Um den Charakter der diesjährigen Wahlsendungen auf den Punkt zu bringen, muss man sich vielleicht folgende Frage stellen: Ist es vorstellbar, dass im US-amerikanischen oder französischen Präsidentschaftswahlkampf jemals ein Kandidat gesagt hat: "Ich war Bürgermeister. Ich weiß, wie es bei der Müllabfuhr zugeht"? Martin Schulz hat es getan, am vergangenen Montag in der Wahlarena der ARD. Ich verstehe euch doch alle – das war die Botschaft, die er in den Wahl-Sendungen der vergangenen Wochen versprühte. Am offensivsten tat er dies in der ZDF-Sendung Klartext, Martin Schulz!, in der er mit seiner Ich-setz-mich-jetzt-mal-zu-Ihnen-Art dem Studiopublikum nahe zu kommen versuchte.

Von der Amtsinhaberin Angela Merkel dagegen wird aus dem TV-Wahlkampf wohl vor allem eine Szene im Gedächtnis hängen bleiben, in der sie gar nicht bürgernah wirkte. Als ein Pfleger-Azubi in der Wahlarena der ARD die Kanzlerin damit konfrontierte, dass in deutschen Kliniken und Pflegeeinrichtungen permanent gegen die Menschenwürde verstoßen werde, reagierte sie derart floskelhaft, dass die Verärgerung des jungen Mannes noch wuchs. Am Ende schien es, als wollte Merkel ein unartiges Kind loben: Sie finde es "toll, dass Sie als junger Mann diesen Beruf gewählt haben" und nicht wie alle seine Altersgenossen "Mechatroniker geworden" sei, sagte Merkel. Die würden ja deutlich mehr verdienten als ein Pfleger. 

Am Donnerstagabend ging der Wahlkampf zumindest im Fernsehen zu Ende: ARD und ZDF strahlten parallel die Schlussrunde der Spitzenkandidaten aus. Wobei Merkel und Schulz von Ursula von der Leyen und Manuela Schwesig vertreten wurden. Letztlich drehte es sich in dieser Runde aber vor allem um einen Teilnehmer: den AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland. Vor zwei Wochen war seine Parteifreundin Alice Weidel aus der ZDF-Wahl-Talksendung Wie geht's, Deutschland? gestürmt – und hatte dabei versucht, sich Drama-Queen-artig als Opfer zu inszenieren. Gauland agierte dagegen mit gemütlicher Bierruhe, manchmal sogar auf gespielt gelangweilte Weise: Nazis? Hetzer? Och nö, wir doch nicht. FDP-Chef Christian Lindner machte dem Ping-Pong-Spiel zwischen der ZDF-Moderatorin Bettina Schausten und Gauland schließlich ein Ende: "Ich halte es für unangemessen, dass hier jede AfD-Äußerung diskutiert wird. Die Menschen können es auch selber einordnen, brauchen da nicht immer unsere Interpretationshilfe." Damit sprach Linder eine generelle Schwäche der Moderatoren in diesem Wahlkampf an, deren Fragestrategie besonders beim TV-Duell zwischen Merkel und Schulz heftig kritisiert worden ist.

Kein Brexit, keine EU, kein Klimaschutz

Auch thematisch klafften erstaunliche Lücken in der Vor-Wahl-Begleitung. Natalie Nougayrède, eine französische Autorin des britischen Guardian, kritisierte, dass das Thema Europa im deutschen Wahlkampf kaum vorgekommen sei. Im TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz sei beispielsweise der Brexit "nicht ein einziges Mal erwähnt" worden. Für den Klimawandel gilt das übrigens auch. Immerhin kam das Thema dann am Donnerstag in der großen Schlussrunde vor – kurz vor halb zwölf, auf den allerletzten Metern des TV-Wahlkampfs also. Das kann man fast schon symbolisch sehen.

Wenn man bedenkt, dass Martin Schulz fünf Jahre Präsident des Europäischen Parlaments war, ist es zumindest bemerkenswert, dass die Zukunft der Europäischen Union allenfalls ein Randthema im TV-Wahlkampf war. Weder die Journalisten schienen Interesse daran zu haben noch Schulz selbst. Hatten seine Berater es ihm ausgeredet mit der Begründung, das Thema EU sei zu unsexy? Und was ist mit einem anderen wichtigen Komplex – der Zukunft der Arbeit? Wie und wie viel werden wir künftig arbeiten angesichts zunehmender Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung? Eine weitere Leerstelle im Fernseh-Wahlkampf.

"Wir machen es schon seit 2005"

Die Arenen wurden vielmehr zur Hölle der Selbstreferenzialität. "Ich hatte in der RTL-Wahlarena einen anderen Fall", sagte Martin Schulz an einer Stelle in der ARD-Wahlarena. Er spielte auf seinen Auftritt in der Sendung An einem Tisch mit Martin Schulz auf ntv an. Weil der SPD-Politiker vorher auch schon Begebenheiten aus anderen Sendungen erwähnt hatte, fühlte sich ARD-Moderator Andreas Cichowicz bemüßigt zu betonen, dass die Wahlarena im Ersten aber "das Original" sei. "Wir machen es schon seit 2005."

