Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und linearen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne "Hildegard von Binge" besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Tin Star"

Tim Roth ist einer dieser Hollywoodschauspieler, von denen man nie so richtig weiß, ob es sie wirklich gibt, oder ob sie nicht doch eine fantastische Erfindung von Quentin Tarantino sind. Roth war Mr. Orange in Reservoir Dogs, der Diner-Gangster Pumpkin in Pulp Fiction und der fantastische Hotelpage Ted in Four Rooms. Die britische Serie Tin Star (eine Anspielung auf die Romanvorlage zum Kultwestern High Noon) könnte eigentlich eben so gut Tim Star heißen, denn sie ist absolut auf ihren Hauptdarsteller zugeschnitten. Roth spielt den neuen Polizeichef des kanadischen Bergörtchens Little Big Bear, in dem Polizeiarbeit so überflüssig ist, dass die Angestellten Ego-Shooter spielen und ihren Chief zum Angeln schicken.

Daraus allein kann man natürlich keine zehnteilige Serie stricken. Also kommt das sinistre Energieunternehmen North Stream ins Spiel, das eine riesige Raffinerie im Ort errichtet. Christina Hendricks (Joan Holloway aus Mad Men) hat hier einen hübschen Auftritt als skrupellose PR-Chefin. Als die ersten toten Vögel im Fluss dahintreiben und die erste Aktivistin tot in ihrem Auto gefunden wird, tritt der Chief auf den Plan. Und muss dafür einen hohen Preis zahlen.

Tin Star hat eine interessante Ästhetik, PR-Filme von North Stream mischen sich mit den irrsinnig schönen Landschaftsaufnahmen der Rocky Mountains. Auch die Darstellung von Gewalt (und von der gibt es nicht wenig) wird in dieser ungewöhnlichen Mischung aus Überzeichnung und Naturalismus gezeigt. Sehenswert ist die Serie aber tatsächlich vor allem wegen ihres Hauptdarstellers. In geduckter Boxerhaltung kämpft Roth nicht nur gegen einen realen Killer, sondern auch gegen den Dämon Alkohol, der einen anderen Menschen aus ihm macht. Einige Ideen und Motive von Tin Star sind nicht ganz neu, und der Blick des Protagonisten in den Badezimmerspiegel, aus dem ihn sein böses Alter Ego anguckt, ist von Twin Peaks geklaut. Doch das verzeiht man dieser Serie, die dem Neo-Western-Genre einige neue Perspektiven abgewinnt. Außerdem: lieber gut geklaut als schlecht erfunden. (Carolin Ströbele)

Die zehn Folgen von "Tin Star" laufen montags um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic HD und parallel auf Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand.


"Transferts – Im fremden Körper"

Der Mensch will Ewigkeit – dieser Gedanke eint Transplantationsmedizin wie auch die Transhumanisten des Silicon Valley, die durch technische Erweiterungen des Körpers die Grenzen des Daseins verschieben wollen. Während in der großartigen HBO-Serie Westworld der Körper mechanisch nachgebaut und der Geist als Software aufgespielt wurde, geht die neue Arte-Produktion Transferts – Im fremden Körper einen Schritt weiter. Was, wenn in naher Zukunft organische Menschenkörper als Wirte für den Geist anderer fungieren könnten? Was, wenn man nicht nur Herzen, sondern auch Seelen transplantieren könnte?

In diesem Szenario breitet die sechsteilige Science-Fiction-Serie die Geschichte des Tischlers Florian Bassot (Arieh Worthalter) aus, der bei einem Unfall ums Leben kam. Seine Frau hat dafür gesorgt, dass sein Geist in den Körper des verstorbenen Polizisten Sylvain Bernard transferiert wurde. Der Körperwechsel war illegal, und ausgerechnet der als Bernard wieder Auferstandene arbeitet bei einer Ermittlereinheit, die gegen widerrechtliche Transfers rigoros vorgeht. Nicht genug, dass nun der Geist eines Tischlers mit dem Körper eines Polizisten umgehen lernen muss, nein, er müsste sich eigentlich auch selbst anzeigen.

Im fremden Körper zeichnet eine völlig kaputte Gesellschaft, die geprägt ist von Korruption, Selbstjustiz, Menschenhandel, Überwachung und religiösem Fanatismus. In diesem Spannungsfeld dekliniert die Serie die großen Fragen des Leib-Seele-Dualismus durch, wie er seit der Antike philosophisch erörtert wird. Als intelligenter Krimi dicht und erschütternd erzählt. Die einzig positive Annahme über das Wesen des Menschen: Liebe ist Geist und damit unsterblich. Das wiederum erinnert in rührender Weise an Only Lovers Left Alive. (Rabea Weihser)

"Transferts – Im fremden Körper" läuft ab Donnerstag, 16. November (jeweils drei Folgen), auf Arte.