"Nicht für Sex!", stellt Addie klar, nachdem sie ihrem langjährigen Nachbarn Louis den Vorschlag unterbreitet hat. Die Witwe möchte, dass ihr ebenfalls allein lebender Nachbar nachts mit ihr das Bett teilt. Aber eben nur so, zur Gesellschaft, weil es ihr schwerfällt, alleine einzuschlafen und die einsamen Nächte durchzustehen. Louis muss erst noch überlegen. Dann packt er sein Schlaf-Shirt in eine unauffällige Papiertüte und klopft abends bei Addie an die Hintertür. Es muss ja nicht gleich die ganze Stadt wissen, was sie da tun.

Der Netflix-Film Unsere Seelen bei Nacht (schrecklicher Titel, übrigens) bringt ein Traumpaar Hollywoods wieder zusammen. 50 Jahre nach dem Komödienklassiker Barfuß im Park spielen Robert Redford (81) und Jane Fonda (79) erneut ein ungleiches Liebespaar. Und die Chemie zwischen den beiden stimmt immer noch.

Mit großer Präzision gestalten sie den zögerlichen Prozess der Annäherung, den ihre verwitweten Alten durchlaufen: die Schwierigkeit, gemeinsamen Redestoff zu finden nach Jahren des Aneinandervorbeilebens, was zu herrlich-peinlichen ersten Abenden führt. Die kleinen Gesten und Blicke, mit denen sie gegenseitig ihre Eigen- und Fremdheiten entdecken, die dem Film eine ungeahnte Romantik einhauchen. Und schließlich das Weicherwerden ihrer Bewegungen, als sie sich mit zunehmender Vertrautheit mehr füreinander interessieren, verwundbarer zeigen und öffnen. Als Hollywoodveteranen wissen sowohl Fonda als auch Redford, dass es hier nicht darum geht, ob sie sich verlieben, sondern wie. 

Unsere Seelen bei Nacht ist nach The Discovery bereits der zweite Redford-Film, der in diesem Jahr auf dem Streamingdienst erscheint. Fonda (79) bildet schon seit 2015 zusammen mit Lily Tomlin (78) das Titelpaar der Serie Grace and Frankie, eines der Flaggschiffprojekte von Netflix. Und in Noah Baumbachs neuem Film The Meyerowitz Stories (New and Selected) kann man auch mal wieder Dustin Hoffman (80) spielen sehen. Es gibt also gerade eine wahre Altstarparade bei Netflix, und das liegt sicher nicht daran, dass das Unternehmen sich plötzlich als neue Heimat für Schauspieler begreift, die nicht mehr als Kassenmagneten fürs Kino funktionieren.

Als Netflix vor Kurzem in Eigenproduktionen zu investieren begann, machte das ominöse Wort Algorithmus viel die Runde. Aus den Jahren, in denen das Streamen noch das kleine Zusatzgeschäft neben dem DVD-Verleih war, soll Netflix sich Daten erarbeitet haben, die, so die landläufige Vorstellung, präzise Auskunft über den Geschmack verschiedener Publikumssegmente geben. Dass Stars wie Redford, Fonda und Hoffman vielleicht keine Massen mehr ins Kino bewegen, aber durchaus von der Couch aus gerne angewählt werden, muss eines der Ergebnisse dieses Algorithmus gewesen sein.

Proteste in Cannes, Angst in Toronto

Während in Cannes die Teilnahme zweier Netflix-Produktionen im Wettbewerb (neben den Meyerowitz Stories noch Okja) noch heftige Proteste und Debatten auslöste, verlief die Premiere von Unsere Seelen bei Nacht Anfang September auf dem Filmfestival in Venedig in aller Ruhe. Zum einen sicher, weil der Film erstens außer Konkurrenz gezeigt wurde und zweitens Teil einer Hommage an Fonda und Redford war, die auf dem Festival für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden. 

Die Ruhe lässt sich aber auch als Anzeichen dafür interpretieren, dass der Einfluss der Streamingdienste auch in der Filmproduktion nicht mehr wegzudenken ist. Auf dem Festival in Sundance, jener Leistungsschau des Indiefilms, die ausgerechnet Robert Redford 1969 begründet hat, dominierten Netflix und Amazon als Rechtekäufer in diesem Jahr den Markt. Auf dem Filmfestival in Toronto im September wurde ihr Einfluss bereits mit dem von Haien verglichen, die alle kleineren Fische, sprich Filmdistributoren, einfach verschlängen.