Pornos sind für den Tatort die Weinbrandbohnen, die man vor den Kindern versteckt, von denen man aber selbst mitunter nascht. Der ARD-Sonntagabendkrimi kann, wenn er von Pornos handelt, nebenher Schauwerte ausstellen, weil die das Sujet doch erfordert (hotte Ladys, nackte Brüste, angedeutete Fantasien), und die codiert-obszöne Sprache der Branche (Bukakke, Gang Bang, DP) als Dialogmaterial verwenden, weil die doch nun mal so reden. 

Gleichzeitig muss der Tatort, wenn er wie in der Münchner Folge Hardcore (BR-Redaktion: Stephanie Heckner) Pornografie zu seinem gesellschaftlich diskutablen Thema macht, den Bildungsauftrag hochhalten. Er muss permanent zeigen, dass er genug Abstand hält zu der schmierigen Parallelwelt, die ihn mit ihren Basalreizen zwangsläufig fasziniert. Für die Distanz gibt's in Hardcore gleich zu Beginn Musik. Der Cold Song aus Henry Purcells King Arthur-Oper (wenn auch nicht in der Version des Klaus-Nomi-Hits) begleitet Marie Wagner (Helen Barke) zu einem Pornofilmdreh mit 26 Männern in ein Studio ("I can scarcely move/or draw my breath"), aus dem sie nicht mehr lebend herauskommt.

Einen gegenläufigen Effekt bewirkt die Szenografie (Oliver Hoese), weil die – anders als Musik – dem Film ja schlecht äußerlich bleiben kann. Also lässt die feuerrote Motivik, die sich durch mehrere Schauplätze zieht (die U-Bahnhofdecke, das Studio am Anfang, das Filmset am Ende, die Plissees am Fenster in der Wohnung von der Marie-Kollegin) die Sexfilmproduktionen besser und geschmackvoller aussehen, als es in der freien Wildbahn der Fall ist. Auf seinen, wie es hier tatsächlich heißen müsste, Look legt Hardcore viel Wert (Kamera: Jonas Schmager). Der Tatort gefällt sich in der Schickheit völlig abgedunkelter Verhörräume, in denen nur noch das Mario-Adorf-Weiß der Haare vom Ivo (Miroslav Nemec) und vom Franz (Udo Wachtveitl) leuchtet.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

Um die Leiche herum nimmt das konventionelle Täter-Karussell Fahrt auf. Der Internetproduzent (Frederic Linkemann), der Old-School-Heimmedien-Produzent (schön gefrustet: Markus Hering), die vom Nebenberufsleben nichts ahnende Marie-Mutter (Sylvana Krappatsch), der das Nebenberufsleben bei Suche nach Triebabfuhr entdeckt habende Marie-Vater und der Oberstaatsanwalt (Götz Schulte), der 26. Mann (dialektal ein Highlight: Daniel Flieger) – sie alle tanzen mit assoziierbaren Mordmotiven durch diesen Tatort, mal mehr, mal weniger offensichtlich.

Besonders ist dagegen, wie die Weinbrandbohne Pornografie dem handelnden Personal immer wieder auf der Zunge zergehen muss (Drehbuch: Regisseur Philip Koch mit Bartosz Grudziecki). Vermutlich kann etwas, das mit so viel Scham nach außen behaftet ist, in einem Fernsehfilm, den zehn Millionen gucken sollen, gar nicht anders als mit permanenten Witzchen und Sprüchen bearbeitet werden, um ein wenig Entlastung zu schaffen.

Immerhin ist ein Dreistufenmodell erkennbar, wo die Ermittler im Tatort normalerweise wenig unterschiedlich charakterisiert werden. Für die dämlichsten Bemerkungen schiebt Hardcore eigens den Reviermitarbeiter Semmler (Stefan Betz) in den Vordergrund – als Bad Bank aller Schwiemeligkeiten ("hechel, hechel"), die anscheinend gesagt werden müssen, auch wenn keine ernstzunehmende Figur das übernehmen will. Merkwürdig daran ist außerdem, dass der wortspielerische Witz von im Film zitierten Titeln der Pornobranche (Game of Throats, Pacific Rim Job) viel präziser und origineller ist als Semmlers sich überlegen fühlendes Hohoho.