Wenn über die Öffentlich-Rechtlichen diskutiert wird, ist der Lärmpegel hoch. Während die Politik gerade über Reformen bei den Sendern berät, schwillt drumherum verlässlich das Geschrei an: "Staatsfunk", "Zwangsgebühren". Jetzt hören wir es wieder: das große Was-kostet-der-Quatsch-und-was-genau-habe-eigentlich-ich-davon?

Selten wurde in den vergangenen Wochen ausgesprochen, dass die deutsche Fernseh- und Radiolandschaft ohne die öffentlich-rechtlichen Programme oft ganz schön alt aussähe. Wer von denen, die ein wenig Interesse am Zeitgeschehen haben, findet wirklich, dass man von irgendeinem privaten Radiosender morgens so gut in den Tag eingeführt wird wie vom Deutschlandradio? Und wer möchte abends von Claus Strunz statt von Claus Kleber den Tag zusammengefasst bekommen?

Die Öffentlich-Rechtlichen werden gebraucht. Es ist ihr Job, in allen Bereichen, in denen sie aktiv werden, das Niveau auf einen guten Standard zu heben oder, verlässlich und auf Dauer, auf einem guten zu halten. Der Ärger ist bisweilen groß, wenn das nicht klappt. Aber vielleicht fällt das auch deshalb nur so deutlich auf, weil die Sender das Publikum ansonsten schon mit einer recht hohen Qualität versorgen.

In der breiten öffentlichen Debatte über gebührenfinanzierte Sender, wenn sogar Online-Petitionen gegen einzelne Mitarbeiter wie Markus Lanz gestartet werden, geht es fast immer um vermeintliche oder tatsächliche Tiefpunkte. Und vom misslungenen Einzelnen ist der Weg zur Wut auf das Allgemeine nie weit. Im Grunde haben die Öffentlich-Rechtlichen das Brüssel-Problem. Sie stecken in einer ähnlichen Lage wie die EU. Beide werden als teure Bürokratiemonster verhöhnt, die viele blödsinnige Vorhaben verfolgen und zu stark in den Markt eingreifen. In beiden Fällen würden viele vielleicht erst bemerken, was sie an diesen Institutionen haben, wenn sie nicht mehr da wären.

Das Konzept Öffentlich-Rechtliche packt die Leute emotional einfach nicht

Was fehlt, ist eine positive Vision für das öffentlich-rechtliche System. Eine Reihe von Wissenschaftlern und anderen Medienverständigen hat vor Kurzem versucht, eine zu formulieren. "Gäbe es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht, man müsste ihn gerade jetzt erfinden", lautete der erste Satz ihres offenen Briefs an die Ministerpräsidenten der Länder. Eine "steile These", schallte es zurück. Aber es stimmt doch. Die Konkurrenz der großen Privatsender in den USA, die dort dominieren und die eben nicht – wie die deutschen Öffentlich-Rechtlichen – den Auftrag haben, alle zu erreichen, müsste abschreckend genug sein. Sie senden für je eigene Nischen und bringen ihre Zuschauer zum Teil gar nicht mehr mit anderen Positionen in Berührung. Wohin diese gesellschaftliche Polarisierung in den USA geführt hat, sehen wir seit einem Jahr.

Dennoch würde eine Mehrheit der Deutschen womöglich nicht für die Öffentlich-Rechtlichen kämpfen, wie es Stefan Raue, der Intendant des Deutschlandradios, im Spiegel selbstkritisch formulierte. Da ist es wieder, das Brüssel-Problem. Niemand trägt ein T-Shirt, auf dem steht: "Ja zur existierenden Medienordnung!" Niemand geht auf die Straße, um andere davon zu überzeugen, dass die derzeit 17,50 Euro Rundfunkbeitrag im Monat nicht die schlechteste Investition ins gesellschaftliche Zusammenleben sind. Das Gesamtkonzept Öffentlich-Rechtliche packt die Leute emotional einfach nicht. Der Protest dagegen um so mehr.

