Wie wenig überraschend das reale Ereignis Bundestagswahl tatsächlich ist, führt Tina Hassel gleich um 18 Uhr vor. Die Erwartung der ersten Prognose garniert die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios durch Worte wie "Erdbeben", "Wahlbeben", "tektonische Verschiebung". Eine Setzung, die sie in ihrem eigenen Kommentar in der Tagesschau um 20 Uhr wieder aufgreift – als scheinbar objektivierte Meinung: "Wenn jetzt von tektonischen Verschiebungen und einem Erdbeben gesprochen wird, …" Dass Hassel ihre eigenen Worte verallgemeinert wie ein Zitat, das andere gesagt haben, illustriert hübsch die mediale Blindheit für ihren eigenen Anteil bei der Vermittlung von Politik.

Das gilt auch für Ingo Zamperoni, der in der Tagesthemen-Extra-Sendung um 21.15 Uhr wie ein Sportreporter das Abschneiden der AfD kommentiert ("… die ziemlich deutlich das Rennen um Bronze, also um den dritten Platz, gewonnen hat"), was, bei aller Liebe zum sprachlichen Bild, ein merkwürdiges Verständnis von Politik offenbart.

Zamperoni fügt sich damit in eine ARD-Berichterstattung ein, die sich an der Sportschau orientiert, dem High-End-Produkt des Fernsehens unserer Tage. Zum Ende der Wahlsendung vor der Tagesschau um 20 Uhr gibt es, wie zum Schluss der Sportschau üblich, die vom hochgepitchten Kommentar der Radio-Konferenz unterlegten Spieltag-Highlights – eine Kompilation von Reaktionen aus den jeweiligen Parteizentralen: Jubel (Grüne, AfD) oder trotzdem tapferer Applaus, Reaktionen, die von den jeweiligen Parteimitgliedern ja immer auch im Bewusstsein ihrer medialen Beobachtung zelebriert werden – um gute Stimmung zu machen.

Close-up-Momente der Betroffenheit

Die Runde der Fraktionsvorsitzenden und Politiker der in den Bundestag gewählten Parteien, die sich gleich nach 18 Uhr zu den ersten Zahlen äußern darf, kommt dagegen daher als Wechselspiel aus Totalen und auf Emotionen setzenden Close-ups. Also den Nahaufnahmen, die Dramatisierung in ausdrucksstarkem Mienenspiel suchen. Bei gewissen Analysemomenten wie den Zahlen der Wählerwanderung oder in den Wahllokalen erhobenen Motivationsauskünften wird auf die Gesichter der jeweiligen Politiker geschnitten – in der Hoffnung auf möglichst auffällige Reaktionen. Dass dabei Volker Kauder (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) je einmal eingeblendet werden, die Kamera aber gleich siebenmal auf das Antlitz des AfD-Sprechers Jörg Meuthen schaltet, beleuchtet eines der zentralen Themen dieses medialen Wahlkampfes: die lange eingeübte, aber nie reflektierte Faszination des öffentlich-rechtlichen Fernsehens für die AfD. Eine eigenartige Angstlust, der ein vor sich hin routinierender Jörg Schönenborn in seinem der Prognose vorausgehenden Wortspiel ("Verstehen die Volksvertreter das Volk noch?") den roten Teppich ausrollt.

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So könnte man das Interview, das Caren Miosga mit Frauke Petry führt, direkt in die Journalistinnenausbildung weiterreichen – als Beispiel dafür, wie es bitte schön nie wieder gemacht werden soll. Weil Miosga der AfD-Politikerin immer nur moralisch kommt (sinngemäß: Das können Sie doch nicht sagen/Meinen Sie das wirklich?), hat es Petry leicht, staatstragend-konziliant einer Antwort aus dem Weg zu gehen.

Eine Frage wie "Ist es legitim, Angst zu verbreiten?" kann man vielleicht in Philosophieseminaren und Ethikkursen interessiert besprechen (oder auch bei der Medienaufsicht fürs ZDF). Aber gegenüber der medienerprobten Politikerin einer Partei, deren Geschäft das Gegenteil von inhaltlicher Auseinandersetzung ist, weil es aus Nebelkerzen, kalkulierten Übertretungen und einem an der Wirkung der Hundepfeife orientierten Reizwort-Branding besteht, wirkt das unendlich hilflos.

Oder, oder, oder?

Eine andere Unsitte ist es, hinter dem Fragezeichen gleich noch zwei durch ein "Oder" getrennte Antwortvorschläge zu servieren. So fragt der ZDF-Chefredakteur Peter Frey den AfD-Sprecher Meuthen: "Was haben Sie sich für den Bundestag vorgenommen? Krawall und Populismus wie bisher oder wollen Sie eine konstruktive Opposition sein?" Abgesehen davon, dass es ja immer auch dritte, vierte oder fünfte Gründe geben könnte für Handlungen in der komplexen Welt der Politik – kommunikativ ist das ein Schuss ins Knie. Fragen sind dazu da, etwas herausfinden zu wollen, während diese vorgekauten Antwortansätze (Hat darauf eigentlich je ein Politiker wirklich reagiert?) nur zeigen sollen, dass Fernsehjournalisten auch Zeitungen lesen und folglich wissen, was so geredet wird.

