Mit dem Blick in eine erfreuliche Zukunft hat sich das Genre der Science-Fiction selten zufrieden gegeben. In der Regel verwendet man ein kontrolliert apokalyptisches Weltbild: Es muss erst noch einmal schlimmer werden, bevor es vielleicht wieder besser werden kann. Was die Gesellschaftsform anbelangt, so hat die Science-Fiction am liebsten Variationen der beiden Klassiker aus dem vorigen Jahrhundert verwendet: Schöne neue Welt von Aldous Huxley (die Menschen werden durch Drogen und Bequemlichkeit willfährig gemacht) und 1984 (der totale Überwachungs- und Terrorstaat erfasst den Menschen bis in die Privatsphäre und bis in die Sprache hinein). Unsere Wirklichkeit, derzeit, ist eine ziemlich perfekte Mischung aus beidem. Und wir haben uns daran gewöhnt, an unsere schöne neue Smarthome-, Bespaßungs- und Informationskriegswelt. Um den wahren Schrecken einer allseits sedierten Überwachungsgesellschaft zu sehen mit Terror und Zerfall an allen Ecken und Enden, müssen wir allerdings ins Kino gehen. In Science-Fiction-Filme. Denn Science-Fiction-Filme erzählen nie von der Zukunft, sondern immer von ihrer Gegenwart.

1982, kurz vor dem magischen Datum, erzählte Ridley Scott in seinem Film Blade Runner nach dem Roman von Philip K. Dick mit dem schönen Titel Träumen Androiden von elektrischen Schafen? von einer Welt, die einerseits in ein wimmelndes, endloses und universales Ghetto und eine metropolishafte Turmwelt der Mächtigen und Wissenden zerfallen war, und in der andererseits künstliche Menschen, "Replikanten", den "echten" Menschen die Drecksarbeit (auf kolonialisierten Planeten zum Beispiel) abnehmen. Es war, mit anderen Worten, eine neue Form der Sklaverei entstanden, deren Opfern man überdies eine begrenzte Lebensdauer verpasst hatte.  Ein mächtiger Wissenschaftler/Unternehmer/Vatergott namens Tyrell steckt hinter dieser Parallelschöpfung, die sich absehbarerweise nicht hundertprozentig kontrollieren ließ. Gegen die Auflehnung von Replikanten, gegen Flucht, Rebellion und gegen die Sehnsucht, wie echte Menschen zu leben, schickte man spezielle Polizisten/Detektive/Jäger aus, eben die Blade Runner. Sie jagen und eliminieren die entkommenen Kunstmenschen vulgo Sklaven.

Einer der Jäger, ein gewisser Rick Deckard (gespielt von Harrison Ford), der es an Heruntergekommenheit, Zynismus und verborgener Romantik mit jedem schäbigen Detektiv des Film noir aufnehmen konnte, verliert sich im moralischen, erotischen und politischen Sumpf dieser neuen Welt-(Un-)Ordnung und in dem Grund-Satz seines Namensgebers: "Ich denke, also bin ich." Doch in dieser (unserer) Welt ist man mit dem Sein ohne Bewusstsein (Huxley) besser dran, und wer zu denken beginnt, wird bald nicht mehr sein (Orwell). Am Ende, als die Replikanten ihren Schöpfer erreicht und zur Rede gestellt haben, und der Blade Runner seinen letzten Kampf gewinnt oder verliert, wie man es nimmt, ist die Frage, wer hier Original und wer Abbild ist, ohnehin nicht mehr genau zu beantworten. Dass Rick Deckard selbst ein Replikant ist, das ist eine Besserwisser-Lösung. Was wirklich zählt: der Zweifel.

Science-Fiction noir

Blade Runner war damals an den Kinokassen nur ein mäßiger Erfolg, entwickelte sich aber nach und nach zu einem wahren Kult. Zusammen mit Scotts anderem großen SF-Film Alien, der sozusagen nach hinten, an den Ursprung der Evolution, zurückerzählte, was Blade Runner nach vorn, ans katastrophische Ende, unternahm, war eine Neugeburt eines bis dahin hauptsächlich entweder ziemlich kindlichen oder aber formelhaften Genres geglückt: "Science-Fiction noir" erzählt von einer Zukunft, in der die Dinge nicht "futuristisch" glänzen, sondern abgenutzt und missbraucht sind, wie im richtigen Leben, und in der die Protagonisten weder Helden noch Opfer, sondern "normale" Subjekte von Kapital und Arbeit sind. Im Gegensatz zu Stanley Kubricks einzigartigen Werken 2001 und Clockwork Orange waren Ridley Scotts dystopische Science-Fiction-Filme anschlussfähig und fortsetzbar, nicht zuletzt, weil es immer auch Zutaten-Kino war, Kamera, Dekors, Licht, die Gestalt des Monsters in Alien, die Allgegenwärtigkeit elektronischer Werbe-Bilder im öffentlichen Raum bei Blade Runner, die Musik. Das alles hatte seinen Eigenwert und konnte, einzeln oder gemeinsam, Grundlagen für ein intelligentes, antikolonialistisches und kritisches Bild der Zukunft unserer Gegenwart jenseits von Star Trek und Star Wars liefern.

Das Entscheidende dieser kinematografischen Konstruktion der Zukunft war, und das hatte man wohl von Philip K. Dick gelernt, den Art Spiegelman einen neuen Kafka für das 20. Jahrhundert genannt hat, dass sich das Ungeheuerlichste aus der größten Normalität entwickelte und das Grauen nicht aus einem dramatischen Ereignis, sondern aus der Gewöhnung an Zustände entstand. Monster und Replikanten in der Science-Fiction noir sind nichts anderes als Bilder eines unglücklichen Bewusstseins, und beides, das parasitäre Ur-Wesen des Kosmos und die verzweifelt rebellische Parallelschöpfung, verdanken ihren Auftritt nichts anderem als der Profitsucht des Kapitalismus, der damals, in den achtziger Jahren, seine soziale Maske zu verlieren begann.