Jedes Jahr im Herbst wird das fränkische Städtchen Hof zum "Home of Films". Vor 50 Jahren gründete der Regisseur Heinz Badewitz die Hofer Filmtage und leitete sie bis zu seinem überraschenden Tod 2016. Thorsten Schaumann hat als neuer Leiter ein schwieriges Erbe übernommen: Er soll einerseits die Tradition bewahren, andererseits dem Festival neue Relevanz verleihen.

ZEIT ONLINE: Herr Schaumann, manchen gilt Hof als Veteranentreffen, dem eigenen Anspruch nach sind die Filmtage vor allem eine Bühne für den Nachwuchs. Welcher Aspekt ist Ihnen wichtiger?

Thorsten Schaumann: Mein Fokus wird auf alle Fälle auf dem Nachwuchs liegen, das sieht man auch in diesem Jahr. Aber natürlich haben wir gleichzeitig Filmemacher in Hof, die schon länger im Geschäft sind: Dominik Graf, Roland Reber, der ein Art Hofer Kindl ist, oder Axel Ranisch, den man trotz seines jungen Alters auch schon zu den Veteranen zählen kann. Die gehören zur Hof-Familie, werden immer zurückkehren, Aufmerksamkeit aufs Festival lenken und dadurch die Plattform für den Nachwuchs vergrößern.

ZEIT ONLINE: Die Hofer Filmtage verstehen sich weniger als klassisches Festival denn als Familientreffen. Bisher gab es keinen Wettbewerb. Werden Sie an dem Konzept festhalten, Ihre Filme nicht gegeneinander antreten zu lassen?

Schaumann: Ja. Wir sind ein "Home of Films", da halte ich einen Familienwettbewerb nicht für sinnvoll. Denn wir wollen vor allem, dass die Leute gerne nach Hof kommen und nicht primär sagen: Ich will und muss jetzt unbedingt diesen Preis gewinnen. Hof ist eine Mission und eine Plattform, auf der man gesehen wird, weil sie klein und fein ist.

ZEIT ONLINE: Wie möchten Sie die Hofer Filmtage modernisieren?

Schaumann: Wir möchten Diskussionen fördern, die kontrovers sein sollen und wehtun dürfen. In unserem Programm HoF Plus diskutiert etwa der Bundesverband Schauspiel über die Gagen für Hochschul- und Debütfilme. Es geht um den Einfluss der Digitalisierung in der Filmwelt ­– mein Steckenpferd ­–, um Virtual Reality und Augmented Reality. Eine neue Video-on-Demand-Plattform stellt sich vor, und wir werden in einem hochkarätig besetzten Panel mit dem Titel "Jäger des verlorenen Zuschauers" darüber diskutieren, wie es sein kann, dass viele Filme, die erfolgreich auf Festivals laufen, nicht ins Kino kommen. Wie schaffe ich neue Anreize, damit der Zuschauer ins Kino geht? Und wie können dabei digitale Abrufplattformen eingebunden werden?

ZEIT ONLINE: Planen Sie innovative Formate bei den Filmtagen?

Schaumann: Wir werden Augmented und Virtual Reality an Ausprobierstationen präsentieren. Natürlich kann man sich vorstellen – wenn das technisch und inhaltlich mal so weit ist –, solch ein Format als Film in Hof zu zeigen. Wir können auch darüber hinausdenken: Was ist mit Plattformen wie YouTube oder Google, auf denen ja komplette Filme entstehen? Die haben zwar eine andere Art und Weise der Rezeption, sind aber genauso Teil der Filmwelt. Das sind für mich spannende Felder, die ich mittel- bis langfristig auf dem Festival etablieren will. 

"Auch ein Festival ist eine Vertriebsplattform"

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, das klassische Kino wird sich gegenüber solchen neuen Formaten öffnen?

Schaumann: Wir sollten keine getrennten Wege gehen und sagen: Ich habe hier die YouTube-Kanäle mit drei Millionen Abonnenten und dort das Kino, das zum Museum wird. Nein, Kino lebt mehr denn je, das zeigt Hof mit seinen Filmen und Diskussionen. Aber wir dürfen die digitalen Themen eben nicht ausblenden. 

ZEIT ONLINE: Heinz Badewitz war Filmemacher, Sie sind diplomierter Wirtschaftswissenschaftler und kommen aus dem Vertrieb. Wird sich dieser unterschiedliche Zugang zum Medium Film bemerkbar machen?

Schaumann: Mein Hintergrund ist ein betriebswirtschaftlicher, das stimmt, wobei ich bei der Bavaria Film International und bei Sky immer in der Mischform Inhalt und Vertrieb gearbeitet habe. Auch ein Festival ist eine Art Vertriebsplattform, wo es darum geht, Inhalte zusammenzustellen und sie einem Publikum zu präsentieren. Heinz kam aus der inhaltlichen Richtung und hat das Festival mit der Zeit professionalisiert. Ich bin den umgekehrten Weg gegangen, aber Hof ist für mich keine Managementplattform. Das Herzstück bleibt immer der Film.