Damit benannte er ungewollt eine Schwäche: Angesichts der rasanten medialen Entwicklung ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen in seiner Wahlberichterstattung vor zwölf Jahren stehen geblieben. Von den Politikern wird erwartet, dass sie einen modernen und digitalen Wahlkampf führen, aber die TV-Sender fühlen sich offenbar nicht angesprochen. Es kann nicht sein, dass die einzige Innovation, die ARD und ZDF zu bieten hatten, eine Fragereihe in ihrem Jugendprogramm funk war, in der Politiker nur in Form von GIFs antworten konnten.

Wo Privates derart dominiert, wird auch der Politiker gern privat

Die gängigen Formate bringen für jemanden wie Schulz von vornherein Nachteile mit sich, weil er eine größere Bringschuld hat als Merkel. Von Politikern, vor allem der selbst ernannten Opposition, erwartet man, ständig etwas rauszuhauen. Oder, wie der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch im Deutschlandfunk sagte: "Sie müssen versuchen, eine Pointe nach der anderen zu lancieren. Das ist aber gar nicht so einfach, wenn die Differenzen so gering sind."

Diese Differenzen herauszuarbeiten – dazu bedürfte es aber Formate, die mehr auf Themen als auf Personen zugeschnitten sind. Die sogenannten Wahlarenen taugen da nur bedingt: Hier nehmen häufig sehr spezielle Einzelfälle zu viel Raum ein. Studiogäste schildern individuelle Lebensumstände, zum Teil sind es dramatische Geschichten, wenn zum Beispiel eine Frau erzählt, wie eine schwere Krankheit ihren Mann aus seinem Berufsleben gerissen hat. Aber ohne Kenntnis der Hintergründe können eine Frau Merkel oder ein Herr Schulz dazu kaum Substanzielles sagen. Wo Privates derart dominiert, wird auch der Politiker gern privat. "Ich bin das fünfte Kind von fünf Kindern", sagte Martin Schulz im ZDF,  in der ARD bot er die Variante "Meine Mutter war die Mutter von fünf Kindern" an. Kinderreiche Mütter, das zumindest wissen wir nach den letzten Wochen, versteht Martin Schulz am allerbesten.

Doch was könnten die Alternativen sein zu den drögen Wahlformaten? Man könnte etwa zu bestimmten Themen Fachleute aus der Bevölkerung einzuladen. Beispiel: Man besetzt das Publikum mit 150 Menschen aus dem Bildungssektor, und diese Gäste diskutieren dann mit den darauf spezialisierten Parteienvertretern und den Experten aus den Sendern. Wenn man bedenkt, dass ARD und ZDF in diesem Jahr für die Solo-Auftritte der Spitzenkandidaten von CDU und SPD zweimal 75 Minuten bzw. zweimal 90 Minuten in ihren Programmen freigemacht haben, sollte auch Zeit dafür sein, solche Ideen umzusetzen.

Die FDP wäre ein Fuhrpark

Einen ganz anderen Zugang versuchte immerhin der Sender ProSieben mit seiner Reihe Ein Mann, eine Wahl, präsentiert von Klaas Heufer-Umlauf (Circus HalliGalli). Der Moderator persiflierte Präsentationsformen und Rituale und machte sich über die politjournalistischen Kompetenzen seines Senders lustig. Über sich selbst natürlich auch. Bei einer Autofahrt fragt Heufer-Umlauf den FDP-Chef Christian Lindner: "Wenn die FDP ein Auto wäre, welches wäre sie dann?" Keine Marke zu nennen und dabei trotzdem nicht platt zu wirken, das ist gar nicht so leicht. Lindner antwortet dann schließlich mit Verweis auf die vermeintlich zahlreichen Individualisten in seiner Partei: Die FDP wäre dann ein Fuhrpark. Man kann diesem Konzept mangelnde inhaltliche Tiefe vorwerfen, unterhaltsam ist es allemal und möglicherweise spricht ProSieben damit Wählergruppen an, die sich niemals in eine Wahlarena verirren würden. 

Immerhin, in den Nischen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens konnte man noch außergewöhnliche Beiträge entdecken: In der im NDR-Nachtprogramm ausgestrahlten Reportage 7 Tage ... das kleine Dorf und die große Politik arbeitete eine Reporterin eine Woche lang im Landgasthof des 350-Seelen-Dorfs Garwitz in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sprach mit vielen Bewohnern und erstellte aus ihren Eindrücken ein Psychogramm des Ortes. Ein Dorf im Osten? Wimmelt es denn da nicht von diesen sogenannten Abgehängten? Nein. Wenn man den Film gesehen hat, versteht man ein bisschen besser, warum es sich Angela Merkel leisten konnte, im Wahlkampf auf kontrollierte Defensive und die Verwaltung ihres Status zu setzen; warum sie es nicht nötig hatte, Angriffslust zu simulieren. Der Tenor der Gespräche mit den Bewohnern von Garwitz lautete: Merkel, beziehungsweise "Angie", mache es doch ganz gut. Sie habe ja nun zwölf Jahre Erfahrung, und ob es jemand besser mache, könne man ja nicht wissen.

Zufriedenheit, Risikoscheu und die Angst vor Veränderung: Vielleicht sind es eben doch diese drei Dinge, die am Wahltag den Ausschlag geben werden.