Spätestens seit Roberto Savianos Gomorrha sind die Zeiten des eleganten Mafioso vorbei. Sein Enthüllungsbuch sowie dessen gleichnamige Kino- und Serienadaptionen zeichnen die neapolitanische Camorra als Ansammlung von aus dem Leim gegangenen Mittvierzigern und vorlauten Emporkömmlingen. Ihre Mitglieder verstecken sich hinter heruntergekommenen Häuserfassaden, tragen Trainingsjacke statt Maßanzug und sitzen mit der Colaflasche vor gigantischen Flatscreens, statt in Oper und Theater dem Kulturangebot ihrer Heimat zu frönen.

Die neue Netflix-Serie Suburra treibt diese Entwicklung auf die Spitze: Sie zeigt die vielleicht stillosesten Gangster der Fernsehgeschichte. Der aufbrausende Numero 8 (Alessandro Borghi), Nachkomme einer traditionsreichen römischen Mafia-Dynastie, trägt schlecht blondierte Billy-Idol-Haare. Sein Verlegenheitspartner Spadino (Giacomo Ferrara), Sohn einer aufstrebenden Sinti-und-Roma-Familie, überbietet ihn noch mit seiner idiotischen Gelfrisur. Das Family-first-Geseier ihrer verfeindeten Väter geht den beiden jungen Männern ebenso auf den Geist wie die permanente Erinnerung an einen vermeintlichen Ehrenkodex. Was sie antreibt, sind allein Geld, Macht und Sex.

Nach dem Neuköllner Actiondrama 4 Blocks und der aktuellen Staffel des Drogenkrieg-Epos Narcos ist Suburra bereits die dritte Serie in diesem Jahr, die den Großfamilien des organisierten Verbrechens jedweden Glamour abspricht. In 4 Blocks sitzt das denkwürdige Gangster-Dummchen Abbas Hamady (Veysel Gelin) im Tigerschlüpfer vor der Playstation und kratzt sich am Sack. Den Rest seiner Zeit verbringt er damit, die Geschäfte des Clans zu ruinieren. In Narcos sind die Drogenbarone zwar effizient, aber verweichlicht: Beim kleinsten Feindkontakt verkriechen sie sich in sargähnliche Verstecke unter den Marmorfußböden ihrer Luxusdomizile. Die Mafiosi aus Suburra kreuzen in knallorangenen Protzautos auf und reagieren ihren Frust an Türstehern und Zwangsverlobten ab.

Suburra ist gewissenmaßen das Hauptstadtpendant zu Gomorrha und erzählt die Vorgeschichte zu dem gleichnamigen semifiktionalen 400-Seiten-Thriller des Journalisten Carlo Bonini und des Richters Giancarlo De Cataldo. Der 2014 erschienene Roman handelt von den Immobiliengeschäften eines hochrangigen römischen Politikers mit Vatikan und Mafia – und dessen Vorliebe für Drogenpartys mit minderjährigen Prostituierten.

Vatikan im Sex- und Koksrausch

Die Serie spielt im Jahr 2008 und lehnt sich an die letzten Tagen der (bisher) letzten Berlusconi-Regierung an. Die tief greifenden Verstrickungen zwischen Staatsmacht, Religion und organisiertem Verbrechen behandelt Suburra noch schonungsloser als etwa 4 Blocks, dessen Gewaltentladungen im Spannungsfeld von Gentrifizierung und Gangstertum mitunter allzu stilvoll inszeniert erscheinen. In Suburra ist das Blutvergießen die letzte Konsequenz einer Welt, die sich aller Moralvorstellungen entledigt hat. Bezeichnenderweise demonstrieren nicht die Gangster und Politiker des Serienensembles das höchste Maß an Zynismus, sondern die hochrangigen wie hochgradig korrupten Geistlichen, die einen Vatikan im Sex- und Koksrausch repräsentieren.