"King Kong", 1933: Die Monster und Superhelden von Hollywood stehen als Metaphern für die ungelösten Verhältnisse von Sexualität und Macht in unseren Kulturen. © Hulton Archive/Getty Images

Mit Harvey Weinstein verhält es sich derzeit ein wenig so wie mit seinem Spiegelbild Donald Trump. Man möchte am liebsten schon gar nichts mehr hören von neuen hässlichen Details, nicht mehr rühren ans ebenso Offensichtliche wie Unerträgliche. Und das dazugehörige Bild kann man schon dreimal nicht mehr sehen. Und doch dürfen sich die Augen nicht schließen, darf der Aufklärungsdruck nicht nachlassen, dürfen die Diskurse nicht abgeheftet werden. Es geht nämlich um nichts anderes als um die Frage danach, wie wir leben wollen oder können in absehbarer Zeit.

Die erste Erzählung zu Harvey Weinstein geht so: Ein Übeltäter nutzt seine Macht in einem System, in dem er es ökonomisch und politisch so weit gebracht hat, dass es ihm in weiten Teilen auch dabei hilft, seine Übeltaten zu vertuschen, zumal diese Übeltaten, soweit sie sexueller Natur sind, von einem Teil seiner Mitmenschen offen oder klammheimlich "verstanden" werden. Jemand, der nicht nimmt, was er kriegen kann, ist nämlich in diesem System blöde. Fragt sich nur: Was muss man "wollen", und was kann man "kriegen". Wie kann Sexualität, die mit Gewalt, Korruption oder Drohung erlangt wird, überhaupt etwas sein, was man wollen kann? Und welcher Art muss der Mensch sein, der es will? Und um welche Art von Pavianfelsen-hafter Codierung von Macht und Sexualität als hierarchischem System geht es da?

Keine schnellen Antworten. Denn all das führt sehr rasch in ein Gewirr kultureller, soziologischer, ethnologischer, psychopathologischer und neurologischer Diskurse. Für einen Teil der Empörten weltweit ist Weinsteins Verhalten nämlich verboten, aber "normal". Für einen anderen Teil (und darauf arbeitet schon eine Verteidigungsstrategie hin) eben gerade nicht "normal" und deswegen eher als Krankheit denn als Übeltat schon wieder halb verziehen (Therapie als Buße). Ist die Übeltat ein individuelles Verbrechen, das durch ein System gedeckt wird, oder genau andersherum, eine Krankheit, die durch das System erzeugt wird? Und schon, so geht es bei uns zu, haben wir die Opfer an den Rand gedrängt und vernachlässigt. Denn das soziale Problem sind immer die Täter, und interessanter sind sie, wie man in Hollywood weiß, ja auch immer.

In der einen Erzählung also nutzt der Mächtige seine Macht, um Sex als Profit zu generieren. Der Weinstein, der Trump und ihre zahllosen kleinen Abbilder, sie können sich sexuelle Übergriffe zur Befriedigung ihrer Lust erlauben, weil sie so mächtig und so reich sind. Die andere Erzählung aber (in einer etwas trivialen Ableitung stammt sie von Beobachtungen vom Pavianfelsen im Zoo) spricht genau andersherum davon, wie sehr sexuelle Handlungen, sexuelle Unterwerfungen, ja auch sexuelle Gewalt notwendig sind, um Macht zu generieren. Der sexuelle Übergriff ist dann nicht der Überschussenergie der Macht zu verdanken, sondern, im Gegenteil, ihrem beständigen Selbstzweifel. Der Immobilienmaklerpräsident und der Produzentenmogul müssen nach dieser Definition sexuell übergriffig sein, weil sich sonst ihr narzisstisches Machtempfinden nicht stabilisieren ließe.

Wir kennen diese Erzählung aus zahlreichen Hollywoodfilmen: Anormal ist also nicht derjenige, der die Gelegenheit ausnützt, sondern im Gegenteil jener, der sie sich entgehen lässt. Wer nicht versucht, aus jeder sozialen auch eine sexuelle Beziehung zu machen, wenn es sich nach dem kollektiven Beuteschema lohnt, der ist entweder schwul, neurotisch oder zur Rolle des ewigen – machtlosen – Sidekicks verurteilt.

Hollywood - Schauspielerinnen erhöhen Druck auf Harvey Weinstein Mehrere Frauen werfen dem Hollywoodproduzenten sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung vor. Sie fordern dazu auf, die Kultur des Wegschauens zu beenden. © Foto: YANN COATSALIOU/AFP/Getty Images

Nicht Doppelmoral, sondern Bewusstseinsspaltung

Der Pavianfelsen verstärkt das Pavianfelsenverhalten, weil er keinem Element des Systems erlaubt, sich von ihm zurückzuziehen. Jedes mehr oder weniger geschlossene soziale und semantische System verstärkt ein Verhalten, in dem Sexualität und Macht eine unheilvolle Einheit bilden. Das alte, reaktionäre Modell zur Casting-Couch-Mythologie – und es ist wahrlich nicht verschwunden – lautet daher: Wer sich in dieses System begibt, tut es freiwillig, mit der Hoffnung auf den eigenen Vorteil, er hat unsere Warnungen gehört, es geschieht ihm recht, es soll nur möglichst nichts von diesem Verhalten nach außen dringen. Im abscheulichsten, aber nicht auszurottenden Bild ist die unattraktive Frau ja nur neidisch auf die attraktive, die sich "nach oben schläft".

Das neue, liberale Modell dagegen verteilt die Karten ein wenig anders: Es werden nicht nur alternative Verhaltensweisen angeboten, sondern auch die Rollen von Tätern und Opfern neu besetzt. An die Stelle der klassischen Doppelmoral (Alles ist verboten, es sei denn, ein Mann hat genug Macht, um es sich zu erlauben), tritt eine flüssige Moral (Alles ist erlaubt, es sei denn, es geschähe gegen den erklärten Willen eines Beteiligten und nicht im Rahmen des Vernünftigen). Im fundamental neoliberalen Modell schließlich werden die Beziehungen von Tätern und Opfern ausschließlich marktförmig ausgehandelt. Freiheit heißt da, über den Preis selbst bestimmen zu können (Alles ist erlaubt, was Vorteil bringt und Konkurrenz verdrängt. Weder Recht noch Gesellschaft, sondern nur deine eigene Cleverness oder Marktmacht können dich vor dem Beute-Werden bewahren). 

Was wir indes ahnen: Die Verhaltensweisen von Trump oder Weinstein lassen sich nicht nur als Rückfälle in barbarischen Machismo lesen, sondern auch als exzessive Auslegungen neoliberaler Gepflogenheiten. So wird aus dem offenen Machtspiel das heimliche Wettbewerbsspiel. Männer wie Trump und Weinstein genießen es offensichtlich, sexuell die Konkurrenz auszutricksen. Das Ziel des narzisstischen Soziopathen ist die Entwertung des sogenannten Objekts seiner Begierde und letztlich seine Vernichtung.