Immer noch ein solidarisches Projekt

Selbst Menschen, die jeden Tag fernsehen, finden, wenn sie gefragt werden, das Programm ganz furchtbar. Alles Gute erscheint ihnen selbstverständlich und die 95 Prozent der Sendungen, die zwar ohnehin für andere gemacht sind – puh, völlig indiskutabel! Die Zeit der großen Wohnzimmerlagerfeuer ist vorüber. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk trotzdem immer noch ein solidarisches Projekt ist, von dem alle etwas haben sollen, geht in der Kritik unter.

Man kann sich zwar, ungefähr so leicht wie über die berühmte Gurkenkrümmungsverordnung der EU, die schon längst nicht mehr gilt, über den Komödienstadel lustig machen, der immer noch im Bayerischen Fernsehen läuft. Altbacken, bierernst, Bauerntheater. Vielleicht. Aber dem Fernsehen ist mit den Mitteln der Kunstkritik schwer beizukommen. Es gibt offensichtlich Leute, die das gern sehen. Und da diese Art von Theater sonst nirgends mehr im deutschen Free-TV läuft, erfüllt der Bayerische Rundfunk für diese Leute seinen Auftrag.

Wenn auf dem Sofa mal wieder der Satz "17,50 Euro – und es läuft schon wieder nichts im Fernsehen" fällt, müsste das heimische Kontrollgremium einhaken und eine Gegenfrage stellen: "Nichts für wen?"

Das Programm für die größte Minderheit

Wurde wegen seines Interviews mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht scharf kritisiert: Markus Lanz in seiner Talkshow im Januar 2014.

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Kritik an den Anstalten freilich nicht. Bisweilen scheint es, als wüssten die Öffentlich-Rechtlichen selbst nicht, was ihr Job ist. Fordert mal wieder jemand mehr Hochkultur im Fernsehen, heißt es aus einem Anstaltshochhaus: Wir haben nicht nur einen Bildungsauftrag, Leute! Und das stimmt. Zum Auftrag gehört zum Beispiel explizit auch Unterhaltung. Vor allem aber geht es darum, für eine heterogene Gesellschaft ein entsprechend heterogenes Programm zu machen.

Was aber zeigt das ZDF zum Beispiel sonntags, während in der ARD der Tatort läuft? Auch einen Fernsehfilm für Leute, die mit Arthouse-Kino nichts anfangen können, meistens etwas aus der Reihe Herzkino. Das Zweite will ja in den Beliebtheitsrankings irgendwelcher Mediendienste nicht als der große Verlierer auftauchen. Doch das ist Anstaltslogik statt Publikumslogik. Sollte man am Sonntag um 20.15 Uhr im ZDF nicht eine Zielgruppe bedienen, die sich sonst vom Fernsehen abwendet? Zum Beispiel mit einem Dokumentarfilm, einem ausführlichen Einzelgespräch mit jemandem, der etwas zu sagen hat, mit einem Kulturmagazin, einer Sport-Hintergrundsendung, gerne auch mit einer Spinnerei. Oder einfach mit mehr Auslandsjournal?

Großes wird größer. Und Kleines bekommt ein Videoblog

ARD und ZDF verfügen über ein zweifaches Korrespondenten-Netzwerk, das Privatsender nie stemmen könnten. Aber wenn neue Formate entwickelt werden, wird eher potenziert, was eh gut läuft: erst Nachmittagstalkshows, dann Kochshows, Rateshows und Krimis sowieso.

So erreicht man zwar die jeweils größte Gruppe derer, die man mit Fernsehen erreichen kann. Nur ist das immer bloß die größte Minderheit. Die vielen anderen werden im Hauptprogramm tatsächlich randständig behandelt. Großes wird größer. Und Kleines bekommt ein Videoblog, wie die Auslandskorrespondenten der ARD.

Weg mit der Quotenausweisung!

