Es hat etwas Verheißungs- und Geheimnisvolles, wenn der alte Kaczmareck seine Aale ausnimmt und sagt: "Im Kopf kann man überall hinreisen. Und wenn du auf den Mond willst, kein Problem. Stellst eine Leiter ran und rauf." Zwar guckt der zehnjährige Fred (Tilman Döbler) etwas ungläubig, aber Kaczmareck (Hermann Beyer) weiß einfach viel zu viel; man kann ihm nur glauben.

Gleich zu Beginn von Zuckersand führt er Fred und dessen Eltern im Garten einen Bumerang vor. Der bestreitet seine Flugbahn und schlägt schließlich – Kaczmareck ist soeben fertig mit seinem Australien-Vortrag –  in die Markise der Hollywoodschaukel ein. Es ist Sommer 1979 in Falkenwerder. Nur wenige Meter von Freds Elternhaus beginnt das Grenzgebiet, bellen Schäferhunde, laufen Soldaten Patrouille.

Australien – der Kontinent der Träume

Das hält den Jungen nicht davon ab, dort mit seinem gleichaltrigen Freund Jonas (Valentin Wessely) umherzustreifen und den Bumerang Richtung Westen zu werfen. Doch diesmal kommt er nicht zurück, er landet im Grenzstreifen. Der Traum von Australien aber bleibt in den Köpfen der beiden Kinder. Schon das Wort ist der Inbegriff der Freiheit. Und wirklich träumte man sich in der tiefsten DDR-Zeit vielmehr dorthin als nach West-Berlin, Paris oder Rom. Australien: Das war so weit weg von politischen Zwängen und Systemen; der Kontinent mit Tieren, die es sonst nirgendwo gab, schwebte irgendwo losgelöst im Weltall; eben dort, wo sich kein Schäferhund mehr in Grenzzäune verbeißt. 

Fred, der aus einem staatstreuen Elternhaus kommt (freilich gucken Mutti und Vati Sonnabend Am laufenden Band), und Jonas, dessen alleinerziehende Mutter Tischgebete spricht und einen Ausreiseantrag gestellt hat, sind unzertrennlich. "Jonas ehrt Gott mehr als Ernst Thälmann", posaunt eine Mitschülerin im Russischunterricht heraus. Für Fred sind die Gebete schöne Gedichte; so schön, dass er zum Entsetzen der Eltern selbst einmal am Abendbrottisch die Hände faltet. Die zwei Jungen könnten unterschiedlicher nicht sein, und halten zusammen wie Pech und Schwefel, Blutsbrüderschaft inbegriffen. Auch wenn Jonas bald in den Westen gehen wird: Über die Kraft der Gedanken, so machen es auch die Aborigines, werden sie für immer verbunden bleiben, da sind sie sich sicher. Bis sie sich eines Tages in Australien wiedersehen werden.

12.742 Kilometer durch märkischen Sand

Wie man aus der DDR dahin kommt? Man muss sich nur lange genug durch den märkischen Sand, den so genannten Zuckersand, buddeln. 12.742 Kilometer tief; dann kommt man in Australien raus. Und wenn Jonas erst einmal im Westen ist, kann er nach Australien reisen und seinem Freund entgegenbuddeln. Kaczmareck hat die Koordinaten berechnet. Vorerst schaufeln sie gemeinsam in einer stillgelegten Fabrik heimlich am Loch. Drei Meter haben sie schon, dann kommt schneller als erwartet der Tag der Ausreise und alles ändert sich im Kinderleben. 

Zuckersand, auf dem Münchner Filmfest als bester Fernsehfilm des Jahres ausgezeichnet, ist wirklich ein Ausnahmefilm. Vom Drehbuch über die Kameraführung, vom Casting bis zur Ausstattung stimmt hier alles. Der Regisseur Dirk Kummer, der mit Bert Koß auch das Drehbuch schrieb, inszeniert detailgetreu, tiefgründig und bedacht das Leben in der DDR aus der Kinderperspektive. Künstlerisch ist das ein schmaler Grat. Kummer geht ihn behutsam und souverän.

Er erzählt das einfache Leben in der DDR, wie es bisher kaum ein Spielfilm vermochte. Das Absurde, die politischen Reglementierungen, den Verdruss, den Ärger, die Resignation, den Slapstick-Sozialismus lässt er aus. Er zeichnet nichts grau und trist; das erledigen schon die Häuserfassaden.

Die Ausreise - eine absolut beklemmende Szene

Wie der Badeofen geheizt wird, die Wäscheschleuder ratternd durch die Waschküche marschiert oder Kaczmareck mit Aal und Bier auf dem Tisch Längen- und Breitengrade erklärt, selbst das Ausräuchern der Maulwurfshügel im sommerlichen Garten wird in poetischen Bildern eingefangen. Kummer, der wie Koß selbst im Osten aufwuchs, spielte im letzten Defa-Film Coming out die zweite Hauptrolle und machte dort erste Erfahrungen als Regieassistent von Heiner Carow (Die Legende von Paul und Paula). Wie man Akzente setzt, Stimmungsbilder zeichnet und das Dramatische sich unter dem Brennglas der Stille entfalten lässt, zeigt er in Zuckersand. Ein wenig schimmert Carows Handschrift hier auch durch; kleine Anspielungen weisen auf die Verehrung hin.

Dass Kummer auch den Nebenrollen einen einprägsamen Entfaltungsspielraum lässt, spricht für sich. Die Menschen in Zuckersand haben sich alle auf ihre Art und Weise mit dem System arrangiert und versuchen, aus ihrem Leben mit den einfachsten Mitteln und auf eine zutiefst menschliche Art und Weise das Beste zu machen. Man sieht Gesichter von großer Authentizität, in denen sich alle Schattierungen der Zeit ablesen lassen.

Ende der unbeschwerten Kindheit

Auch die Ausreise in den Westen kann man kaum beklemmender umsetzen: Menschen, die mit ihrem Koffer in der Hand auf ihre Abfertigung warten. Sie gehen, einer inneren Notwendigkeit gehorchend, in die Freiheit und sind doch bedrückt und drehen sich immer wieder um, als könnten sie ihre wohlüberlegte Entscheidung plötzlich nicht mehr begreifen. Dieses Bild berührt und schneidet sich tief ins Gedächtnis ein.

Die Ausreise in den Westen und die Grabung nach Australien verschmelzen schließlich zu einem Drama, über das der Zuckersand rieselt und die unbeschwerte Kindheit unter sich begräbt. Die schauspielerische Leistung von Tilman Döbler als Fred kann man gar nicht genug würdigen. Grandios verkörpert er, wie Kinder täglich mit dem politischen System konfrontiert wurden, ohne es zu verstehen. Sein gesamtes Handeln wird vom unerschütterlichen Glauben an die Freundschaft angetrieben. Als er im Olympiakader an die Sportschule in Potsdam kommt, strengt er sich auch dort nur an, um eines Tages nach Australien zu kommen und Jonas wiederzusehen. In seiner kindlichen Standfestigkeit und Treue verkörpert der Zehnjährige etwas, was den meisten von uns längst abhandengekommen ist.

"Zuckersand" läuft am Mittwoch, 11. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten und ist anschließend in der Mediathek abrufbar.