"Früher waren die Dinge einfacher", sagt der junge Mann zum alten, aber dieser Satz stimmt ja eigentlich nie. Es ist das Jahr 2049, die beiden Typen sitzen an einer Kasinotheke im menschenleeren, radioaktiv verstrahlten Las Vegas und trinken zusammen Whiskey. Was Männer halt so tun, zudem wenn sie einsam sind. Und in der klassischen Detektivgeschichte, wie Blade Runner eine ist, sind die männlichen Hauptfiguren stets einsam und tendenziell maulfaul. Der Alte (Harrison Ford) und der Junge (Ryan Gosling) haben Dinge gesehen, die Menschen niemals glauben würden – um gleich mal den berühmten kurzen Schlussmonolog des Replikanten Roy Batty zu zitieren aus dem ursprünglichen Blade Runner, der im Jahr 1982 in die Kinos kam und im Jahr 2019 spielte. Die reale Gegenwart ist also kurz davor, die erzählte Zeit des damaligen Films einzuholen. Da bot sich eine Fortsetzung an, der nächste Zeitsprung, der nächste weite Blick voraus: Blade Runner 2049 von dem Regisseur Denis Villeneuve, in dem Ford den Staffelstab an Gosling übergibt.

Nun existiert die Zukunft ja lediglich in unserer Vorstellung und ist eine Projektion unserer Wahrnehmung der Gegenwart in eine kommende Zeit hinein. Das ist die Grundlage jeder Science-Fiction-Fantasie, und eine der wirkmächtigsten Hollywood-Dystopien war die von Blade Runner, Ridley Scotts Adaption des 1968 erschienen Romans Träumen Androiden von elektrischen Schafen? von Philip K. Dick. Der Film war vor 35 Jahren zwar ein ziemlicher Flop an den Kinokassen, doch er hat tiefe Spuren hinterlassen, in den uns immer noch gegenwärtig erscheinenden Alpträumen von künftigen urbanen Molochen ebenso wie von der Erschaffung menschenähnlicher Wesen, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind und sich eines Tages gegen ihr Maschinenschicksal und ihre Erschaffer auflehnen. Da kommt der Blade Runner ins Spiel, diese in die Zukunft gedrehte Detektivfigur des alten Hardboiled-Helden und einsamen Mannes des Film noir, der nun als Beschützer der ganzen Menschheit dient: Er ist ein Auftragskiller und hat außer Kontrolle geratene Replikanten aufzuspüren und umzubringen. Replikanten sind, wir erinnern uns, jene äußerlich wie innerlich kaum von echten Menschen zu unterscheidende Zuchtwesen, denen fremde Erinnerungen eingepflanzt wurden. Nebenbei hat der Blade Runner sich die Frage zu stellen, ob er nicht selbst ein Replikant sein könnte, der seine eigene Art jagt.

Im Widerschein der Maschinen stellt der neue Blade Runner-Film wie zuvor der alte die große Frage danach, was den Menschen zum Menschen macht. Der jeweiligen männlichen Hauptfigur am nächsten steht dabei irritierenderweise je ein weibliches Wesen, das eindeutig als künstlich identifizierbar ist. Deckard, der alte Blade Runner, verliebte sich einst im Jahr 2019 in die Replikantin Rachael. Officer K hingegen, der neue Blade Runner, teilt im Jahr 2049 seine Single-Wohnung hoch über Los Angeles mit einem schönen und dienstbaren Hausfrauen-Hologramm, das den sprechenden Namen Joi trägt. Dieser neue Blade Runner ist wirklich völlig beziehungsunfähig.

Kino - "Blade Runner 2049" (Trailer) © Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

Die eingangs erwähnte Feststellung, die Dinge seien früher einfacher gewesen, trifft für Officer K zumindest im Hinblick auf seine sexuellen Aktivitäten tatsächlich zu: Während Deckard es mit einem greifbaren Wesen zu tun hatte, kann K mit einem körperlosen Hologramm schlecht Liebe machen. Dieses Motiv kennt man entfernt aus Spike Jonzes vier Jahre altem Zukunftsfilm Her, in dem die weibliche Hauptfigur ein Smartphone-Betriebssystem mit Frauenstimme war. Doch anders als bei Jonze ist die künstliche Intelligenz hier letztlich nicht zur Selbstreflektion fähig: Joi weiß zwar, dass sie ein Hologramm ist, versteht aber nicht, dass ihr die Gefühle für K lediglich einprogrammiert wurden. Sie kann gegen ihr Schicksal nicht aufbegehren, weil sie es als solches nicht erkennt. Da war Rachael einst weiter. Beziehungsweise, und das ist ein Grundmotiv des neuen Blade Runner 2049: Die Programmierer sind besser geworden. Ihnen unterlaufen zumindest nicht mehr die gleichen dummen Fehler wie früher.

Den neuen Film als einen über Männlichkeit zu verstehen, drängt sich nicht nur wegen der bestenfalls als unterkomplex zu bezeichnenden Frauenfiguren auf, sondern natürlich auch wegen der beiden männlichen Hauptdarsteller. Ryan Gosling hat dabei die weitaus größere und schwierigere Aufgabe, denn man betrachtet ihn zwangsläufig als Wiedergänger Harrison Fords. Der war Ende 30, als er den ursprünglichen Blade Runner spielte, Ryan Gosling ist heute 36 Jahre alt und in einer ähnlichen Position wie Ford 1982: Er ist die ultimative Verkörperung dessen, was sich Hollywood gerade unter einem erwachsenen und trotzdem nicht zu alten Helden vorstellt. Ein Schwarm selbstverständlich, smart, super Körper, super Haare. Aber auch einer, in dessen Spiel man wahlweise eine ironische oder melancholische Grundierung erkennen kann. So als wisse Gosling selbst am besten: Mindestens für heterosexuelle männliche Zuschauer wäre sein fabelhafter Anblick unerträglich, wenn er den nicht brechen würde durch Andeutungen, dass unter der perfekten Hülle irgendwas stecken möge, womit man sich als Normalhässlicher ansatzweise identifizieren kann. Gosling hat in den vergangenen Jahren immer wieder Rollen gespielt, in denen entweder sein Äußeres weniger attraktiv erschien oder sein Körper gleich symbolisch entstellt wurde: In The Place Beyond The Pines war er volltätowiert, in Only God Forgives wurde Goslings Leib systematisch malträtiert, in The Big Short sah er freundlicherweise zumindest obenrum bescheuert aus: lachhafte Frisur, lachhafter Gesichtsteint. Gosling, das könnte die Arbeitshypothese seiner bisherigen Karriere sein, wirkt deshalb als Mann modern, weil er seine so offenkundige Männlichkeit infrage stellt.