Ein Pornodreh wird aufgemischt. Stiefel und Revolver auf dem Dachboden. In vorbildlicher Pflichterfüllung verhaftet die Polizei die Übeltäter vor und hinter der Kamera. Doch in Wirklichkeit geht es gar nicht um nackte Hintern, es geht um Bilder, die hochgestellte Politiker bei bizarren Spielchen zeigen. Es geht um Erpressung und Macht, um Sex geht es natürlich immer. 

Willkommen also in Babylon Berlin, der Stadt, in der alles möglich ist und sich tatsächlich auch ereignet: Hoffnung und Verzweiflung, Umtriebe, Verschwörungen und Laster aller Art, sogar die wahre Liebe. Die drei Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries setzen ab dem 13. Oktober auf Sky neue Maßstäbe der Fernsehunterhaltung. Die 18 Folgen von Babylon Berlin sind so gut wie die richtig guten internationalen Serien. Sie drehen sich um den Moloch Berlin, entführen in die zeitliche Ferne der Weimarer Republik, tun es aber so, dass die Parallelen zur Gegenwart unübersehbar bleiben.

Bestenfalls ein Experiment

Zweimal war Berlin in seiner Geschichte absolut modern, so sehr, dass die ganze Welt hinsah und schnuppern kam, heute und in den Zwanzigern. Und womöglich ging es damals noch wilder zu. Der Zeitpunkt für diese Geschichte mit vielen Strängen ist nicht schlecht gewählt. Die Krise ist Lebensgefühl.

Es dauerte ungefähr noch drei Jahre, bis Hitler übernahm, aber während der Monate, in der Berlin Babylon spielt, ist die Republik von Weimar bereits am Ende. Sie ist in die Knie gezwungen worden von ihren Hassern und verspielt worden von ihren Verteidigern, es ist ein Sterben in Etappen, deutlich sichtbar und vor Publikum. Trotzdem verfolgen die meisten Deutschen diesen Bühnentod nur mit kühler Distanz. Die erste deutsche Republik verfügte über keine Patrioten, leider auch kaum über Mechanismen, mit denen sie sich gegen ihre inneren Feinde zur Wehr setzen konnte – und deswegen wirkte sie am Schluss wie ein politischer Organismus ohne Immunsystem. Den einen war sie das größte denkbare Übel, weil der Kaiser fehlte, den andern nur ein Zwischenstadium auf dem Weg zu Sowjetkommunismus oder Diktatur. Vielen galt sie bloß als das kleinere Übel nach verlorenem Krieg und Versailler Vertrag, bestenfalls als ein Experiment, das vielleicht eine Zeitlang Wohlwollen verdiente. Irgendwann aber nicht mehr. 

Der Parlamentarismus ist perdu

Während der Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) ermittelt und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) so ideenreich wie pragmatisch ihr Leben wuppt, bricht die letzte der großen Koalitionen in Berlin zusammen. Reichskanzler Hermann Müller von der SPD tritt im März 1930 zurück, und damit ist der Parlamentarismus perdu, denn jetzt liegt die Macht ganz beim Reichspräsidenten Hindenburg, dem Veteran, dem lebenden Mahnmal der guten alten Zeit, der aber schon ziemlich klapprig ist und unter Einfluss einer Kamarilla reaktionärer Junker steht. Und diese Großgrundbesitzer wollen die Republik endgültig beseitigen, sodass die folgenden Jahre der Präsidialkabinette und Notverordnungen alles andere als stabil werden, vielmehr die Gefühle noch verstärken, man lebe in einer die Grundfesten des Lebens zerstörenden Endzeit.

Die Armenärztin Dr. Völker (Hördis Triebel, Mitte) demonstriert gegen das brutale Vorgehen der Polizei während der Mai-Unruhen. © Frédéric Batier / X Filme 2017

1929 erscheint Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz. Es istdie Geschichte eines kleinen Mannes, in dem sich viele wiederentdecken können, die nicht als Fettauge oben auf der Suppe mitschwimmen,  sondern arm geblieben sind und aus dem Krieg auch noch Zittern und Panikattacken mitgebracht haben. Dieser Franz Biberkopf ist einer, der einfach nicht auf die Füße kommt, der eine Moral hat und ein gutes Herz, und der trotzdem unter die Räder der Verhältnisse gepflügt wird, ein Verbrecher wider Willen, ein Opfer der Stärkeren, Schlaueren, Schnelleren. Die Republik ist rücksichtslos, und so sind ihre Menschen geworden, im schnoddrigen Berlin ohnehin. "Du kannst es nicht schaffen!", ist die Losung der kleinen Leute, die unter der Weltwirtschaftskrise und der Sparpolitik ihrer Regierung leiden.

Im Oktober 1929 reißt der Schwarze Freitag in New York die Aktienkurse in die Tiefe. Die USA fordern ihre Kredite von Deutschland zurück, während der Reichskanzler in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit ausgerechnet staatliche Unterstützungen kürzt. Hans Fallada erzählt in Kleiner Mann – was nun? vom Abstieg auch der Mittelklasse in jenen Jahren. Kaum einer kommt ungeschoren davon. Doch es funktioniert noch alles, noch werden die Fahrpläne eingehalten, die Müllabfuhr kommt, und es gibt eine Polizei. Trotzdem sieht das öffentliche Leben schon nach Kulisse aus, es wirkt faul unter der Oberfläche und riecht nach Zusammenbruch. Der Blutmai, die Unruhen vom 1. bis zum 3. Mai 1929 im Berliner Wedding mit 30 Toten, sie hatten vorgeführt, dass der Staat die politische Gewalt nicht mehr bändigt, ja sie selbst noch schürt. Kräfte sind am Werk, die von der Republik nicht mehr im Zaum gehalten werden können. Das Lebensgefühl ist Angst.