Wollte man die Öffentlich-Rechtlichen wirklich neu denken, müsste man hier ansetzen: Weg mit der Quotenausweisung! Anders als die werbefinanzierten Privatsender, für die Einschaltquoten eine harte Währung sind, brauchen die Öffentlich-Rechtlichen sie nicht: Die Quote zeigt kein Gesellschaftsbild, sondern nur die Interessenverteilung derer, die sich ohnehin vom Programm angesprochen fühlen. Für den internen Gebrauch mögen diese Zahlen nützlich sein, um eine Sendung halbwegs evaluieren zu können. Aber von ihnen auf die Gesamtheit des potenziellen Publikums und dessen Vorlieben zu schließen, ist ein Fehler. Die Anstalten machen sich selbst zu Getriebenen eines Marktes, nach dessen Kriterien sie gar nicht spielen sollten. Und für die Akzeptanz des Rundfunkbeitrags wäre es ohnehin besser, wenn ARD und ZDF auch dann auf Werbung verzichteten, wenn sie sie gesetzmäßig zeigen dürfen – am Vorabend.

In den Mediatheken findet niemand etwas

Nun könnte man einwenden: Es ist ja eigentlich egal, was im Hauptprogramm läuft, es gibt doch Online-Mediatheken, und da findet selbst jeder Akademiker irgendwas. Bis man allerdings in der ZDF-Mediathek tatsächlich etwas gefunden hat, was nicht ausgerechnet am Vortag zu einer Hauptsendezeit lief, hat man sich bei Netflix dreimal neu registriert. Und nach ein paar Tagen, spätestens nach Monaten, ist das Programm ohnehin aus den Mediatheken verschwunden – zumindest derzeit noch. Die berühmte Lanz-Talkshow mit Sahra Wagenknecht vom Januar 2014 etwa, nach der eine Petition zur Absetzung des Moderators gestartet wurde, quasi ein kleines Ereignis der Zeitgeschichte, ist beim ZDF nicht mehr zu finden. Sie steht nun bei YouTube.

Im 21. Jahrhundert müssten die Öffentlich-Rechtlichen nicht nur bessere Mediatheken anbieten, sondern ein gemeinsames Archiv. Das Vorhaben einer senderübergreifenden Mediathek, deren Nutzung noch mal zusätzlich kosten sollte, ist zwar 2013 schon einmal gescheitert. Aber dann muss man es eben jetzt noch mal neu diskutieren und umsetzen, und vor allem nicht kommerziell. Das wäre ein echter Gewinn.

Die Kernbotschaft der Politik: Ihr müsst sparen!

Bei allen Verbesserungsvorschlägen und Visionen aber: Es ist nicht so, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio all das, was man sich so wünschen würde, einfach so umsetzen könnten. Ein echter Informationsfernsehsender, zum Beispiel, den man einschaltet und weiß: Hier komme ich auf den neuesten Stand, erfahre Hintergründe, hier kriegen auch die Korrespondenten Platz für mehr als 30-sekündige Aufsager – so ein Sender wurde von der Politik vor Jahren, der privaten Konkurrenz zuliebe, untersagt.

Und warum ist dieser ganze Apparat eigentlich so schwerfällig? Nun, die deutsche Medienpolitik wird föderal von so vielen Kommissionen, Landtagen, Aufsichtsgremien, Arbeitsgruppen gestaltet, dass sie mit der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung kaum mithalten kann.

Renovierung eines Fünfzigerjahrebaus

Vergangene Woche etwa trafen sich die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten, um über Reformen bei den Öffentlich-Rechtlichen zu beraten. Eines der Ergebnisse ist, dass die Inhalte nun nicht mehr zwangsläufig aus den Mediatheken verschwinden sollen. Man ist geneigt, sich über so eine Entscheidung zu freuen. Aber die Kernbotschaft der Rundfunkkommission ist eine andere: Die Anstalten sollen sparen. Ja, sollen sie eben sparen. An neuen Parkplätzen. An den höchsten Gehältern (wobei die so intergalaktisch nicht sind, wie gern getan wird – Intendanten der ARD verdienen zwischen 230.000 und 400.000 Euro im Jahr). An teurem Fußball (der dann aber natürlich schwer vermisst würde).