Auch diese Technik ist dem Fußball abgeschaut, den Mixed-Zones, Spielertunneln und Feldinterviews nach dem Spiel. Und sie ist überhaupt nicht spezifisch für den Umgang mit der AfD – die restlichen Parteien werden in gleicher Weise angesprochen (und können in gleicher Weise davonkommen). Es fällt bei der AfD nur besonders stark auf, wie bräsig und erkenntnisinteresselos solch ein Fragen ist, weil diese Partei die Rhetorik so eskaliert. Das ist der Witz an der medialen Kritik im Umgang mit der AfD: Wenn die Journalistinnen wieder zurückfinden würden zu dem, was ihre Arbeit ist (kluge Fragen zu stellen), dann würde ihnen das auch helfen im Gespräch mit CDU-Frauen oder Linken-Abgeordneten.

Gaulands Erregungsklassiker beschäftigt die Medien den ganzen Abend

Denn die Medien müssen sich zu den Strategien verhalten, mit denen die Parteien der Berichterstattung ihre eigene Agenda aufzudrängen versuchen. Das ist mustergültig zu beobachten an der geschickten Entscheidung der AfD, in der Gewissheit des Erfolgs als erste Partei gleich nach 18 Uhr an die Öffentlichkeit zu gehen (für diese Auftritte werden ja Interviews unterbrochen, um dorthin zu schalten), statt den Einzug ins Parlament als drittstärkste Kraft ganz am Ende triumphal auszukosten. Der Parteivorsitzende Alexander Gauland haut mit seinem "Jagen"-Zitat einen Erregungsklassiker heraus, der die Medien den ganzen Abend mit halbgarem Echauffieren beschäftigt. (Warum eigentlich nicht mal fragen, ob dabei auch Hunde zum Einsatz kommen werden?)

Weshalb man die Taktik der SPD, von der Einsicht der Niederlage gleich zu den Setzungen für die Zukunft überzugehen (Opposition, Nahles als Fraktionsvorsitzende), schon vor diesem Hintergrund als clever beschreiben kann (zumindest solange Martin Schulz sie durch endloses, widersprüchliches Lamentieren nicht klein machte): Durch diese Faktenproduktion zog die SPD etwas von der Screentime auf sich, die sonst nur der AfD gegolten hätte.

Die absurde Faszination für die AfD könnte sich legen

Aber der Abend, zuerst die Berliner Runde, deutet auch an, dass sich mit dem Einzug der AfD ins Parlament etwas von der absurden medialen Faszination für die Aufreger-Produzenten legen könnte. Wenn auch es in der Runde die Politikerinnen Katrin Göring-Eckhardt (Grüne) und Katja Kipping (Linke) sind, die den Job der Moderatoren übernehmen und Meuthen mit den Lücken seiner Aussagen konfrontieren. Der Moderator Peter Frey stellt indes eine einzige gute Frage: "Deutschland zurückholen – was soll das eigentlich heißen?"

Mehrfach und deutlich kritisieren an diesem Abend verschiedene Politiker die Journalisten: Sahra Wagenknecht, Martin Schulz (wenngleich so unglücklich wie in seinem ganzen Auftritt) und schließlich Joachim Herrmann (CSU) in der Berliner Runde. Dass ARD-Mann Rainald Becker darüber nicht reden will, ist Teil des Problems – der Mangel an Selbsterkenntnis, dass die Aufgeregtheiten der Zeit etwas mit der Art und Weise zu tun haben, wie sie journalistisch abgebildet werden.

Anne Wills Taktik: Nüchternes Insisitieren

Wie die Auseinandersetzung mit den neuen Verhältnissen im deutschen Bundestag geführt werden kann, demonstriert am Ende des Abends (und dem Beginn der nun wohl einsetzenden Talkshow-Routine) Anne Will. Die ­– anders als der überflüssige und in diesen Zusammenhängen nie hinterfragte Meinungsventilator Hans-Ulrich Jörges (Stern) – ihre Intelligenz in der Gesprächsführung bewies. Wills große Fähigkeit ist das nüchterne Insistieren, dreimal kam sie auf das "Jagen"-Zitat gegenüber Gauland zurück – nicht um sich zu empören, sondern um zu wissen, was damit gemeint, was das "für eine Begrifflichkeit" sei.

Vor allem aber verzichtete sie darauf, sich von den AfD-Provokationen unreflektiert bannen zu lassen, indem sie die Selbstinszenierung der Partei als "verfolgte Unschuld" thematisierte und, wiederum insistierend, Gauland nach "konstruktiven" Politiken fragte ("ein 76-Jähriger ohne Rentenkonzept"). Als das Publikum auf  Gaulands Antwort "Das ist nicht unsere Aufgabe" zu Recht lachte, blieb dem sonst so dröhnenden Ex-CDU-Politiker nur ein verzagtes "Das könnt ihr lassen".

In diesen Momenten wurde deutlich, wie sehr die AfD an Faszination verliert, wenn man mit ihr über das spricht, was Politik ausmacht: Inhalte, Konzepte, Problemlösungen. Die Herausforderung für die Talkshows wird darin bestehen, mit der Strategie von Anne Will zu arbeiten. Ob das Frank Plasberg gelingt, ist offen. Zu sehen am Montagabend im Ersten.