Querschnitt von New York im Zeichen von Flower Power, Vietnamkrieg und wirtschaftlicher Misere geben sollen. Das legt den Verdacht nahe, dass The Deuce sich einreiht in die Retro-Manie der vergangenen Jahre, die inzwischen auch die Zuschauer ermüdet. 2016 verzockten sich gleich zwei Serien, die im New York der Siebziger Jahre spielten: Sowohl Terence Winters Vinyl bei HBO als auch Baz Luhrmanns The Get Down bei Netflix wurden nach einer Staffel eingestellt.

Doch The Deuce sieht sich zu Recht in der Tradition der großen New-York-Sagen wie Scorseses Mean Streets oder Sidney Lumets Serpico. Die Serie hat den Glamour eines Leinwand-Epos und David Simon achtet manisch darauf, dass auch das kleinste Detail stimmt. Auf den Billboards der 42. Straße prangen die Namen Bernardo Bertolucci und Divine auf. Und der Mafia-Türsteher liest in Mario Puzos Der Pate

Bei aller ästhetischer Perfektion stellen sich nichtsdestotrotz die Fragen: Warum soll ich mir im Jahr 2017 eine Geschichte über den Aufstieg der Pornografie ansehen? Welche Relevanz hat The Deuce heute? Wird hier nicht eine bedenkliche Rotlicht-Nostalgie hervorgerufen und eine angeblich gute alte Zeit glorifiziert, in denen Sex noch ein Geschäft zwischen zwei realen Menschen war und nicht ein anonymes Internetbusiness?