Und dann sind da noch die Betriebsrenten. Dass sie erstaunliche Teile der Rundfunkbeiträge verschlingen, weist auf ein wesentliches Problem im öffentlich-rechtlichen Konstrukt hin: Es wird permanent an einem Rundfunkmodell herumgebastelt, das in einer anderen Zeit unter anderen Bedingungen für eine andere Gesellschaft entwickelt wurde. Hier und da wird ein Anbau drangeklatscht, wofür aber anderswo zum Teil wieder etwas abgerissen werden muss. Im Grunde renoviert die Medienpolitik unentwegt einen Fünfzigerjahrebau. Es ging, als die Öffentlich-Rechtlichen geschaffen wurden, um eine Grundversorgung mit Unterhaltung, Bildung, Kultur, Sport. Seitdem sind Hunderte private Sender, Google, Facebook und einmal WLAN für alle passiert. Was damals "Rundfunk" genannt wurde, also Hörfunk und Fernsehen, ist heute bloß ein Menüpunkt des Internets.

Interessenvertreter privater Medien freilich werden nicht müde zu betonen, dass die Öffentlich-Rechtlichen eh schon groß genug seien – was müssten sie da auch noch Internet machen? Der Rundfunkbeitrag sei wettbewerbsverzerrend, heißt es; die Öffentlich-Rechtlichen schwämmen im Geld, während es den Privaten selbst tendenziell an den Kragen gehe. Die Argumentation ist unlogisch, etwa weil es die Öffentlich-Rechtlichen schon lange gab, bevor etwa Zeitungen an Auflage zu verlieren begannen. Und wenn es den Privaten wirklich so schlecht ginge, müsste man die Öffentlich-Rechtlichen doch gerade stärken, damit wenigstens sie ordentlich weiter arbeiten können.

Eine andere Repräsentation der Gesellschaft

Zurück zur positiven Vision: Würde man die Öffentlich-Rechtlichen heute noch einmal in idealer Form neu konstruieren, wären sie beweglicher und weniger komplex strukturiert. Politische Parteien wären weitgehend oder ganz aus den kontrollierenden Rundfunkgremien raus. Schon damit der schädliche Eindruck gar nicht erst entstehen kann, die Politik würde den Medien reinreden. Die Gremien wären ohnehin anders besetzt, weniger nach Partei- und Religionszugehörigkeit, Vereins- und Verbandsregister. Sie würden eine komplexe Gesellschaft repräsentieren. Genau wie das Programm. Aber im Ernst: Dürfte das dann wirklich schmaler ausfallen, wie es so viele fordern, die sich über die Erhebung einer "Zwangsgebühr" aufregen?

Selbst in einer idealen Anstaltswelt gäbe es noch Talkshows, die die Zuschauer in Rage versetzen, sogar viel mehr Sendungen, über deren Stil und deren politische Zwischentöne sich viele ärgern. Es würden auch noch viel mehr Dinge schiefgehen, weil alles andere bedeuten würde, dass niemand etwas wagt.

Wenn die öffentlich-rechtlichen Sender diese Ziele umsetzen, könnte ein Umdenken einsetzen. Und die Haltung, aus etwas, das einem gerade nicht gefällt, gleich die mangelnde Legitimation des gesamten Systems abzuleiten, fiele vielleicht nicht mehr ganz so reflexartig aus.

Ein Rundfunk, der seine Legitimationskrise hinter sich gelassen hat, wäre einer, in dem jeder der 80 Millionen deutschen Programmdirektoren seine Nischen hätte, von denen er sagen kann: "Das ist übrigens meins." Und mit Blick auf den Nachbarn: "Aber deins könnte ich auch mal angucken." Ist das wirklich so utopisch?