Nach der Erholung durch Ödnis, die der Bremer Karriere-Tatort letzte Woche verströmte, geht's in der neuen Frankfurter Folge (HR-Redaktion: Jörg Himstedt, Liane Jessen) gleich wieder in die Achterbahn der Experimentierfreude, auch wenn das vielleicht ein arg knalliges Bild ist für die Möglichkeiten des ARD-Sonntagabendkrimis. Nach diesem Fall scheint es jedenfalls durchaus denkbar, dass sich manche Zuschauerin wieder nach der Bräsigkeit zurücksehnt, über die am Beispiel Bremens gerade geschimpft wurde.

Fürchte Dich variiert die legendäre deutsche Fernsehreihe nämlich hinein ins Genre des Horrorfilms, wobei man das Deutsche und Fernsehreihenhafte schon daran spürt, dass der Titel nichts verschweigt. Redaktion so: Damit der Jugendschutz nicht auf dumme Gedanken kommt und die ganze Kiste noch weiter beanstandet, schreiben wir die Triggerwarnung gleich in den Folgennamen rein. Soll keiner sagen, wir hätten's nicht laut und deutlich gesagt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der Fall spielt im Haus von Kommissar "Brixi" Brix (Wolfram Koch), das sich in seiner verblichenen Pracht anbietet, um von Untoten und anhängendem Spuk heimgesucht zu werden. Genauso wie Mitbewohnerin Fanny (Zazie de Paris) in ihrer strahlenden Queerness angesichts solcher Transgressionserfahrungen viel stärker zu ihrem Recht kommt als beim kurzen Teekochen für irgendwelche im Haus geparkten Hinterbliebenen. Fanny hat dieses Mal so viel Screentime wie in keiner Folge zuvor, während das Revier (Bruno Cathomas als der neue Chef, Isaak Dentler als Assistent Jonas) eher pflichtschuldig Mini-Auftritte zugestanden bekommt.

Horror ist ja nur vordergründig beziehungsweise in seinen epigonalen Varianten ein Genre, das den Zuschauer mit Grusel und Krassheit attackiert. Im Kern geht es immer darum, übertriebene Bilder für eine unerledigte Vergangenheit zu finden. In Fürchte Dich wird die eingeschleppt von einem alten Mann, Otto Schlien (der große Axel Werner), der in der Anfangsszene auf das Brixi-Haus zusteuert. Der Kamera (Benjamin Dernbecher) wird beim Empfang der Figur am Gartentor mulmig, wohl auch, um noch mal anzudeuten, dass der sogenannte Realismus heute leider draußen bleiben muss.

Schlien will das Haus in Brand setzen, wird aber von skelettösen Händen in den Vorgarten zurückgerungen. Dazu läuft das ganze Programm aus dem Starter-Kit für Horrorfilme: eskalierende Musik, im Wind schlagende Flügeltüren, Laub und Lichtflackern. Der alte Mann überlebt, bildet aber den entscheidenden Link in die Vergangenheit, aus deren Erhellung dieser Frankfurter Tatort seinen Arbeitsauftrag ableitet: Es wird tatsächlich ein Fall von 1956 ermittelt, wie Brixi dem Chef in einer hübsch trockenen Szene mitteilt.

Die ermittlungsstiftende Leiche, die eine der wenigen Konstanten des Tatort ist, wäre hier also tatsächlich das Mädchenskelett vom Dachboden. Das lag da seit der Zeit, als das Brixi-Anwesen ein Waisenhaus war – geleitet von der Schlien-Mutter, die nach einem Kinderstreich ertrank ("Die Kinder hatten ihr gesagt, Otto sei ins Wasser gegangen."); Otto habe sich daraufhin rächen wollen, den anderen Kindern ihre wertvollsten Dinge gestohlen und das Mädchen umgebracht.

