ZEIT ONLINE: 2017 war das Serienjahr für deutsche Produktionen. Babylon Berlin, You are Wanted, Das Verschwinden, 4 Blocks und Dark – fast jeder Sender und jede Plattform ist mit einer Eigenproduktion auf den Markt gekommen. Sie waren mit Turner 2012 die Ersten, die exklusive Serien produziert haben. Fürchten Sie die Konkurrenz?

Greifeneder: Ich habe noch nie Angst davor gehabt, was rechts und links von mir passiert. Dass wir in Deutschland so früh dran waren, hat uns natürlich Vorteile verschafft. Wir hatten Zeit, gute Verbindungen in die deutsche Produktionslandschaft aufzubauen. Ich bin aber auch froh, dass jetzt andere Sender nachziehen. Das gibt uns die Rechtfertigung, weiter selbst zu produzieren, und stärkt generell das Pay-TV, denn letztlich sitzen wir alle im selben Boot. Allerdings spüren wir, dass gerade sehr viel gedreht wird. Ich habe also weniger Angst, dass wir keine originellen Themen mehr finden, sondern eher, dass die guten Autoren und Regisseure alle beschäftigt sind. Das war früher anders, da konnten wir aus dem Vollen schöpfen.

ZEIT ONLINE: Sie haben für Deutschland sehr unkonventionelle Serienthemen produziert: Dating, Mystery, arabische Clans. Haben Sie weniger Angst vor Ablehnung als andere Produzenten in Deutschland?

Greifeneder: Ach ja, die German Angst. Ich glaube schon, dass ich weniger Bedenken habe als andere. Aber wir können uns als Pay-TV-Sender auch leichter etwas trauen. Wir sind nicht so existenziell auf die Quote angewiesen und müssen nicht wie im Free-TV die breite Masse abholen.

ZEIT ONLINE: Sie müssen für Ihre Sendergruppe bei Turner aber doch auch bestimmte Zielmarken erfüllen.

Greifeneder: Natürlich wollen wir zumindest Fans gewinnen. Aber im Zweifel nehmen wir lieber weniger, dafür solche, die unsere Serien wirklich lieben und eine Bindung zu unserem Sender aufbauen. Ein Ziel ist somit auch erfüllt, wenn wir durch positive Kritiken bescheinigt bekommen, dass wir abwechslungsreich und innovativ sind.

ZEIT ONLINE: Können Sie sich nicht ohnehin alles erlauben, seitdem Sie 2011 Game of Thrones für Deutschland eingekauft haben?

Anke Greifeneder, geboren 1972, ist bei Turner seit 2013 für die Eigenproduktionen in Zentral- und Osteuropa verantwortlich. Für das Mystery-Drama Weinberg und die Dramedy Add a Friend, die sie für TNT Serie produzierte, wurde sie mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet. Die ebenfalls von ihr produzierte Gangster-Serie "4 Blocks" wurde ebenfalls mehrfach prämiert und ist nun auf ZDFneo zu sehen. © Jo Simon

Greifeneder: Ehrlich gesagt war ich damals ziemlich alleine auf dem deutschen Markt. Fox hatte noch ein bisschen mitgeboten, aber eigentlich hatte ich kaum Konkurrenz. Daher konnte ich Serien wie Boardwalk Empire, Lilyhammer oder eben Game of Thrones relativ problemlos einkaufen.

ZEIT ONLINE: Diese Zeiten sind definitiv vorbei.

Greifeneder: Ja, als Sky 2009 auf den Markt kam und für Sky Atlantic einen Output-Deal mit HBO gemacht hat [eine Vereinbarung, die Sky die Ausstrahlung aller HBO-Produktionen ab Vertragszeitpunkt sichert, Anm.d.Red.], war es nicht mehr so einfach, an Serienrechte zu kommen. Daraufhin habe ich gesagt: So, Leute, jetzt müssen wir die Sachen eben selbst machen. Wir dürfen keine reine Abspielstation bleiben, sondern müssen unser Profil schärfen und uns von der Konkurrenz abgrenzen. Ich brauche keine neuen Leute, wir machen das alleine, gebt uns einfach ein Budget, das wir verschmerzen können.

ZEIT ONLINE: Daraus entstand 2012 Add a Friend, die erste  Eigenproduktion eines deutschen Pay-TV-Senders.

Greifeneder: Wir wussten, dass wir mit dem Geld, das wir hatten, keine zehn Autobahnen in die Luft sprengen konnten. Also haben wir beschlossen, ein Kammerspiel zu machen, was Zeitgeistiges mit Social Media, das war 2012 noch total crazy.

ZEIT ONLINE: Dafür haben Sie und Ihr Team 2013 den Grimme-Preis bekommen.

Greifeneder: Wir hatten Glück, dass uns so viel Wohlwollen entgegengebracht worden ist. Das hat für Vertrauen beim Sender gesorgt und wir haben für unser zweites Projekt, Weinberg, ein größeres Budget bekommen: mehr als 3,5 Millionen Euro.

ZEIT ONLINE: Wieder ein sehr untypisches Genre für Deutschland: Mystery.

Greifeneder: Alle in der Branche dachten: Die spinnen. Aber auch Weinberg ist positiv aufgenommen worden, wir haben wieder einen Grimme-Preis bekommen und wurden als beste Serie für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Danach haben wir überlegt: Wollen wir uns auf eine bestimmte Richtung spezialisieren, auf ein bestimmtes Genre wie zum Beispiel Scandi Noir? Oder wollen wir immer wieder etwas anderes machen? Da ich zu den Leuten gehöre, die tendenziell schnell gelangweilt sind, habe ich gesagt: Lasst uns so lange etwas Neues machen, bis uns nichts mehr einfällt. Dann können wir uns immer noch wiederholen.