ZEIT ONLINE: Worin besteht für Sie als Verkaufsexperte das Alleinstellungsmerkmal der Filmtage?

Schaumann: In der Barrierefreiheit. Jeder kann jeden ansprechen. Es ist egal, ob man schon lange in der Branche ist oder frisch dazukommt: Jeder ist offen. Es geht in Hof nicht darum, in welchen Restaurants du warst oder auf welchen Partys, wo du reingekommen bist und dir noch ein Ticket besorgt hast. Du kannst überall hingehen, egal wer du bist und was du machst. Hauptsache, du interessierst dich für Film. Das ist einzigartig.

ZEIT ONLINE: Filmfestivals haben sich in den vergangenen Jahren den Serien geöffnet. Eine Option auch für Hof?

Schaumann: Eher nein. Ich bin ein großer Fan von Serien, sie sind ein wichtiger Bestandteil des filmischen Sehens. Die Beeinflussung der Serien durchs Kino finde ich wahnsinnig interessant und warte darauf, dass sich das Kino jetzt auch wieder von Serien inspirieren lässt. In Hof sehe ich da aber keinen Schwerpunkt, das können andere Festivals besser. 

Ist das deutsche Kino zu brav geworden?

Wim Wenders 2014 beim Klassentreffen in Hof © Internationale Hofer Filmtage

ZEIT ONLINE: Der 68er-Geist der Gründungszeit scheint in Hof verflogen zu sein. Ist das deutsche Kino zu brav geworden?

Schaumann:  Nein, das glaube ich nicht. Die Filmlandschaft insgesamt hat sich verändert, die Anforderungen sind andere. Wenn man sich heute die provokanten Filme von damals anschaut, kommt einem der eine oder andere relativ brav vor. Aber vielleicht provoziert Film an sich nicht mehr so wie früher. Ich brauche mir ja nur die Nachrichten anzuschauen, da sehe ich so viele schockierende Bilder, dass es schwierig ist, so etwas noch mal im Film zu transportieren. Aber es gibt immer Überraschungen, und die werden wir auch in Hof sehen.

ZEIT ONLINE: Wovon waren Sie selbst am meisten überrascht?

Schaumann: Von den Filmen, die man als German Indies bezeichnen kann, also den frei finanzierten. Da spürt man die Passion, und mich berührt, was die Filmemacher erzählen. 

"Wie geht es Deutschland?"

ZEIT ONLINE: Wann passt ein Film denn nach Hof?

Schaumann: Wenn er geradlinig emotional anspricht. Perfekt gemacht sein muss er nicht. Wir haben keine Vorgaben und können es auch mal wagen, verrücktere Sachen zu zeigen, inhaltlich wie formal. Eine quirlige Komödie bis hin zum Fast-Kunstfilm.

ZEIT ONLINE: Haben Sie thematische Schwerpunkte im diesjährigen Programm ausmachen können?

Schaumann: Eine Tendenz geht sicherlich zu Geschichten um starke Frauen, die Selbstbestimmung suchen und leben. Genauso soziale Themen: Wie geht es Deutschland? Unter welchen Bedingungen leben Menschen hier? Das ist wohl auch der allgemeinen wirtschaftlichen Situation geschuldet, dieser Schere: Einigen Leute geht es wahnsinnig gut, vielen aber eben auch schlecht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie bei der Filmauswahl bewusst auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet?

Schaumann: Nein, ich schaue immer nur auf den Film. Ich lasse mich gerne davon überraschen, mit welchen Themen Frauen kommen. Wir haben zum Beispiel eine Doku über den Mister Gay aus Syrien, der in der Türkei nominiert wird – und den Film hat die türkische Regisseurin Ayşe Toprak gemacht. Da dachte ich: Wow, geil!

ZEIT ONLINE: Was halten Sie generell von einer Geschlechterparität im Film, wie sie Pro Quote Regie fordert?

Schaumann: Bei einem Festival sollte die Quote keine Rolle spielen, aber wahrscheinlich achtet man intuitiv darauf, dass auch Regisseurinnen dabei sind. Die wichtigere Frage lautet: Wer sitzt in den Auswahl- und den Fördergremien? Da könnte man sicherlich eher einen weiblichen Blick reinbringen. Bei uns ist das immerhin in Teilen der Fall: Im vierköpfigen Team, das die Filme gesichtet hat, sitzt mit Inge Hagedorn eine Frau, und im gesamten Team der Filmtage arbeiten hauptsächlich Frauen.

ZEIT ONLINE: Das Budget der Filmtage ist mit knapp 500.000 Euro vergleichsweise bescheiden. Ein Problem? 

Schaumann: Natürlich ist eine bessere Ausstattung immer gut, allein schon, weil andere Festivals ja mit hohen Geldpreisen winken. Wir arbeiten kontinuierlich an einer Budgeterhöhung, ich glaube aber, dass Geld allein nicht alles regelt.