Heimerziehung, Missbrauch und Schwarze Pädagogik

Diese Version von der Geschichte wird durch den andauernden Spuk infrage gestellt und am Ende kommt heraus, dass der Tod des Mädchens in Wahrheit eine Schutzmaßnahme Ottos war: Der Junge hatte das Mädchen aus den Händen des sie missbrauchenden Arztes Dr. Gerhard (Carl Achleitner) befreit, der nach dem Tod der Schlien-Mutter die Leitung des Waisenhauses übernommen hatte. Als beide sich im Schrank versteckten vor dem Arzt, hält Otto dem Mädchen die Hand vor den Mund, damit es beide nicht durch Geräusche verrät, was aber zum – doch arg fixen, aber gut, es ist ein Film – Ersticken führt.

Ein Unfall! Und damit ein, man kann fast sagen, klassischer und gar nicht so kunstvoller Kunstgriff des Tatort in den Zeiten des Postheroismus. Denn mit Unfällen werden diejenigen Protagonisten vor Schuld geschützt, die dem ARD-Sonntagabendkrimi sympathisch sind und die er nur fälschlicherweise als Anfangsverdächtige braucht.

Die Nummer mit dem Unfall wäre so eine Aneignungsgeste,mit dem der deutsche Fernsehfilm sich das ihm seit langer Zeit fremde Horrorgenre auf spezifische Weise zu eigen macht. Eine andere schöne Variation der Standardsituationen ist die Einführung des am Ende zur Strecke gebrachten Fiesewichts (es muss doch um 21.45 Uhr wieder Ordnung herrschen in der Welt): Der große Hans-Uwe Bauer ist einer Doppelrolle zu sehen. Eingeführt wird er als leicht vertrottelter Brixi-Nachbar gleich zu Beginn, damit das Publikum ihn später wiedererkennen kann, wenn er als Bürgermeister (und Zwillingsbruder des Nachbarn) von der Gegenwart aus die Ermittlungen unter Druck setzt (die Zwillinge sind die Söhne des schrecklichen Dr. Gerhard, der böse von beiden hat folglich kein Interesse daran, das Bild des Vaters von Schuld beschmutzt zu sehen).

Man kann sicherlich darüber streiten, ob der Tatort sich als Horrorfilm verkleiden sollte. In die Logik der ästhetisch wie inhaltlich geräumigen Sendereihe passt das durchaus: Der Tatort konnte ja auch deshalb so alt und langlebig werden, weil er sich nicht auf etwas festgelegt hat (etwa ein sehr präziser Krimi zu sein), sondern immer offen war für die wechselnden Moden der Zeit.

Erzählerisch konsequenter ausgeführt, hätte Fürchte Dich zwar noch deutlicher als Beitrag des ARD-Sonntagabendkrimis zum erst in der jüngeren Zeit breiter diskutierten Komplex von Heimerziehung, Missbrauch und Schwarzer Pädagogik in der Nachkriegsbundesrepublik hervortreten können. Aber auch mit der stark individualisierten Arzt-Geschichte ergibt das Konzept von Debütant Andy Fetscher (Regie) und Christian Mackrodt (Drehbuch, gemeinsam mit Fetscher) Sinn, solch ein in der Vergangenheit liegendes Problemfeld durch den Horror im Heute wieder verhandelbar zu machen. Dass der Otto-Sohn, den die eigenen Eltern genauso wenig wie dessen Tochter mögen und der nur am Rande durch den Film irrt, das Trauma geerbt hat und mit dem Hass eines Neonazis bearbeitet, gehört unbedingt hinein in den gelungenen Entwurf.

Und alle jene, die zu Beginn womöglich abgeschreckt waren vom Gegrusel, werden am Ende versöhnt vom Pathos des Soundtracks (zwischendurch auch mit fancy Synthie-Klängen: Steven Schwalbe, Tobias Wagner): Zu den stummen Heldentaten auf der Bildebene (Brixi rettet die von Margarita Broich gespielte Kollegin Janneke und die Otto-Enkelin aus dem dramatisch abfackelnden Haus) und dazu fährt das HR-Sinfonieorchester Streicher und Pauken "in alter Manier" (Ingo Schulze) auf. Auch deswegen ist Fürchte Dich ein Film, der nicht so billig aussieht, wie er im Vergleich zur Kinovariante nun mal ist.