Georg Dengler heißt der Privatermittler, der es als Protagonist in den Krimis von Wolfgang Schorlau auf bislang acht Auftritte gebracht hat. In ZDF-Verfilmungen war er schon zweimal zu sehen – gespielt von Ronald Zehrfeld, der viriler und körperlicher wirkt, als man sich die Figur bei der Lektüre vorstellt. Unterstützt wird Dengler bei seiner Arbeit von der immer wieder auf- und abtauchenden Olga, die man sich unscheinbarer als ihre charismatische Darstellerin Birgit Minichmayr ausmalt. Olga ist Hackerin und damit die Frau für all die Fälle, bei denen Dengler an brisante Dokumente kommen muss.

Die ZDF-Produktion Dengler – Die schützende Hand ist nun also der dritte Dengler-Fall, der fürs Fernsehen adaptiert wird –  die Verfilmung des, vorsichtig gesagt, etwas umstrittenen Bestsellers von Schorlau. Der Krimiautor hatte sich mit Die schützende Hand thematisch in den NSU-Komplex begeben, um über den Tod der beiden Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 in Eisenach mit einer Theorie wieder herauszukommen, die er für "realitätstüchtiger" (Schorlau im Nachwort seines Romans) hält als die offizielle Version (Selbstmord nach Auffliegen). Nämlich für eine "Inszenierung", eine "Story" von größeren Mächten, Geheimdiensten, die etwas verdecken müssen. Im Buch gibt es einen US-amerikanischen Botschafter, der Druckmittel gegen deutsche Steuerpläne für US-Großkonzerne braucht.

Um Schorlaus Realitätsertüchtigung als Unsinn zu erkennen, kann man seine Falschdarstellungen korrigieren (Hirnmasse wurde gefunden, Feuerwehrfotos liegen dem Untersuchungsausschuss vor und so weiter). Man kann sich aber auch zwei einfache Fragen stellen: Wie seriös ist es, Zweifel an der Wirklichkeit nicht in einem nüchtern recherchierten Sachbuch aufzulisten, sondern in einem durch Erfindungen zurechtgezimmerten Unterhaltungsroman zum Ausdruck bringen zu wollen? Noch im Nachwort werden die angeblichen Erkenntnisse wiederum – fast ein bisschen kindisch – als "Denglers Bericht" vermarktet.

Und: Was am verschwörungstheoretischen Geraune, das in rechten Blogs wie NSU-Leaks und Arbeitskreis NSU Urständ feiert, soll bitteschön hilfreich sein für ein Verständnis des ganzen Komplexes? Was ist daran besser, als weiter zu versuchen, die blinden Flecken in der Geschichte (die es ja gibt, weil staatliche Behörden sich nicht für Aufklärung interessieren) mit Recherche auszuleuchten? Die "Erkenntnis", dass finstere Mächte befahlen, zwei Strohmänner umzubringen, ist antiaufklärerisch – was bei den Onlineschleudern der rechten Sicht auf den NSU-Komplex nicht verwundert; denen geht es um Desinformation und Verunklarung.

Mit solchen Antworten, wie Schorlaus Erfolgsbuch sie unter die Leute bringt, will aber nichts herausgefunden und nichts verstanden werden. Man kann es sich – und das macht Verschwörungstheorien so bequem und reizvoll – dadurch lediglich in einem scheinbar privilegierten Wissen gemütlich machen: Mossad, CIA und Stasi, Kubrick, Kennedy und die Kondensstreifen, Sie wissen schon. Ja, und dann? 

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Das ZDF hat also diesen Film produziert (Redaktion: Elke Müller). Weshalb man schon noch mal darauf hinweisen kann, dass Dengler – Die schützende Hand leider nicht infrage kommen wird als Textbaustein für die nächste Intendanten-Sonntagsrede, in der das hehre Wort vom Bildungsauftrag fällt. Wie berückend wäre die Vorstellung, der öffentlich-rechtliche Sender hätte den siebenstelligen Betrag, den der Film gekostet hat, in eine Gruppe fähiger Journalistinnen investiert, die ein oder zwei Jahre lang nichts anderes machen, als zu versuchen, die offenen Fragen im NSU-Komplex noch einmal mit Ausdauer, Sorgfalt und Nachdruck zu bearbeiten?

Zumal Lars Kraumes Verfilmung sich selbst nicht leiden zu können scheint – sie nimmt sich so wenig Zeit für sich. Zack, zack reisen Dengler und Olga nach Thüringen, um in einer Eisenacher Halle, unterstützt vom lokalen LKA-Mann Marius Brauer (Tom Wlaschiha), in der Gegenwart die Wohnmobil-Situation von 2011 noch mal aufzubauen. Zwischendurch wird ermittelt, während in Wiesbaden das BKA unruhig wird.

Was ist eigentlich los mit dir?

Könnte dem Publikum genauso gehen, denn bereits nach fünf Minuten Dengler – Die schützende Hand fragt Komplizin Olga den Titelhelden: "Was ist denn eigentlich los mit dir?" Die gleiche Frage wird Olga nach über einer Stunde noch mal stellen, und weil beim Showdown auch Denglers Ex-BKA-Chef Dr. Müller (Rainer Bock) sich in dieser Richtung erkundigt ("In letzter Zeit frage ich mich wirklich manchmal, was mit Ihnen bloß los ist?"), kommt man als Zuschauer nicht umhin, sich zu fragen: Ja, genau, was ist denn eigentlich bloß mit Dengler los?

Nichts. Denn die "Was ist denn eigentlich los mit dir?"-Frage kommt immer dann im deutschen Film vor (und sie kommt oft vor, achten Sie mal drauf), wenn das Drehbuch (hier: ebenfalls Kraume) noch Text braucht und die Zuschauerin die Wandlung des Helden nicht von selbst erkennen kann. Dabei wäre diese Wandlung ein Standard von kanonischer Dramaturgie, ein erster Schritt in Richtung Komplexität, weil dadurch ein Vorher und ein Nachher unterscheidbar würde.